Fußball: Ein Jux vom Fußball-Gott - DER SPIEGEL
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Fußball Ein Jux vom Fußball-Gott

Sportkommentator Marcel Reif über die beste und überraschendste EM: Die Helden versagen, die Jugend siegt, und ein krasser Außenseiter gewinnt den Titel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jammerschade. Da erzählt einer eine prima Geschichte, lustig, spannend - und vergeigt gottserbärmlich die Pointe. Denn so lief doch die EM: Es wird grandioser, unglaublich schneller, offensiver Fußball auf technisch höchstem Niveau gespielt - nur heißt am Ende der Europameister Griechenland.

Otto Rehhagel wird diese Deutung von Herzen egal sein. Längst hat er die Suche nach Anerkennung durch seine Gegner aufgegeben, und ein Medien-Schleimer war er nie. Dass gerade der Boulevard ihn nach dem Turnier als Retter des deutschen Fußballs ins Bundestraineramt fordert, dass ausgerechnet Franz Beckenbauer ihn nach Hitzfelds Absage als beste Lösung anfragt und er ihm absagen kann - das ist Rehhagels späte Befriedigung und macht ihm den EM-Titel umso köstlicher.

Die Griechen schlagen die Portugiesen in einem letztlich durchschnittlichen Finale durch ein Tor nach Eckball (wie sonst?!). Der Fußball-Gott hat sich einen albernen Jux gemacht und im Endspiel dieselben Mannschaften zusammengeführt, die drei Wochen zuvor schon die Eröffnungspartie bestritten hatten. Auch da siegt Griechenland, sensationell. Portugal muss sich zur Aufholjagd aufmachen. Rehhagels Mannschaft dagegen marschiert durch ihre Gruppe ins Viertelfinale. Und jetzt geht's erst richtig los: Frankreich, Topfavorit des Turniers, nach Hause geschickt; danach die umjubelten EM-Turnierlieblinge aus Tschechien im Halbfinale entzaubert, und schließlich noch einmal Portugal - und das jedes Mal ohne ein einziges Gegentor.

Immer sind die Griechen krasser Außenseiter, immer spielen sie auch nur mit elf Mann; nie haben sie gelogen, betrogen, gestohlen. Lediglich das Beste aus irgendwie passenden Voraussetzungen haben sie gemacht und dann jede sich bietende Chance genutzt: eine Nationalmannschaft, die im eigenen Land jahrzehntelang niemanden interessiert hat und völlig unbelastet nach Portugal anreiste.

Dazu ein altersweiser/sturer Trainer, der sich früherer Erfolge wegen um keine andere Meinung schert. Der es sich also angesichts der beschränkten Möglichkeiten seiner Schützlinge gnadenlos leisten kann, überlegenen Gegnern in erster Linie mit perfekt ausgeklügelter Beton-Defensive den Spaß zu verderben. Dem Aufheulen der Kritiker begegnet er lässig mit Totschlag-Argumenten: "Modern? Modern ist, wer gewinnt!"

Und die Spieler: die meisten zu Hause in einer bedeutungslosen Liga beschäftigt, ein paar wenige nur in Nebenrollen bei größeren europäischen Clubs. Aus diesen willigen Nobodys gelingt es Rehhagel wieder einmal, sein "Kollektiv" zu formen, sein "der Star ist die Mannschaft (okay, vielleicht noch ich!)" - so wie er das in Bremen und später in Kaiserslautern geschafft hat. Schon ein paar Wochen nach dem Finale fällt es selbst Fachleuten schwer, mehr als drei Namen der Europameister aufzuzählen.

Unvergessen dagegen ist der Absturz der Götter. Wie schon beim WM-Turnier 2002 wird deutlich, wie verheerend der Raubbau an den Spitzenspielern ist. Es ist kein Zufall, dass Zinedine Zidane, David Beckham, Luis Figo und Raúl bei Real Madrid ihre Millionen verdienen, einem durchgeknall-ten Club in einer sinnlos aufgeblähten Liga. Sie werden gehetzt durch einen zum Bersten überfüllten internationalen Terminkalender; körperlich, vor allem aber psychisch ausgezehrt.

In Portugal schleppen sie sich anschließend meist nur müde und traurig über den Platz. Zidane in einer französischen Mannschaft, die sich offensichtlich an ihren großen Erfolgen überfressen hat und zu mehr nicht zu bewegen ist. Beckham, der England als Kapitän mit vergebenen Elfmetern nach Hause schießt, weil seine Nerven einem unmenschlichen sportlichen und privaten Zerreißtest einfach nicht mehr standhalten können. Raúl, der Spanien führen soll, aber wie ein Zombie wirkt. Figo, dem als letztem Vertreter der "goldenen Generation" Portugals nur ein großes Spiel gegen Holland gelingt und der im Finale zum größten Verlierer wird.

Der einzige etablierte Star, der seinen Status rechtfertigen kann, ist der Tscheche Pavel Nedvìd. Ihm allerdings mag das Schicksal offenbar ein großes Finale nicht gönnen. Auch vom Italiener Francesco Totti hatte man Wunderdinge erwartet, aber er spuckt sich aus dem Turnier, noch bevor es richtig begonnen hat.

So wie er geht wieder einmal Italien unter und wieder einmal vom Defensiv-Fanatiker Giovanni Trapattoni taktisch in ein seelenloses Niemandsland geführt. Die Italiener wirken wie kastrierte Araberhengste und offenbaren ihre grandiosen Möglichkeiten lediglich ein halbes Spiel lang gegen Schweden.

Die Herzen öffnen andere: der Portugiese Cristiano Ronaldo, mit 19 Jahren schon ebenso Künstler wie Arbeiter; oder der 18-jährige Wayne Rooney, der, anders als die Fußball-Pop-Ikone Beckham, aussieht und sich gibt wie der englische Fan im Pub an der Ecke. Mit seiner Technik und Dynamik personifiziert er Englands Fußball der Zukunft. Oder seine Stürmerkollegen Milan Baro?, 22, Tscheche, der Torschützenkönig dieser EM, und der Schwede Zlatan Ibrahimovic, ebenfalls 22. Gerade mal 20 ist der Holländer Arjen Robben, der überragende Außenstürmer. Und sucht man nach Lichtblicken bei der deutschen Mannschaft, kommt man schnell auf einen der Jüngsten: Bastian Schweinsteiger, 19. "Es gibt keine jungen und keine alten - es gibt nur gute und schlechte Spieler!" So lautet eine gern genommene, wohlfeile Behauptung, wenn Trainer den Einsatz von Fußball-Oldies rechtfertigen wollen. Hier erweist sie sich einmal als richtig in umgekehrter Richtung. Aus einer Platitude wird eine der hoffnungsvollsten Erkenntnisse dieser Europameisterschaft: Lasst sie spielen! Eine andere: Lasst uns versuchen, das Spiel zu gewinnen! Diese EM bescherte ein Offensivspektakel wie seit vielen Turnieren nicht. Und das auf einem bislang für unmöglich gehaltenen Niveau, was Technik und Tempo anbelangt.

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Finale in Bildern: Träume, Tränen und ein König aus Deutschland

Foto: DPA

So also wird das hoffentlich in den nächsten Jahren aussehen: komplette Virtuosen in allen Mannschaftsteilen, eingestellt und gelenkt von Trainern, die den eigenen Stärken vertrauen, statt lediglich die des Gegners zu konterkarieren. Die nicht schleppende "Geduld" predigen, sondern Risiko mit Verstand. Spiele wie Frankreich - England, England - Portugal und besonders das hinreißende Holland - Tschechien haben uns den schönen, positiven, spielerischen Fußball zurückgegeben.

Bestraft wird mit frappierender Konsequenz und Regelmäßigkeit, wer ängstlich beginnt oder wen der Mut verlässt: die Holländer nach einer Panikattacke ihres Trainers, der mit einem Defensivspieler gegen Tschechien die Niederlage einwechselt. Die Engländer, die gegen Portugal versuchen, einen Vorsprung auszusitzen. Die Tschechen, als sie gegen Griechenland plötzlich ein Scheitern einkalkulieren und sich übervorsichtig ins Verderben taktieren. Und schließlich Portugal. Der Schwung dieser wunderbar angerichteten Europameisterschaft, die Begeisterung ihrer so liebenswert hingebungsvollen Fans, alles, was die Mannschaft beflügelt und ins Endspiel im "Stadion des Lichts" zu Lissabon hat stürmen lassen - all das ist verflogen, als es vermeintlich mehr zu verlieren als zu gewinnen gibt. Gegen den krassesten Außenseiter, der seit "Das Wunder von Bern"-Gedenken je in einem großen Finale gestanden hat. Griechenland war der Prüfstein für die Offensiv-Verheißung des ganzen Turniers. Am Ende stehen die Griechen für nichts, außer für sich selbst.

Hätten die Portugiesen, hätten alle Teams ihre Möglichkeiten so ausgeschöpft wie sie, wir hätten einen anderen Europameister gefeiert.

Nicht Deutschland. Die Auswahl von Rudi Völler bleibt im Rahmen ihrer Möglichkeiten, und das ist das Traurige. Eine im heutigen Fußball überforderte Abwehr, ein meist glanzloses Mittelfeld und ein nicht vorhandener Sturm reichen gerade noch, um die Holländer am Siegen zu hindern. Sie reichen aber nicht, um Lettland (!) zu schlagen, geschweige denn gegen eine B-Auswahl Tschechiens zu bestehen. Die Hausaufgaben sind klar vorgegeben. Über Nacht allerdings sind die Defizite des deutschen Fußballs nicht zu beheben, wohl auch nicht in zwei Jahren, nur weil die WM 2006 im eigenen Land stattfindet. Die anderen werden ihren Vorsprung nicht freiwillig hergeben, das ist sicher. Ebenso: Griechenland wird nicht Weltmeister!