US-Präsidentschaftswahl: Bush siegt souverän - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

US-Präsidentschaftswahl Bush siegt souverän

Bei der Präsidentschaftswahl triumphiert das erzkonservative Amerika.
Von Georg Mascolo
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jeder große Sieg hat seinen Mythos, der Wahltriumph des George W. Bush beginnt in einer Küche im Nordwesten Washingtons. Da steht Karl Rove, Bushs engster politischer Berater, an seinem Herd, verrührt eigenhändig die Eier und brät den Speck. In solchen Frühstücksrunden, zu denen Rove die Größen des Weißen Hauses bittet, wird über das ganze Jahr 2004 die Kampagne zur Wiederwahl Bushs geplant.

Wie erfolgreich das Küchenkabinett gearbeitet hat, zeigt sich bei der Präsidentenwahl am 2. November. Mit einem Vorsprung von 3,5 Millionen Stimmen sichert sich Bush seine zweite Amtszeit. Die Affäre um die umstrittenen 537 Stimmen aus Florida, die Bushs erste vier Jahre wie einen Betriebsunfall im amerikanischen Polit-System erscheinen ließen, ist endgültig vergessen. Und vielleicht steht Rove, den Bush dankbar den "Architekten des Erfolgs" nennt, schon wieder in der Küche. Denn die Wiederwahl des Präsidenten ist für den Texaner nur der erste Schritt seines großen Plans einer republikanischen Dauerherrschaft, eines rechten Amerika.

Die Chancen stehen nicht schlecht. Das Land ist gespalten, aber die Teile sind nicht gleich. Die kulturelle Hegemonie in Amerika liegt bei den Konservativen. Doppelt so viele Amerikaner erklären dies zu ihrer Lebenshaltung, wollen sich nicht als Liberale bezeichnen. Hollywood und Manhattan, das Ame- rika der Europäer, ist auf dem Rückmarsch. Die Niederlage der Demokraten ist dramatisch, in 23 Staaten sind sie schon nicht mehr konkurrenzfähig, drei Viertel der Fläche des Landes sind fest in republikanischer Hand. In beiden Parlamentskammern herrscht jetzt Bushs Partei. Einen "schmerzhaften kulturellen Riss" quer durch die Nation hat der Präsidentenbiograf Robert Dallek ausgemacht. Bush gewinnt das Land, Kerry die Metropolen. An den Küsten und rund um die großen Seen liegen die Hochburgen der Demokraten, gleich dahinter beginnt Republikaner-Land. Bush gewinnt die Mehrheit der verheirateten Frauen, der Militärfamilien und der regelmäßigen Kirchgänger. Kerry siegt bei den Singles, den arbeitenden Frauen, Schwarzen und Homosexuellen.

Karl Rove glaubt an weitere Verschiebungen. Die schnell wachsende Latino-Bevölkerung, einst eine sichere demokratische Hausmacht, ist dabei, die Seiten zu wechseln. Bill Clinton brachte es 1996 noch auf 72 Prozent ihrer Stimmen, Kerry schafft gerade noch 53 Prozent. Auch ein zweiter Glaubenssatz, dass eine hohe Wahlbeteiligung nur den Demokraten nütze, ist widerlegt. Kerry fiel es leicht, gegen den Polarisierer Bush zu mobilisieren, aber der Präsident war nicht weniger erfolgreich. Dass die schweigende Mehrheit in Amerika links steht, ist womöglich eine Legende.

Rove, der Präsidentenmacher, hat die Umwälzungen im Land als einer der Ersten vorausgesehen. Bleiben Sie auf Kurs, hat er seinem umstrittenen Präsidenten geraten, die Menschen kommen zu Ihnen. Er hat Recht behalten: Wie von einem großen Magneten angezogen, haben sich die Amerikaner auf einen Kandidaten, der rechts der Mitte steht, zubewegt. Die Ursache für das Debakel zu ergründen ist die Grundlage für eine Wiederauferstehung der Demokraten. Dass Rove eine Allianz mit den Fundi-Christen einging, die in ihren Gemeinden für Bush warben, hat zur Niederlage ebenso beigetragen wie eine zeitgleiche Abstimmung über die Homo-Ehe. In elf Staaten, darunter im wahlentscheidenden Ohio, strömten Konservative zu den Urnen, um sie zu verhindern - und stimmten bei der Gelegenheit gleich für einen Präsidenten, der im Oval Office in der Bibel liest und abends zum Beten auf die Knie sinkt.

Eine "unglückliche Nation" sei Amerika geworden, behauptet der Wahlforscher Andrew Kohut und sieht darin einen der Gründe für die Flucht in die traditionellen Werte. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder der Gesundheit ist groß, aber sie wählen trotzdem keinen Demokraten, der ihnen die Verbesserung ihrer Lebensumstände verheißt.

26 der 28 Staaten mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen haben Kerry, der umfassende Sozialreformen versprach, nicht haben wollen.

Gewählt wird ein Präsident, der Halt bietet und dem die Menschen zutrauen, Gut von Böse zu unterscheiden, auch wenn es um den Kampf gegen den Terrorismus geht. Der Irak-Krieg ist in den USA schon lange nicht mehr populär, Bush hat eher trotz des Debakels gewonnen. Dass man im Krieg schon mal den falschen Hügel stürmt, verstehen viele Amerikaner. Von seiner Überzeugung, dass nur die glaubensgestützte Außenpolitik den Menschen die gottgewollte Freiheit bringe, wird Bush sich nicht abbringen lassen. Nur die Begegnung mit der Wirklichkeit kann Kurskorrekturen erzwingen.

Und die Zukunft? Ohne Gott geht es nicht mehr in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die letzten Präsidenten der Demokraten, Jimmy Carter und Bill Clinton, kamen aus dem Süden, wo Politikern die Betonung des wahren Glaubens und konservativer Werte schon immer leichter fiel. Das wären schlechte Aussichten für Hillary Clinton, die Senatorin aus New York.

Die Kluft zwischen Amerika und Europa, so steht zu befürchten, wird wohl noch tiefer werden. Denn das schrumpfende liberale Amerika ist ebenjenes, das sich Europa verbunden fühlt. Umgekehrt ist es ja nicht anders.