Kriminalität: Die Mädchenfänger - DER SPIEGEL
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Kriminalität Die Mädchenfänger

Ein belgisches Gericht sperrt das Monster Marc Dutroux für den Rest seines Lebens hinter Gitter. Eine Woche später schockiert ein zweiter Serienkiller die Nation.
Von Erich Wiedemann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war Ende Juni 2003 auf einer Landstraße bei Namur, da fragte ein Mädchen den Mädchenmörder Michel Fourniret: "Sag, bist du einer von der Dutroux-Bande?" "Nein", antwortete Fourniret, "ich bin viel schlimmer." Das Mädchen nickte beeindruckt. Es gab dem fremden Mann aber keine Gelegenheit, ihm zu beweisen, dass er eine noch schlimmere Bestie war als der Mörder Dutroux. Als Fourniret nicht aufpasste, befreite es sich von seinen Fesseln und sprang aus dem Lieferwagen, mit dem sie unterwegs in die ardennischen Wälder waren.

Es ist vermutlich eins von zwei Opfern, die mit dem Leben davonkamen. Michel Fourniret hat neun Morde gestanden. Seine Ehefrau Monique lastet ihm noch einen weiteren Mord an. Ein zweiter Fall Dutroux? Die Parallelen sind frappant: Der so genannte Ardennen-Holzhacker Michel Fourniret ist ein gnadenloser Totmacher, er war wegen Vergewaltigung von Minderjährigen vorbestraft und wurde vorzeitig freigelassen. Wie der Ex-Schrotthändler Marc Dutroux. Beide haben ihre Opfer missbraucht und anschließend umgebracht. Fournirets Jagdrevier lag nicht weit von der wallonischen Stadt Charleroi, in der Dutroux seinen Folterkeller hatte. Sogar die Bilder in den Zeitungen sind sich zum Verwechseln ähnlich: der Kinderfänger in Handschellen, seine Ehefrau und Komplizin versteckt ihr Gesicht vor den Fotografen - Fourniret mit seiner Frau Monique, Dutroux mit seiner Ex-Frau Michelle. Nur dass Dutroux einen belgischen und Fourniret einen französischen Pass hat. Die Gemeinsamkeiten erstrecken sich auch auf das Verhalten von Polizei und Justiz. Wenn sie nicht so geschlampt hätten, wäre das Schlimmste verhütet worden.

Fourniret ging laut eigenem Geständnis ungefähr zweimal im Jahr "auf die Jagd". Trotzdem ist der Fall Dutroux für Flamen und Wallonen das schlimmere Trauma. Aus der jüngeren europäischen Geschichte ist kaum ein Kriminalfall bekannt, der den Seelenhaushalt einer ganzen Nation so nachhaltig aus der Balance gebracht hat. Die damals acht Jahre alten Freundinnen Mélissa Russo und Julie Lejeune waren im Juli 1995 entführt worden. 14 Monate danach grub die Polizei ihre verwesten Leichen auf einem Grundstück aus, das Dutroux gehörte. Die Mädchen waren, wie die Obduktion ergab, verhungert.

Während Dutroux eine kurze Haftstrafe wegen Diebstahls verbüßte, hatte seine Frau Michelle Martin den Mädchen wochenlang nichts zu essen gegeben - angeblich weil sie Angst hatte, "die kleinen Monster" könnten sie anfallen. Am 13. August 1996 wird Dutroux verhaftet. Nach zweitägigem Dauerverhör führt er die Polizei in den Keller seines Hauses in Charleroi-Marcinelle, wo er auch Julie und Mélissa gefangen gehalten hatte. Dort werden die 14-jährige Laetitia Delhez und die 13-jährige Sabine Dardenne auf Pritschen in einem drei mal drei Meter großen Geheimverlies gefunden.

Die Bilder der zwei bis zum Wahnsinn verängstigten Mädchen werfen hässliche Schlagschatten auf die belgische Zivilisation. Es stellt sich heraus, dass das Haus zu der Zeit, als Julie und Mélissa dort gefangen sind, mehrfach durchsucht worden ist. Den Ermittlungsbehörden waren mehr Pannen unterlaufen, als sich durch Zufälle und Inkompetenz allein erklären ließen. Ja, doch, die Richter und die Geschworenen haben - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - getan, was sie konnten. Sie verhörten 569 Zeugen und produzierten fast eine halbe Million Seiten Akten und Protokolle. Doch "bis zum Grund", wie Staatsanwalt Michel Bourlet versprochen hatte, sind sie bei ihren Recherchen nicht gekommen.

Am 22. Juni 2004 wird im Gerichtssaal von Arlon, einem Marktflecken an der luxemburgischen Grenze, Recht gesprochen: lebenslänglich für Dutroux, 30 Jahre für seine Ex-Frau Michelle Martin, 25 Jahre für den Dutroux-Handlanger Michel Lelièvre. Der Geschäftsmann Michel Nihoul wird in den wesentlichen Anklagepunkten freigesprochen. Er erhält nur fünf Jahre Gefängnis für die Mitgliedschaft in einer Menschenhändler- und Rauschgiftbande.

Die zwei jungen Frauen, die ihr Martyrium im Kerker Dutroux' überlebt haben, sind bei dem Schuldspruch dabei. Laetitia Delhez nimmt ihn regungslos entgegen. Sabine Dardenne, die 80 Tage in Dutroux' Gewalt gewesen ist, geht zu der Vorsitzen- den des Geschworenenkollegiums und nimmt sie in die Arme. Dutroux kommentiert das Urteil mit einem pathetischen Schlusswort. Er gelobt hinter schusssicherem Glas: "Ich werde meine Unschuld bis zu meinem Tod hinausschreien." Es wird aber nichts nützen. Denn niemand wird ihn draußen hören. Er wird wohl tatsächlich bis zu seinem Lebensende nicht mehr freikommen.

Nicht ausgeschlossen, dass dem bösen Egomanen in Teilbereichen Unrecht geschehen ist. Der letzte Beweis, dass er den Tod von An und Eefje zu verantworten hat, wurde nicht erbracht. Dutroux hat zugegeben, die zwei flämischen Mädchen entführt zu haben. Er übernimmt die Verantwortung für ihren Tod, aber nur weil er sie "in einer Richtung ziehen ließ, die ich nicht kannte", wie er es ausdrückt. Die Schuld am Tod seines Komplizen Bernard Weinstein habe nicht er, sondern seine Ex-Ehefrau Michelle, sagt Dutroux. Sie habe Weinstein betäubt und lebendig begraben. Dabei hatte er zunächst zugegeben, Weinstein selbst ermordet zu haben. Doch auch ohne diesen Mord hätte es für Dutroux zu lebenslänglich gereicht. Der Jahrhundertprozess von Arlon hat die Existenz eines Netzwerks von hochrangigen Päderasten, die jahrelang ihre Hand schützend über Dutroux gehalten haben sollen, nicht belegt. Auch das "Dossier B", die geheimnisvolle Verschlusssache, aus der die Mitschuld einflussreicher Hintermänner hervorgehen soll, wurde nie offiziell bestätigt. Was nicht heißt, dass die belgische Zeitung "De Standaard" Recht hat, als sie zum Finale erklärt: "Es gibt kein Komplott. Punkt."

Die Komplott-Theorie wird auch von den Nebenklägern für nicht unplausibel gehalten. Trotzdem ziehen sie die Substanz des Urteils nicht in Zweifel. Sie haben kein Interesse daran, das Ungeheuer zu entlasten. Und außerdem ist Rechtsfindung keine exakte Wissenschaft. Von der Justiz muss man nehmen, was man kriegt. Und das ist selten die ganze Wahrheit. Das Urteil entspricht in etwa dem Volksempfinden, allerdings nicht der rechtsstaatlichen Zielvorgabe. Zu viele unbeantwortete Fragen, zu viele Ungereimtheiten.

Zahlreiche Zeugen waren auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen, darunter auch ein Bordellbesitzer, der behauptete, er habe Julie und Mélissa in Begleitung des mitangeklagten Michel Nihoul gesehen. Nihoul, der sich in Brüssel einen Namen als Veranstalter von Sexpartys gemacht hatte, galt den Skeptikern von vornherein als die wahre Schlüsselfigur der Affäre. Das Gericht konnte ihm aber nicht nachweisen, dass er Mittler zwischen Dutroux und prominenten Auftraggebern gewesen war.

Der erste Untersuchungsrichter, Jean-Marc Connerotte, hatte die Ursachen für das Beweisdefizit in Sachen Nihoul bei der Pfuscharbeit der Polizei gesucht. Er hielt es sogar für möglich, dass Dutroux und die Ermittler unter einer Decke steckten. Kurz nachdem er diesen Verdacht geäußert hatte, wurde er von seiner Aufgabe entbunden. Mit der lächerlichen Begründung, er sei parteiisch, weil er sich bei einem Benefizessen zu Gunsten der Opfer zu einem Teller Spaghetti hatte einladen lassen.

Connerottes Nachfolger Jacques Langlois trat mit einer stark vereinfachten Arbeitsthese an. Noch bevor er die Akten gelesen hatte, erklärte er, man habe es hier mit einem kleinen Kreis von Tätern zu tun. Langlois kam es nicht absonderlich vor, dass Dutroux so lange unbehelligt geblieben war, obwohl viele Spuren auf ihn zugelaufen waren. Er nahm auch keinen Anstoß daran, dass Dutroux von den über 13 Jahren Haft, die er in einem früheren Verfahren wegen Entführung und Vergewaltigung von fünf jungen Mädchen kassiert hatte, nicht einmal ein Drittel hatte absitzen müssen, obwohl er in einem psychiatrischen Gutachten als "gemeingefährlich" und als "Psychopath" bezeichnet wurde.

Das Gericht ist nicht einmal der Frage nachgegangen, woher der arbeitslose Dutroux das Geld hatte für seine Reisen, für seine Autos, seine Häuser und für den Bagger, mit dem er sein Kellerverlies aushob. Und wie konnte es 1998 geschehen, dass der gefährlichste Mann von Belgien, wie er in den Zeitungen genannt wurde, seinen Bewachern bei einem Gerichtstermin entkam und nur durch Zufall wieder eingefangen wurde?

Marc Dutroux bestreitet nicht, gefehlt zu haben. Trotzdem, so sagt er, sei er "eine Marionette in einem Alibi-Prozess". Die Ermittler hätten nur diejenigen Spuren verfolgt, die die Einzeltäter-These unterstützten. Über die Schuld der belgischen Strafverfolgungsbehörden war in Arlon jedoch nicht zu verhandeln. Es wäre wohl auch nichts anderes als ein Freispruch mangels Beweisen dabei herausgekommen.

Das Volk hat schon im Herbst 1996 sein Urteil über die Mitverantwortung des Staates an dem Dutroux-Skandal abgegeben. Damals versammelten sich über 300 000 Menschen zum "Weißen Marsch" durch die Hauptstadt, um ihr Mitgefühl mit den Opfern und ihre Wut über die öffentliche Seelenverschmutzung auszudrücken.

Nein, der Volkszorn hat sich nicht an den Horrorschmarren über perverse Prinzen und über Kinderfinger in Aspik, die auf Partys zum Champagner gereicht wurden, entzündet. Davon ließ sich nichts verifizieren. Es war die Verdrossenheit über den Dilettantismus von Polizei und Justiz, über die sichtbar gewordene zynische Kumpanei, die in Belgien offenbar zur psychischen Grundausstattung der politischen Klasse gehört. Der Fall Dutroux hat die Fundamente des belgischen Staates erschüttert. Er hat den Belgiern den Eindruck vermittelt, dass der Staat das Vertrauen, das er von ihnen verlangt, nicht wert ist.

Der Fall Dutroux hat nur vorübergehend alte Gräben überdeckt. Das flämisch-wallonische Schisma erlebt gerade wieder ein schmetterndes Comeback. In Wallonien haben die frankophilen Sozialisten wieder so viel Macht wie zuletzt Anfang der achtziger Jahre. In Flandern ist der rechtsradikale Vlaams Blok zur zweitstärksten Kraft aufgerückt. Beide Seiten machen sich gegenseitig für die Verkommenheit des gemeinsamen Staatswesens verantwortlich. Nur gut, dass kein Asylant aus Westafrika oder türkischer Gemüsehändler der Mörder war, sagt Dirk Schümer, der Autor des Buches "Die Kinderfänger". Sonst wäre der Vlaams Blok jetzt die Nummer eins.