Irak: "Gegen wen kämpfen wir?" - DER SPIEGEL
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Irak "Gegen wen kämpfen wir?"

US-Truppen stürmen Nadschaf, die heilige Stadt der Schiiten.
Von Siegfried Kogelfranz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Krieg nach dem Krieg, den es seit dem von Präsident George W. Bush im Mai 2003 verkündeten Sieg im Irak gar nicht mehr hätte geben sollen, sterben ungleich mehr Menschen als davor. 139 amerikanische Soldaten verlieren im Drei-Wochen-Feldzug bis zur Besetzung Bagdads ihr Leben.

Die Zahl der irakischen Opfer seit Kriegsbeginn im März 2003 wird auf bis zu 100 000 geschätzt. In einem seither ständig eskalierenden Kleinkrieg fallen über tausend GIs, Zehntausende werden verwundet und verkrüppelt. Die Soldaten kennen ihre Feinde nicht. Zu viele mischen mit bei den täglichen Anschlägen, Aufständen, Terrorattacken und Selbstmord-Attentaten gegen die Besatzer. Der Wiederaufbau des Landes ist lahm gelegt, weil es kaum mehr Sicherheit gibt. Ratlos überschrieb das Pentagon ein Papier über den zermürbenden Feldzug: "Gegen wen kämpfen wir im Irak?"

Gegen Saddam-Anhänger, heißt es zunächst. Doch nach der Festnahme des Ex-Diktators in einem Erdloch nehmen die Angriffe gegen die US-Truppen und Angehörige der von ihr eingesetzten Übergangsregierung keineswegs ab. Sie kämpfen gegen Zellen der früher herrschenden Baath-Partei und Angehörige der Elitetruppe Republikanische Garde, die nach Auflösung der Saddam-Armee in den Untergrund gegangen seien. Sie kämpfen gegen internationale Terroristen der Qaida Bin Ladens, die nach dem Krieg ins Land strömten, gegen Sunniten, die unter Saddam das Sagen hatten, und schließlich gegen schiitische Fundamentalisten, die offen nach der Macht greifen.

Zu viele Feinde an zu vielen Fronten. Die auseinander zu halten fällt nicht nur den Soldaten schwer. Auch das Oberkommando weiß kaum, wer gerade die größte Gefahr für die Sicherheit im Land darstellt, zumal sich immer wieder einst verfeindete Gruppen im Kampf gegen die verhassten Besatzer zusammentun - Sunniten und Schiiten, einstige Saddam-Getreue und Kriminelle. So müssen die Amerikaner regelrechte Schlachten schlagen, die ihnen beim Sturm auf Bagdad erspart geblieben waren. Im August starten 3000 US-Marines und Infanteristen, unterstützt von eilends zusammengewürfelten irakischen Polizei- und Militäreinheiten, einen Großangriff mit Flugzeugen, Panzern und Kampfhubschraubern auf Nadschaf. Dort hat sich in der Imam-Ali-Moschee, dem Grabmal des ermordeten Mohammed-Nachfolgers Ali und damit einer der heiligsten Stätten von 150 Millionen schiitischen Muslimen in der Welt, der radikale Prediger Muktada al-Sadr mit tausend Kriegern seiner "Mahdi"(Erlöser)-Armee festgesetzt. Er will die Moschee, gleichsam den Vatikan der Schia, unter seine Kontrolle bringen. So möchte der 31-Jährige, der selbst keinen Rang in der religiösen Hierarchie hat, seinen Anspruch auf Herrschaft über die Schiiten untermauern - ist er doch der Sohn eines Großajatollahs, dessen Vater und Brüder unter Saddam ermordet worden waren. Seine Kämpfer leisten den angreifenden Amerikanern erbitterten Widerstand bis vor die Mauern der Moschee. Die wiederum dürfen US-Soldaten als "Ungläubige" weder beschädigen noch betreten. Das könnte Schiiten weltweit zu gewalttätigen Protesten mobilisieren. Also sollen irakische Sicherheitskräfte die Rebellen aus dem Heiligtum vertreiben, doch die zögern immer wieder, fraternisieren zum Teil mit den Aufrührern. Ultimatum folgt auf Ultimatum. Die Regierung, die mehrmals fälschlich die Befreiung des heiligen Schreins verkündet hat, bietet Sadr freien Abzug an. Doch die Mahdi-Krieger weichen nicht. Eine Katastrophe droht.

Da erscheint als Retter in der Not die oberste religiöse Autorität der irakischen Schiiten. Großajatollah Ali al-Sistani, 73, der gerade eine Herzoperation in London überstanden hat, kehrt vorzeitig in den Irak zurück und fordert seine Gläubigen zu einem friedlichen Marsch nach Nadschaf auf, um das Heiligtum zu retten. Der Nachkomme des Propheten Mohammed zieht selbst an der Spitze der Massen in die Stadt ein und handelt eine Lösung des Konflikts aus. Sowohl Sadr und seine Streitmacht als auch die Amerikaner müssen Nadschaf verlassen - und so geschieht es auch. Wieder ist es dem Unruhestifter Sadr gelungen, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Er preist den Rückzug der Amerikaner als seinen Sieg.

Unterdessen haben islamistische Terroristen die Sicherheitslage im ganzen Land so weit unterminiert, dass immer mehr ausländische Hilfsorganisationen und Firmen den Irak verlassen und damit den Wiederaufbau zum Stillstand bringen.

Seit Monaten werden Ausländer als Geiseln genommen, vor allem aus Staaten, die der so genannten Koalition der Willigen angehören und Truppen oder Aufbauhelfer im Land haben. Mit Hinrichtungsdrohungen wollen die Terroristen den Abzug der Fremden erzwingen - und immer öfter führen sie diese Drohungen auch aus und schlachten ihre Opfer vor laufender Kamera ab. Dieses Schicksal trifft unter anderen vier zivile Amerikaner, türkische Lkw-Fahrer, Bulgaren, Libanesen, Koreaner, einen Japaner und einen italienischen Journalisten, auch zwölf Nepalesen, die als Handlanger einer jordanischen Firma arbeiten, worauf in Nepal blutige antiarabische Krawalle ausbrechen. Mehrere Länder ziehen ihre Kontingente aus dem Irak zurück, andere zahlen Lösegeld. In Frankreich solidarisieren sich die Muslime mit zwei entführten französischen Journalisten.

Als aber zwei junge Italienerinnen entführt werden, die sich seit fast einem Jahrzehnt für eine nicht staatliche Hilfsorganisation im Land engagieren, werden fast alle noch verbliebenen privaten Hel- fer abgezogen. Zwar kommen die Frauen nach Zahlung von Löse-geld frei, Uno-Generalsekretär Kofi Annan, der den Irak-Krieg erst-mals "illegal" nennt, äußert aber die Befürchtung, dass der eskalierende Terror die für Januar 2005 angesetzten Wahlen unmöglich mache.

Das US-Militär, das schon über 1100 Gefallene beklagt, räumt ein, ein wachsender Teil des Landes werde von Aufständischen kontrolliert.

3,4 Milliarden Dollar, die für den Wiederaufbau gedacht waren, sollen nun für den beschleunigten Ausbau irakischer Sicherheitskräfte ausgegeben werden - deren Rekruten freilich oft schneller Anschlägen zum Opfer fallen, als sie gedrillt werden können. In einer Analyse fürs Weiße Haus fürchten die US-Geheimdienste, der Irak werde auf nicht absehbare Zeit "ein Hort des Terrors" bleiben - bis hin zur Gefahr eines jahrelangen Bürgerkrieges. Allein George W. Bush sieht das geschundene Land unverdrossen auf dem "Marsch in die Freiheit".