Islamisten Boot voll, Schotten dicht
Das ist ein bitteres Zuckerfest für die "Türkische Vereinigung Molenrij". Wenn nicht Ortspolizeichef Cor Visser und ein paar Lokalpolitiker durch ihre Anwesenheit den guten Anlass honoriert hätten, wären die Türken von Den Haag auf ihrem "multikulturellen Abendessen" sitzen geblieben. Den Niederländern ist der Appetit auf Hammelfleisch mit geschmorten Tomaten vergangen.
Anlass für die Einladung sind die Angriffe auf Kirchen, Koranschulen und Moscheen, die dem grausamen Ritualmord an Filmemacher Theo van Gogh folgen. Die Gutwilligen unter den holländischen Muslimen wollen ihren holländischen Gastgebern signalisieren: Excuus, lasst uns Freunde bleiben.
Theo van Gogh ist auf dem Weg ins Studio von dem 26-jährigen Mohamed Bouyeri, Sohn marokkanischer Eltern, auf der Linnaeusstraat in Amsterdam vom Fahrrad geschossen und dann regelrecht geschlachtet worden. Zum Schluss spießt der Täter dem Toten einen Bekennerbrief auf die Brust, in dem er seine Motive darstellt.
Nach dem Mord liefert sich Bouyeri im Oosterpark ein Feuergefecht mit der Polizei. Es ist wie im Kino. Der Killer steht mit wehendem Gewand und ohne jede Deckung auf einer Wiese und schießt nacheinander mehrere Magazine leer. Zeugen sagen, sie hätten den Eindruck gehabt, er habe als Märtyrer sterben wollen. Doch die Polizei verweigert ihm den Heldentod. Sie schießt ihn bloß krankenhausreif.
In den Tagen danach tobt ein Furioso von Hass und Gewalt durch die holländische Kuscheldemokratie: Bomben- und Brandanschläge auf Kirchen und Moscheen, eine Handgranate auf Polizisten, der Himmel über Den Haag stundenlang gesperrt, weil ein Selbstmordanschlag auf das Regierungsviertel befürchtet wird.
Mohamed Bouyeri hat einen niederländischen Pass, er spricht fließend Niederländisch, aber er ist ein knallharter Islamist. Integration in eine westliche Gemeinschaft ist für ihn eine absurde Anmutung. Bouyeris Bekennerschreiben trieft vor Abscheu gegen die Gesellschaft, in der er groß geworden ist. Er schwärmt von dem Tag, an dem die Menschen "betrunken vor Angst" durch die Straßen torkeln, an dem die Seen kochen und unzüchtige Mädchen lebendig begraben werden.
Zeitenwende hinterm Deich. 300 Jahre lang ist Holland ein Hort von Gastfreundschaft und Toleranz. Hier finden verfolgte Hugenotten, Deutsche und Engländer Asyl. Nun brennen in Holland Moscheen.
Theo van Gogh hat mitgezündelt. Königin Beatrix preist ihn als "markanten Vorkämpfer der Meinungsfreiheit". Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Er war auch ein Demagoge.
Die Imame, die sich dem Kopftuch-Verbot an den Schulen widersetzten, nannte er "Ziegenficker", den Religionsgründer Mohammed einen "pädophilen Vergewaltiger". Seine Ausfälle gegen die Muslime waren böse und rassistisch - ebenso wie seine Judenwitze. Sein Zorn war gerecht, seine kakophonischen Tiraden waren es nicht.
Trotzdem war van Gogh nicht das Wunschopfer seines Mörders. Bouyeri hatte es ursprünglich auf die somalischstämmige Parlamentsabgeordnete Ayaan Hirsi Ali abgesehen, die "atheistische Fundamentalistin", wie er in seinem Brief schrieb. Er ließ von ihr ab, weil sie zu gut bewacht wurde.
Hirsi Ali hat das Drehbuch zu Theo van Goghs Kurzfilm "Submission" geschrieben, eine bizarr überzogene Polemik gegen die Pascha-Allüren der Marokkaner in den Niederlanden. Der Film zeigt auch vier nackte Frauen mit Koranversen und Zeichen von Misshandlungen auf der Haut.
Der Mordfall van Gogh hat die Kluft deutlich gemacht, die die Einheimischen von den Allochthonen trennt, den Ortsfremden, wie sie hier politisch korrekt genannt werden. Vier von fünf Niederländern sind für die Verschärfung der Einwanderungs- und Asylgesetze. Und 40 Prozent meinen sogar, die Regierung sollte dafür sorgen, dass sich die Muslime in Holland nicht mehr so wohl fühlten. Dann kämen auch nicht mehr so viele.
Die Niederländer sind es gewohnt, über Defizite und Normenbrüche von Außenseitern hinwegzusehen - nach dem Prinzip "gedogen", was so viel heißt wie "Schwamm drüber", "halb so schlimm". Dass viele Muslime ihre Frauen prügeln - gedogen. Dass einige nach 20 Jahren in Holland noch nicht selbständig eine Bankanweisung ausfüllen können - gedogen. Die Hasspredigten in den Moscheen und die Kampfschriften, in denen dazu aufgerufen wird, Ehebrecher zu steinigen und Homosexuelle von hohen Türmen zu stürzen, werden zwar nicht toleriert. Aber sie wurden bisher auch nicht strafrechtlich verfolgt.
Langfristige Prognosen zum Rassenfrieden sind nicht ermutigend. In sechs bis acht Jahren werden die nichtwestlichen Ausländer in den vier größten Städten - Amsterdam, Rotterdam, Den Haag, Utrecht - die Mehrheit bilden. Das bedeutet soziale Verwilderung. Denn rund 30 Prozent der Allochthonen haben keinen Schulabschluss. Regierung und Opposition haben sich jetzt prinzipiell darauf geeinigt, die Zügel zu straffen. Moscheen, in denen Hass gepredigt wird, sollen geschlossen werden. Gegen die Einreise von Imamen sollen "entmutigende Maßnahmen" eingeleitet werden.
Das ist ein postumer Sieg für den Tabubrecher Pim Fortuyn, der im Mai 2002 erschossen wurde. Fortuyn wollte einen Einreisestopp für muslimische Ausländer und Auffanglager für abgewiesene Asylbewerber. Die Muslime, so sagte er, betrachteten Holländer "als minderwertige Menschen, die noch weniger wert sind als Schweine". Daraus müsse man die Konsequenzen ziehen. Es seien sowieso zu viele nichtwestliche Ausländer in Holland. Mit einem Wort: Boot voll, Schotten dicht.
Der Inlandsgeheimdienst AIVD versucht, die Nation mit dem Hinweis zu beschwichtigen, nur fünf Prozent der in den Niederlanden lebenden Muslime seien Anhänger radikaler und gewaltbereiter Gruppen. Die anderen seien loyal und friedlich. Fünf Prozent von knapp einer Million, das sind immerhin 50 000 potenzielle Gewalttäter.
In der Woche nach dem niederländischen Beben fordert der deutsche Innenminister Otto Schily Aktionen gegen die islamistische Gefahr. Der bayerische Kollege Günther Beckstein (CSU) sekundiert: "Die Multikulti-Vision der Grünen ist am Ende. Toleranz kann nicht schrankenlos sein."
Doch die Deutschen müssen bis auf weiteres keine niederländischen Zustände fürchten. Gewalt als politisches Mittel befürworten, so der Verfassungsschutz, nur 3000 muslimische Extremisten. Also weniger als 0,1 Prozent der muslimischen Bevölkerung in Deutschland.
Grundsätzlich sind die Muslime in Deutschland ebenso integrationsunwillig wie die holländischen. Sie haben ja auch wenig Grund, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, die ihr alle Möglichkeiten lässt, sich in ihren gesellschaftlichen Nischen kulturell zu entfalten. Türken können in Deutschland mehr als ein Dutzend türkische Fernsehsender empfangen und zehn türkische Zeitungen kaufen. Was schert sie die deutsche Leitkultur?
Aber 80 Jahre Kemalismus haben in Geist und Gemüt der Türken spürbare Folgen hinterlassen. Sie denken nicht so missionarisch wie die holländischen Marokkaner aus den ländlichen Gebieten der Kabylei. Sie haben, anders als die Araber, kein Palästina-Trauma und keinen Kolonialismuskomplex. Im Gegenteil: Ihr Heimatland sucht den Anschluss an Europa - mit Zustimmung der Türken, die schon dort leben.
Gleichwohl würden die Niederländer der Türkei zurzeit die Mitgliedschaft in der EU verweigern. Nicht, weil sie keine Türken mögen, sondern in erster Linie, weil sie fürchten, sie könnten auch bei Algeriern und Marokkanern Beitrittsgelüste wecken, wenn sie die Türken reinlassen. Sie haben Angst vor allem vor den Marokkanern.
In Köln gehen am 21. November 25 000, überwiegend Muslime, auf die Straße, um gegen Terror und für Frieden zwischen Christen und Muslimen zu demonstrieren. Das ist ein schönes Zeichen von gutem Willen. Nur, es bringt nicht viel, weil nämlich diese Demonstranten die "anständi-ge Mehrheit" der Muslime darstellen, wie der CDU-Politiker Friedbert Pflüger begeistert ausruft. Und weil sie sowieso integriert sind, nicht nur in die deutsche Gesellschaft, sondern in die bayerische oder die schwäbische oder die rheinische, wie die Vielfalt des Zungenschlags beweist.
Kann das tüchtige kleine Volk der Händler und Seefahrer jetzt ausnahmsweise was von Deutschland lernen? So weit werden die Holländer nicht gehen. Immerhin wird im tolerantesten Land der Welt jetzt öffentlich darüber diskutiert, wie sich der Tolerante gegenüber dem Intoleranten verhalten soll und ob man es wie ein Naturereignis hinnehmen muss, dass Ausländer ihre Frauen halten wie Leibeigene und dass sie Andersgläubige als "Söhne von Hunden und Schweinen" diffamieren. Angst fördert Einsicht.