Memorial Umarmung in Caen
Jacques Chirac zeigte sich noch Monate nach dem Ereignis bewegt. "Herr Bundeskanzler, die Franzosen werden Ihre Anwesenheit in Caen am 6. Juni 2004 nicht vergessen. Ihre Worte, Ihr Blick, das wird in den Herzen bleiben." So würdigte der französische Präsident seinen Freund Gerhard Schröder während der Feier zum 60. Jahrestag des Endes der Nazi-Herrschaft über Frankreich und Europa im Rathaus von Straßburg.
Dort gedachten die beiden Staatsmänner der Befreiung der elsässischen Hauptstadt im November 1944 durch die 2. Panzerdivision von General Leclerc. Für die Franzosen war es von besonderer Bedeutung, dass zum ersten Mal ein deutscher Kanzler an den Gedenkfeiern zur Landung der Alliierten in der Normandie teilnahm.
Schröder stand Seite an Seite mit dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush und allen Repräsentanten jener Länder, die sich damals in der Koalition gegen die Nazis zusammengefunden hatten.
Dabei hatte die Feier ohnehin schon einen besonderen Charakter: 60 Jahre nach dem Krieg war es wohl das letzte Mal, dass so viele Veteranen als Zeitzeugen dabei sein konnten. Zugleich war es auch die Gelegenheit, daran zu erinnern, dass weder die Irak-Krise noch der Zwist mit der Bush-Regierung die Grundlagen der französischen und europäischen Freundschaft mit Amerika in Frage stellen können.
Am Ende eines langen Tages an den Stränden des D-Day setzte die innige Umarmung von Jacques Chirac und Gerhard Schröder vor der Gedenkstätte von Caen einen unvergesslichen Schlusspunkt. Sie symbolisierte die Stärke des deutsch-französischen Paars und seiner Zusammenarbeit im Dienste eines neuen, freien und demokratischen Europas. "Die europäische Idee, die Projekte, die sie verkörpern, sind in Wahrheit hier an diesem Ort geboren worden, mit dem angekündigten Ende des Dritten Reiches, mit der wiedergefundenen Freiheit und Demokratie unserer Länder", erklärte der französische Präsident.
Geladen waren auch einige deutsche Veteranen. Sie standen neben den alten Kämpfern der siegreichen Länder, die mit Fahnen und Orden aufmarschierten. Einige Dutzend französische und deutsche Schulkinder hatten ein wenig Mühe, die Tragweite des Ereignisses zu verstehen, dem sie beiwohnten. Man redete über Geschichte, aber auch über Kämpfe und menschliche Opfer. Das Deutsch-Französische Jugendwerk hatte in der Universität von Caen Schüler und Studenten mit Anwohnern und ehemaligen deutschen Soldaten zusammengebracht.
Die Erinnerung Frankreichs an den 6. Juni 1944 ist eine andere als die Deutschlands. Und doch münden sie in eine gemeinsame Überzeugung: "Wir wollen Frieden", erklärte der Kanzler vor der Gedenkstätte. Die schlichte Eindringlichkeit seiner Worte, die Erwähnung seines in Rumänien gefallenen Vaters, den er nie kennen gelernt hat, bewegten die Franzosen zutiefst. In den Augen des Kanzlers spiegelte sich an diesem Tag eine Aufrichtigkeit, die viele von uns berührte und überzeugte.
Deutschland und Frankreich haben sich in den 60 Jahren seit Kriegsende nicht nur versöhnt, sie sind ein unzertrennliches und unverzichtbares Paar geworden. Viele symbolische Gesten haben diesen Weg gesäumt, zum Beispiel der Händedruck zwischen François Mitterrand und Helmut Kohl über den Gräbern von Verdun am 22. September 1984, beim Gedenken an die Toten des Ersten Weltkriegs.
Das Vertrauen zwischen Deutschland und Frankreich scheint heute unerschütterlich, wie zahlreiche Umfragen zeigen, selbst wenn noch viel zu tun bleibt, um die beiden Völker über die offiziellen Reden hinaus einander näher zu bringen und das gegenseitige Verständnis zu vertiefen.
Es war wohl kein Zufall, dass Schröder einige Monate nach der Zeremonie in Caen auch nach Warschau reiste, um sich im Andenken an die polnischen Opfer des Aufstands gegen die deutschen Besatzungstruppen zu verneigen. Schröders Botschaft, dass mit dem Ende des Kriegs auch für die Deutschen die Befreiung kam, weil die deutsche Niederlage die Nazi-Diktatur beendete, trägt entscheidend zur Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Bewusstseins bei.
Bundespräsident Richard von Weizsäcker wagte es in seiner Rede vom 8. Mai 1985, die deutsche Niederlage eine Befreiung zu nennen. Seine mutigen Worte fielen damals mitten in der Krise, die Europa während der Nachrüstungsdebatte um die Aufstellung atomarer Mittelstreckenraketen erschütterte. Sie fanden einen großen Widerhall in Deutschland, im Ausland wurden sie mit Hoffnung, aber auch mit vorsichtiger Zurückhaltung aufgenommen.
Auch Helmut Kohl hielt es seinerzeit für notwendig, den Dialog mit den Vertriebenenorganisationen aufrechtzuerhalten, obwohl einige Sprecher dieser Verbände unverkennbar revanchistische Reden hielten ("Schlesien ist unser").
Allein das zeigt, wie wichtig es ist, Gerhard Schröders Botschaft von Caen immer wieder aufs Neue herauszustreichen. Der Bundeskanzler und seine Freunde haben politischen und moralischen Mut gezeigt. In diesen Zusammenhang gehört auch eine bemerkenswerte Initiative von Bundesaußenminister Joschka Fischer: Er rehabilitierte 60 Jahre nach dem Krieg den ehemaligen deutschen Außenamtsmitarbeiter Fritz Kolbe, dessen Schicksal ein Buch des französischen Journalisten Lucas Delattre in Erinnerung rief.
Kolbe gehörte dem inneren Widerstand in Deutschland an, wurde einer der wertvollsten Spione im Dienste der Amerikaner und verlor nach dem Krieg als Verräter an seinem Heimatland seine Funktionen. Er beendete sein Leben einsam und vergessen. Jetzt ist ein Saal des Ministeriums in Berlin nach ihm benannt.
Dass der in Frankreich so populäre Helmut Kohl nie gemeinsam mit den Siegern an den Feierlichkeiten in der Normandie teilnehmen wollte, gibt der Geste seines Nachfolgers eine Bedeutung, die nicht alle Franzosen in ihrem ganzen Ausmaß erkannt haben. Wir Franzosen sind uns kaum bewusst, dass die Deutschen nicht nur Täter, sondern auch Leidtragende waren.
Die großen Debatten der letzten Jahre über die tragische Vertreibung der Deutschen im Osten, über den schrecklichen Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung der Städte sind an Frankreich weitgehend vorbeigegangen. Wir werden noch viele Veranstaltungen wie die in Caen brauchen, um wirklich ein gemeinsames historisches Gedächtnis zu formen.