Russland Russisches Beben
Als im Oktober 2002 tschetschenische Terroristen 990 Besucher des Musicals "Nord-Ost" in einem Moskauer Theater als Geiseln nehmen und nach einem Sturm durch Sicherheitskräfte insgesamt 174 Tote zu beklagen sind, scheint es, Terror gegen Zivilisten wäre in Russland nicht mehr zu steigern.
Doch diese Annahme erweist sich als fataler Irrtum. Am 1. September stürmt ein Trupp von 32 Terroristen in die Schule Nr. 1 in Beslan in der russischen Teilrepublik Nordossetien und nimmt mehr als 1300 Geiseln. Es ist Schulbeginn, der "Tag des Wissens", in ganz Russland ein feierlicher Anlass, an dem Eltern und Großeltern Kinder in die Schule begleiten.
Auf dem Schulhof in Beslan nehmen morgens kurz nach neun Uhr kleine Mädchen mit Schleifen im Haar und Jungs in feschen Blazern Aufstellung, als bärtige junge Männer im Kampfdress auf den Schulhof gelaufen kommen. Die Eindringlinge schießen mit Kalaschnikows in die Luft und kreisen Schüler, Eltern und Lehrer ein.
Einigen Kindern und Eltern, die am Rande des Schulhofs stehen, gelingt die Flucht. Eilig treiben die bewaffneten Banditen ihre Opfer, darunter Mütter mit Säuglingen, in die Schulturnhalle. Dort filmen die Täter ihre in drangvoller Enge hockenden Gefangenen mit einer Videokamera. Polizisten einer Wache nahe der Schule rennen zum Schulgebäude, das die Geiselnehmer zügig verminen.
Die Polizisten handeln auf eigene Faust, Vorgesetzte verschanzen sich in ihren Büros und wollen keine Verantwortung übernehmen. Die jungen Ordnungshüter liefern sich hilflos einen Schusswechsel mit den Terroristen, bis diese Schulkinder als Kugelfang in die Fenster stellen.
Einsätze gegen Terroristen haben die Milizionäre, wie Polizisten auf Russisch genannt werden, nicht gelernt. Auch nicht nach dem 22. Juni. Damals hatten mehrere hundert bewaffnete Islamisten in der nur wenige Kilometer entfernten Teilrepublik Inguschien Kasernen und das Innenministerium überfallen, 98 Menschen erschossen, darunter den Innenminister.
Spätestens seit diesem Tag, an dem vom tschetschenischen Terroristenchef Schamil Bassajew geführte Banden in Inguschien etwa 600 Schusswaffen erbeuteten, wissen Experten, dass die Nachbarrepublik Nordossetien hoch gefährdet ist.
Nordossetien mit seiner Hauptstadt Wladikawkas ("Beherrsche den Kaukasus") gilt seit den Zeiten der deutschstämmigen Zarin Katharina der Großen als Vorposten Russlands, im Westen und Osten umgeben von muslimischen Nachbarn, im Norden grenzend an Tschetschenien.
In Nordossetien sind die Nachschubkräfte für den Tschetschenien-Krieg stationiert. Bei keinem anderen Kaukasus-Volk kann sich Russland seines Rückhalts so sicher sein wie bei den Osseten. Daher wird Nordossetien immer wieder das Ziel verheerender Anschläge islamistischer Terroristen. Allein seit 1999 kamen bei Bombenexplosionen in Wladikawkas 67 Menschen ums Leben, mehr als 300 wurden verletzt. Bei einem Selbstmordattentat auf ein Militärkrankenhaus im nordossetischen Mosdok starben im August 2003 mindestens 50 Menschen, 82 wurden verletzt.
Angesichts von Korruption in der schlecht bezahlten Polizei fühlen sich viele Osseten dem Terror schutzlos ausgeliefert. In das Vakuum, das die Polizei- und Sicherheitsbehörden in Beslan entstehen lassen, drängen sich bewaffnete Bürger. An einer improvisierten Absperrung vor der besetzten Schule finden sich Väter gefangener Kinder ein, die, im Kaukasus nicht selten, eine Schusswaffe besitzen.
Zu ihnen gesellen sich Kosaken mit Jagdgewehren und finstere Figuren mit Goldkettchen, die ein Maschinengewehr MG-42 der deutschen Wehrmacht vor sich her tragen. Die Wehrmacht war beim Kaukasusfeldzug 1942 bis kurz vor Beslan und Wladikawkas vorgedrungen, ihre Waffen sind eine gefragte Ware auf einem grauen Markt.
Ein Krisenstab stellt Telefonkontakt zu den Terroristen her. Politiker bemühen sich, Vertreter des tschetschenischen Widerstandes wie den 1997 gewählten Präsidenten Aslan Maschadow, der als relativ gemäßigt gilt, als Vermittler zu gewinnen.
Dem Ex-Präsidenten Inguschiens, Ruslan Auschew, gelingt es am zweiten Tag durch Verhandlungen mit den Geiselnehmern, 27 Menschen, darunter mehrere Säuglinge, zu befreien.
Dass die Täter noch schlimmer verroht sind als ihre Vorgänger, die das Musical-Theater "Nord-Ost" stürmten, erkennt bald der Moskauer Kinderarzt Leonid Roschal. Hielten die "Nord-Ost"-Kidnapper noch eine Pressekonferenz ab und ließen den Mediziner Roschal gefangene Kinder untersuchen, beschimpfen die Terroristen von Beslan den renommierten Arzt am Telefon als "Judenfresse" und drohen, ihn "platt zu machen". Bereits am ersten Tag erschießen sie 21 erwachsene Geiseln.
Für besondere Empörung sorgt die Nachricht, dass die Kidnapper ihren Opfern trotz drückender Hitze verbieten zu trinken. Viele, vor allem Kinder, löschen in der Not ihren Durst mit Urin. Dennoch versuchen Politiker im Krisenstab in der Nacht zum 3. September das Äußerste, um das Leben der Geiseln zu retten. Dmitrij Rogosin, Fraktionschef der linksnationalen "Heimat"-Partei in der Staats-Duma, und Taimuras Mamsurow, Parlamentschef Nordossetiens, erarbeiten den Entwurf einer Vereinbarung mit den Terroristen. Das Papier sieht Verhandlungen mit Maschadow vor, einen Autonomie-Status für Tschetschenien und einen schrittweisen Truppenabzug.
Doch zu Verhandlungen, die eine Wende in der Kreml-Politik erfordern würden, kommt es nicht mehr. Am 3. September, kurz nach 13 Uhr, explodiert durch Zufall ein Sprengsatz in der Turnhalle, der zahlreiche Geiseln tötet und andere schwer verletzt. Überlebende flüchten, von Flammen versengt, verstört, viele blutend. Terroristen beginnen auf die Fliehenden, auch auf Kinder, zu schießen.
Binnen Minuten verwandelt sich das Schulgelände in ein Schlachtfeld. Die Geiselnehmer ballern wild um sich, ossetische Freiwilligentrupps und russische Sondereinheiten eröffnen das Feuer auf die Banditen.
Saurbek Gutijew, 84, eine der ältesten Geiseln, hat als Soldat 1942/43 an der Schlacht von Stalingrad teilgenommen. "Die 160 Tage in Stalingrad", sagt der Rentner, der die Hölle im Schulsportsaal mit Verbrennungen überlebt, "waren gar nichts gegen die drei Tage dort in der Turnhalle."
Männer der Anti-Terror-Trupps "Alfa" und "Wimpel" stürmen das rote Backsteingebäude der Schule. Es sind Russen von der Art, wie sie in Stalingrad gesiegt haben. Oberstleutnant Dmitrij Rasumowski hat zwei kleine Söhne, der jüngste ist drei Jahre alt. Er will Kinder aus der brennenden Schule retten. Rasumowski rennt als Erster in das Gebäude und erschießt zwei Geiselnehmer. Dann trifft ihn eine Terroristenkugel tödlich. So wie er kommen zehn weitere seiner Kameraden bei der Rettungsaktion um.
Am Abend sind alle Terroristen, von denen es einige schaffen, vom Schulgelände zu fliehen, nach offizieller russischer Version "vernichtet" - bis auf einen, der gefangen wird. Der tschetschenische Bandenchef Schamil Bassajew, der wenige Tage nach dem Massaker die Verantwortung für die Geiselnahme übernimmt, behauptet, der Anführer habe zu ihm in die Berge im Süden Tschetscheniens fliehen können.
Die russischen Behörden zählen 330 Todesopfer, darunter 172 Kinder. Das Komitee der Angehörigen, misstrauisch gegenüber staatlichen Angaben, listet 344 Tote auf.
Unbestreitbar ist: Als einer der korruptesten und am schlechtesten organisierten Staaten Europas bietet Russland Terroristen große Angriffsflächen. Doch die Frage, warum die "antiterroristische Operation" gegen tschetschenische Separatisten, die Putin im September 1999 begann, die Zahl der Terroristen vermehrt statt vermindert hat, wird in Russland nur selten gestellt. Eine Diskussion, welchen Sinn es hat, Tschetschenien mit massiver Gewalt im russischen Staatenverband zu halten, will der Kreml um jeden Preis vermeiden.
Beslan erweist sich als "Erdbeben, das die Landschaft des russischen Lebens verändert", so der Moskauer Publizist Alexander Prochanow. Nach der Geiseltragödie von Beslan ruft Putin zur "Mobilisierung der Nation" auf und ernennt bislang vom Volk gewählte Provinz-Gouverneure. Oppositionelle lässt er durch seine Administration und das Fernsehen als "fünfte Kolonne" des Feindes diffamieren. Von der Größe des französischen Präsidenten General Charles de Gaulle, der 1962 Frankreich rettete, indem er Algerien unabhängig werden ließ, ist der KGB-Oberst a. D. Wladimir Putin bislang weit entfernt.