Archäologie Mumien im Massengrab
Rund 350 Kilometer südwestlich der Pyramiden, umgeben von Saharastaub und flirrend heißer Luft, erhebt sich der Palmenhain von Baharija. Zur Zeit der Pharaonen wurde hier Dattelwein produziert. Der letzte prominente Besucher, Alexander der Große, sah die abgelegene Oase 331 v. Chr. auf der Durchreise.
Ausgerechnet in diesem Provinznest, fernab von Memphis, Alexandria und Theben, sind Experten auf einen "Sensationsfund" (der Archäologe Olaf Kaper) gestoßen: ein Massengrab, sechsmal so groß wie die Felsinsel Helgoland, über 2000 Jahre alt und gefüllt mit Unmengen an prunkvoll verzierten Leichen.
Bereits im Jahr 1996 hatte der Esel eines Tempelwächters den Weg in das Mumien-Dorado gewiesen. Beim Ritt war das Tier im Boden eingebrochen. Unter dem Loch schimmerte ein Grabraum, aus dem der Duft von Harz aufstieg dem Konservierungsmittel der altägyptischen Balsamierer.
Zunächst blieb der aufregende Fund geheim. Dann, im letzten Frühjahr, rückte der Direktor des Gizeh-Plateaus, Zahi Hawass, zu einer ersten Großgrabung an. Ausgerüstet mit Spitzhacken und Mundschutz, drang das Team in vier Gewölbe ein. 105 Mumien, teilweise übereinander gestapelt, lagen in den Grüften. "Es war wie in einem Hollywoodfilm", erzählt Hawass, "zwischen den Stützpfeilern funkelte es von Gold."
Kein Grabräuber hat die Nekropole jemals betreten. In den unterirdischen Höhlen fanden die Archäologen ein Spielbrett mit Würfeln, kostbare Ohrstecker, Götterfiguren und Goldmünzen, darunter eine mit dem Abbild der Kleopatra. Über 7000 Fundstücke kamen bislang zum Vorschein.
Doch das scheint nur der Anfang. Berechnungen zufolge erstreckt sich der Friedhof über eine Gesamtfläche von sechs Quadratkilometern. Rund 150 Bodensenken durchziehen den Wüstensand. Unter jeder dieser Vertiefungen befindet sich ein Grabraum. "Es ist wirklich unglaublich", so Hawass, "auf dem gesamten Areal könnten rund 10.000 Mumien liegen."
Solche Ankündigungen hat die Antikenzunft in Aufregung versetzt. Baharija stammt aus der Spätzeit Ägyptens. Um 330 v. Chr. nahmen die Weinbauern der Oase ihren Friedhof in Betrieb. Die letzten Gräber stammen aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, als der Mumienkult unter dem Einfluss des Christentums jäh verboten wurde.
Bis zum bitteren Ende, so zeigt sich nun, hielt der Nilbürger auf Etikette. 60 der Oasen-Mumien tragen vergoldete Masken und Brustplatten. Die Körper, rechts und links mit Schilfrohr versteift, sind mit Leinen umwickelt und mit Gips verschmiert. Manchmal bildeten auch ausgediente Papyrusrollen die Basis für den Gipsstuck. "Diese Toten wurden gleichsam in alte Zeitungen gewickelt" (so die Hamburger Ägyptologin Renate Germer).
Doch es finden sich auch klobige Tonsarkophage in den Nischen. Solch bemalte Großgefäße kannte man bislang nur aus dem Mittleren Reich (2040 bis 1640 v. Chr.). Die schlichteste Mumienvariante Typ Boris Karloff war den armen Leuten vorbehalten. Sie zogen, nur mit harzgetränkten Bandagen umwickelt, schmucklos in die Ewigkeit.
Besucher wie die australische Botschafterin Victoria Owen, die die abgeschirmte Zone betreten durften, zeigten sich überwältigt von der "Magie und dem Geheimnis" der Bestatteten. Fast schaudernd erinnert sich Mark Linz, Direktor der amerikanischen Universität in Kairo, an seinen Trip nach Baharija: "Die Mumien schauten mich an, als würden sie leben."
Die meisten Goldmasken haben ein Lächeln im Gesicht, ihre Augen und Brauen sind kunstvoll mit Tusche auf den Golduntergrund gezeichnet. Besondere Mühe gaben sich die Priester bei der Bemalung der Brustplatten, auf denen kleine Götterszenen dargestellt sind. Unter den abgebildeten Figuren findet sich immer wieder der schakalköpfige Totengott Anubis, in dessen Namen die Nil-Priester 3000 Jahre lang ihr Ewigkeitsritual vollzogen.
Neben der prunkvollen Staffage registrieren die Forscher zugleich Zeichen des Verfalls. Keine der Mumien ist nach altem Brauch gen Osten ausgerichtet. Auch bei der Konservierungstechnik schluderten die Bestatter. Die schnell faulenden Eingeweide beließen sie einfach in den Verstorbenen. Im Alten Reich standen für Niere, Lunge, Leber und Darm extra "Gefäße" bereit, die Kanopen.
Dennoch bietet Baharija ungeheure wissenschaftliche Erkenntnisse. Generationen von Menschen, beerdigt über sieben Jahrhunderte, liegen in den Familiengrüften. Genetiker und Parasitologen brennen nun darauf, das Material für eine Art medizinische Reihenuntersuchung auszuwerten. Eine Mumie wurde bereits im Labor des Kairoer Museums mit Röntgenstrahlen durchleuchtet.
Auch die Tourismusmanager in Kairo freuen sich über den neuen Stern am Himmel der ägyptischen Altertümer. Zügig bauen sie die abgelegene Wüstenstätte zum Touristenmekka um. Im November wurden in der Oase eine Reihe von Prunkgräbern und Ruinen geöffnet, die bislang nur mit Sondergenehmigungen zu betreten waren, darunter auch der 332 v. Chr. erbaute "Alexander-Tempel".
Hauptattraktion aber bleiben die frisch geborgenen Leichname aus dem "Tal der Mumien". Fünf der schönsten Exemplare hat Hawass in den Nachbarort Bawiti ausgelagert und Anfang November einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert.
An die noch ungeöffneten Katakomben lässt der Chef dagegen niemanden heran. Wächter schirmen den Grabungsplatz ab. Baharija sei immer ein "sehr stiller Ort" gewesen, meint Hawass, "Touristen dürfen die Ruhe der Toten nicht stören".