Olympia: "Schwesterchen, meine Hochachtung" - DER SPIEGEL
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Olympia "Schwesterchen, meine Hochachtung"

Birgit Fischer, mit acht Goldmedaillen Deutschlands erfolgreichste Olympionikin, über die Olympischen Spiele in Athen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist Freitag, der 27. August, 9.20 Uhr: Das Finale im Kajak-Vierer steht bevor. Ein letztes Mal schwöre ich die drei anderen Mädchen auf das Rennen ein. "Denkt daran: Erst im Ziel ist Schluss", sage ich. "Ihr müsst immer an den Sieg glauben, auch wenn wir unterwegs zurückliegen. 500 Meter sind lang. Wir haben es drauf." Dann ertönt das Startsignal. Wir kommen gut weg, aber die Ungarinnen noch besser. Sofort hängen sie uns ab. Unweigerlich muss ich an die Olympischen Spiele vor vier Jahren in Sydney denken. Damals war es genauso: Die Ungarinnen führten, und wir mussten hinterher. In Australien haben wir noch knapp gewonnen, werden wir es heute wieder schaffen?

150 Meter vor dem Ziel denke ich: jetzt oder nie. Ich gebe das Kommando, das Tempo zu erhöhen. Und wir kommen näher. Aber wird Carolins Kraft reichen? Sie hatte eine Kehlkopfentzündung, musste Antibiotika schlucken, und ich bin mir nicht sicher, ob sie schon wieder richtig fit ist. Wir kommen noch etwas näher. Ich paddle, so schnell ich kann. Meine Lunge rasselt, meine Arme brennen wie Feuer. Wir sind gleichauf. Wir gehen in Führung. Fünf Meter vor dem Ziel weiß ich, dass es reicht. Noch vier Meter, drei, zwei, noch ein Meter ... geschafft! Ich reiße die Arme in die Luft, schreie.

Erst war ich glücklich, überhaupt in Athen zu sein, und nun bin ich Olympiasiegerin. Damit habe ich selbst nicht gerechnet. Ich hatte drei Jahre nicht mehr im Kanu gesessen, als ich mich entschloss, ein Comeback zu wagen. Ich habe auch nur 303 Tage trainiert, mehr Vorbereitungszeit hatte ich nicht. Zwischendurch kamen mir immer wieder Zweifel: Warum tust du dir das an? Bist du nicht schon zu alt? Daher hat dieser Erfolg einen ganz besonderen Stellenwert. Ich bin 42 und zweifache Mutter, meine Partnerinnen im Boot könnten meine Töchter sein. Ich bin zum sechsten Mal bei Olympia und habe gerade meine achte Goldmedaille gewonnen - 24 Jahre nach dem ersten Triumph.

Eine Viertelstunde nach dem Rennen habe ich 34 SMS auf dem Handy. Mein Bruder Frank gehört zu den Ersten, die anrufen: "Schwesterchen, meine Hochachtung."

Weil ich vor der Siegerehrung kein Handtuch auftreiben konnte, stehe ich mit klitschnassen Haaren auf dem Treppchen. Als mir der Olivenkranz auf den Kopf gesetzt wird und man mir die Goldmedaille um den Hals hängt, bekomme ich Gänsehaut. Die Tränen muss ich mir verkneifen. Für diesen Moment habe ich mich gequält, an den Fitnessgeräten zu Hause im Keller. Dafür bin ich morgens um sechs bei Wind und Wetter ins Kanu gestiegen. Ich bin stolz auf mich.

Es gibt Sportler, die brauchen nach so einem Ereignis lange, um wieder in der normalen Welt anzukommen. Bei mir ist das anders. Natürlich hätte ich gern ein biss-chen gefeiert, aber am darauf folgenden Morgen steht das Finale im Zweier auf dem Programm. Und Olympische Spiele sind eine schnell rotierende Maschine, die permanent neue Helden ausspuckt. Ich fahre im Kleinbus von der Regattastrecke zurück ins Olympische Dorf. Um halb zehn gehe ich ins Bett, schließlich muss ich um fünf wieder aus den Federn.

Im Athletendorf fühle ich mich wohl. Es ist faszinierend, wie 10 500 Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe und Religion fröhlich und friedlich zusammenleben, obwohl sie Konkurrenten sind. Es wäre schön, wenn das auf der ganzen Welt so funktionieren könnte.

In meiner Freizeit bin ich oft im Internet-Café. Ansonsten gibt es Springbrunnen, an denen man sich trifft. Den meisten Kontakt mit Athleten aus anderen Ländern habe ich in der Kantine. Dort kommt man schnell ins Gespräch. Wir können asiatisch essen, italienisch und deutsch. Mir fehlt nur morgens meine Haferschleimsuppe.

Leider liegt das Olympische Dorf ziemlich weit draußen, deshalb bekomme ich von der Atmosphäre in Athen nicht so viel mit. Wenn ich mal im Zentrum bin, habe ich den Eindruck, dass der olympische Geist irgendwo schläft. In Barcelona 1992 war er überall zu spüren, da hat die ganze Stadt die Spiele zelebriert. Das ist dieses Mal anders. Ich bin traurig und verwundert zugleich, wie leer die Stadien besonders in der ersten Olympia-Woche sind.

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Foto: REUTERS

Vielleicht liegt es an den extremen Sicherheitsvorkehrungen. Allerdings halte ich es wegen der angespannten Weltlage für gerechtfertigt, dass die Zuschauer so stark kontrolliert werden. Wir Sportler werden kaum überprüft. Die Checks vor dem Athletendorf und an der Wettkampfstätte sind nicht strenger als sonst auch bei Olympischen Spielen. Man bemerkt die Polizei und das Militär kaum. In Moskau 1980 patrouillierten bewaffnete Soldaten an beiden Ufern der Rennstrecke, in Athen fliegt nur ab und zu ein Zeppelin oder ein Hubschrauber durch die Luft.

Ohnehin sind die Spiele allen Unkenrufen zum Trotz hervorragend organisiert. Auch die Wettkampfstätten sind in Ordnung. Die Wasserqualität bei uns könnte besser sein: Auf der gesamten Bahn wachsen Schlingpflanzen. Aber gewisse Zugeständnisse muss man einfach machen. Man kann nicht erwarten, dass Olympia alle vier Jahre immer nur besser und besser wird.

Weil es so weit ist vom Athletendorf an die Küste nach Schinias, wo die KanuRennen stattfinden, habe ich kaum Gelegenheit, mir andere Sportarten vor Ort anzusehen. Ich war aber einmal beim Handball, beim Viertelfinale Spanien gegen Deutschland, ein echter Thriller. Leider hat es für uns nur zum zweiten Platz gereicht. Ich denke, sie haben die Goldmedaille verschenkt, im Finale fehlte der letzte Biss.

Natürlich habe ich einige Wettkämpfe vor dem Fernseher verfolgt. Beeindruckt hat mich Yvonne Bönisch, die überraschend Gold im Judo geholt hat. Und die Schwedin Carolina Klüft. Sie hat den Siebenkampf dominiert und dabei mit dem Publikum geflirtet. Olympia ist eben nicht nur eine Sportbühne, sondern auch eine Showbühne. Dann ist da noch der amerikanische Schwimmer Michael Phelps, der sechsmal Gold gewonnen hat. Ein echter Superstar.

Das ist Jan Ullrich zwar auch, aber ihm fehlt der unbedingte Siegeswille. Seine Gewichtsschwankungen sind einer konstanten Leistung abträglich. Unser anderes Ausnahmetalent tut mir einfach nur Leid. Um Franziska van Almsick wurde so ein künstlicher Wirbel gemacht. Die ganze Welt hat darauf gewartet, dass sie endlich ihre erste Goldmedaille gewinnt - dabei war es wahrscheinlich, dass es wieder nicht klappt. Franziska ist arm dran: Sie war noch ein Kind, als sie zum ersten gesamtdeutschen Idol modelliert wurde. Sie hatte keine Chance, sich normal zu entwickeln. Ich bin froh, dass ich schon 27 war, als die Mauer gefallen ist.

Nachdem ich im Zweier Silber gewonnen habe, kann ich endlich relaxen. Am Abend der Abschlussfeier sitze ich mit Freunden in einer Hafenkneipe und trinke in Ruhe ein Bierchen. So eine Abschlussfeier ist nämlich sehr anstrengend. Die Sportler stehen in irgendwelchen Katakomben herum und warten, dass sie einmarschieren dürfen. Vom Programm kriegt man nichts mit. Weil ich aber die Stimmung genießen will, hocke ich vor einer Großleinwand.

In der Nacht vor der Heimreise halten wir im Athletendorf ein fast schon skurriles Straßengelage ab. Hockeyspieler, Radfahrer, Kanuten, Handballer und Wasserballer haben Tische und Stühle nach draußen gestellt. Es gibt jede Menge zu trinken. Als morgens die Müllabfuhr kommt, schenken wir den Männern eine Kiste Wein. Die Party geht auf dem Flughafen in Athen weiter, auch unterwegs ist die Stimmung feucht-fröhlich. Olympia geht standesgemäß zu Ende.

Aufgezeichnet von Maik Großekathöfer