Film Das Gespenst im Bunker
Schon bevor ich mir den "Untergang" in Berlin anschaute, geriet ich in eine jener hitzigen, typisch deutschen Kontroversen, die auf Außenstehende immer leicht übertrieben wirken.
Der Film zeigt Hitlers letzte Tage im Bunker. Die Frage für die deutschen Talkshows war nun: Darf der Obernazi als menschliches Wesen gezeigt werden? Oder ist diese Begegnung mit jemandem, der auch gelegentlich Schokolade knabbert und seinen Hund streichelt, nur der erste Schritt hin zu einer gefährlichen Verharmlosung des Bösen?
Als Britin bin ich wahrscheinlich durch einen Kino-Hitler weit weniger leicht zu schockieren als die meisten Deutschen. Wir sind groß geworden mit Spielfilmen und TV-Serien über das "Dritte Reich", sie waren fester Bestandteil unserer Nachkriegsjahre - und das ohne all die Tabus und Verstörungen, die für Deutschland galten, wenn man sich dort mit der Vergangenheit auseinander setzte.
Bei uns fand Teatime samstagnachmittags vor dem Fernseher statt, wo wir die Serie "Dad's Army" sahen, mit der klassischen Titelmusik: "Wen nehmen Sie auf den Arm, Mr. Hitler, wenn Sie meinen, dass wir vor euch in die Knie gehen?"
Wir beschäftigten uns also mit Hitler zunächst nicht im nackten Licht der grauenvollen Tatsachen, der mörderischen Schlachten etwa oder der Leichenberge des Holocaust, sondern im Provinzmief von Captain Mainwaring, der mit einem zusammengewürfelten Haufen aus zippeligen Büromäusen und widerspenstigen Tee-Botenjungen übt, wie man Walmington-on-Sea gegen einen Angriff der Nazis verteidigt. Wir waren vertraut mit den verschiedensten Hitler-Porträts. Es gab unendlich viele Dokumentarserien, wie etwa "The World at War", die uns diesen merkwürdigen kleinen Mann mit seinem lächerlichen Schnurrbart und den pomadigen Haaren vorführten, der seine Verrücktheiten in ein völlig hypnotisiertes Volk hineinbellte.
Die großen britischen Schauspieler Alec Guinness und Anthony Hopkins beeindruckten uns mit ihren Hitler-Darstellungen. Und in kitschigen Musicals wie "The Sound of Music" sahen wir gebannt, wie Christopher Plummer zum jungen Rolf, der so stolz auf seine Hakenkreuz-Binde ist, sagt: "Nun gib mir deine Waffe. Du wirst nie einer von denen sein."
Nein, es gab nie Berührungsängste. "Hitler", soll ein Broadway-Agent einst gesagt haben, "läuft und läuft und läuft." Nach der Devise gab es jede Menge Hitler für uns.
Einige meiner deutschen Freunde glauben darin eine regelrechte britische "Hitler-Besessenheit" zu erkennen. Wenn sie sehen, dass "Dad's Army" immer noch im Fernsehen läuft, sagen sie: "Ihr verbringt zu viel Zeit mit dem Zweiten Weltkrieg."
Aber man kann das auch durchaus umdrehen, denn offenbar ringen wir alle immer noch nach Erklärungen für dieses große Menschheitsverbrechen. Wieso sollte es keine Filme über Hitler geben, die der Frage nachgehen, wie es sein konnte, dass diese unterdurchschnittliche Figur ein Volk in den Griff bekam, welches zu den industriell und intellektuell entwickeltsten Nationen der Erde gehörte?
Vielleicht also ist die andauernde Beschäftigung (oder "Besessenheit") immer noch besser als Gleichgültigkeit oder generelle Amnesie, die ein unangenehmes Thema einfach verdrängen möchte? Mit all diesen Fragen im Kopf nahm ich Platz in einem dieser glitzernden Multiplex-Kinos am Potsdamer Platz, nur wenige hundert Meter vom Führerbunker entfernt - woran ich nicht ohne Schaudern dachte.
Als Studentin in der DDR in den achtziger Jahren wurde mir die Mauer gezeigt, die man dort den "antifaschistischen Schutzwall" nannte, sowie die Stelle von Hitlers Bunker, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass man um jeden Preis vermeiden wolle, dass der Ort zu einer Wallfahrtsstätte für Revanchisten werde.
Noch immer ist die Stelle nicht markiert. Was einen der vielen Widersprüche illustriert, die in der deut-schen Beschäftigung mit jener Zeit zu erkennen sind: Die Zeit ist reif für einen Film über das "Dritte Reich" und seinen Führer, aber offenbar nicht reif genug, um die Stelle zu zeigen, wo es endete.
"Der Untergang" ist ein beunruhigender Film, weil er Spannung im herkömmlichen Sinne nicht bietet. Wir müssen nicht warten, um zu sehen, wie es endet, anders als bei "Schindlers Liste", wo lange nicht klar ist, wer überlebt und wer nicht. Hier ist von vornherein alles klar, wir kennen das Schlimmste bereits.
Was den "menschlichen" Hitler angeht: Man müsste schon einen ziemlich eigenartigen Geschmack haben, um an ihm, in Bruno Ganz' Darstellung, Gefallen zu finden.
Bruno Ganz, der ruhige, gütige Engel aus Wim Wenders' "Himmel über Berlin", zeichnet diese in sich gekrümmte Figur mit außerordentlicher Genauigkeit nach, samt den seelenvollen, vor Sentimentalität triefenden Hundeaugen und einer Stimme, die alle Register zieht, von der sanften Überredung bis zum markerschütternden Kreischen.
Zunehmend werden wir hineingezogen in die gespenstische Welt des Bunkers, und wir beginnen, uns zu identifizieren mit den Marotten und den ehrgeizigen Bestrebungen derjenigen, die ihn bewohnen.
Ich bewunderte die Kühnheit, mit der der Film schwarzen Humor riskierte, gerade in Szenen, wie sie schwärzer nicht sein konnten: Goebbels etwa, der aufgeregt verkündet, er möchte sein Testament aufsetzen, um die trockene und durchaus sekretärinnentypische Abfuhr zu bekommen: "Tut mir Leid, ich tippe gerade das Testament des Führers."
Oder jener SS-Mann, der zu einer Besprechung zu spät kommt und lässig die "Schießerei draußen" dafür verantwortlich macht, als wäre der Endkampf um Berlin nichts als eine unerwünschte Lappalie, die vom wirklich bedeutsamen Geschäft, nämlich hier im Bunker Sitzungen abzuhalten, nur ablenkt.
Es gibt jedoch zwei Stellen, die mich ärgerten: Da sehen wir einen Klinikhof voller älterer Patienten, die geopfert werden, als Hitler vor dem russischen Einmarsch "verbrannte Erde" befiehlt. Die Kamera verharrt kurz in ihren verständnislosen Gesichtern - eine Einstellung, die wir aus dem "Pianisten" kennen oder dem "Shoah"-Film, wo es sich um die Gesichter jüdischer Opfer handelt.
Der Regisseur schneidet aber bald wieder weg, weil der Vergleich dann doch zu offensichtlich ist - und weil klar ist, dass die Leiden der Deutschen, wie groß sie auch immer gewesen sind, keinem Vergleich standhalten mit den Leiden, die in ihrem Namen angerichtet wurden.
Doch das ist das unterschwellige Thema des Films: dass auch die Deutschen litten und dass diese Seite im Kino, in der Literatur bisher zu kurz kam.
So sehen wir Kindersoldaten, die von Granaten-Explosionen zerfetzt werden, wir sehen terrorisierte Zivilisten, und wir sehen einen verwundeten Mann, der sich schützend über sein Kind beugt. All das erweckt den Eindruck, als säßen alle Bösen im Bunker und als gäbe es draußen nur Unschuldige.
Die Geschichte ist, wie wir wissen, anders. Das deutsche Volk trug Mitschuld. Der "Untergang" ist kein großer Film. Es fehlt ihm die dramatische Tiefenschärfe. Dennoch ist es ein berührender Film über eine wesentliche Phase der deutschen und europäischen Geschichte und ein zwingender Exkurs in die eiskalte Welt der Fanatiker.
In den deutschen Talkshows wird sicher weiter danach gefragt werden, ob dieser Film hilft, Hitler zu "verstehen". Ich persönlich glaube nicht daran. Das Böse in dieser Größenordnung ist jenseits allen Verständnisses, und die Fähigkeit Hitlers, Leiden zu produzieren, übersteigt die Vorstellungskraft der meisten von uns.
Doch Hitler war nicht nur eine Karikatur und ein zeitloses Symbol für das Böse schlechthin, sondern ein Mensch. Und diese Wahrheit ist, für jeden von uns, noch viel härter zu ertragen.