Fußball-Stellenanzeige Die Dinosaurier werden immer trauriger
HSV-Maskottchen (2014, mit Ex-Trainer Mirko Slomka): Harte Zeiten für Dinos
Foto: Axel Heimken/ dpaNervenstärke braucht man generell im beruflichen Umgang mit verhaltensauffälligen Fußballfans, speziell bei einem taumelnden Traditionsverein. Der Bundesligist Hamburger SV, genauer: die HSV Arena GmbH & Co. KG sucht aktuell:
- "Aushilfen für das Team Dino Hermann (m/w)"
Team… was? Die Mannschaften in der Beletage des Fußballs, ebenso beim Handball oder Eishockey, halten sich gern Maskottchen. Sie stopfen Studenten oder andere Aushilfen in plüschige Kostüme, ob als Zebra, Käfer, Tiger oder Dinosaurier. Oft tragen die Tierchen Namen direkt aus der Wortspielhölle und werden derbe verhöhnt, wie einst Goleo, der legendär hosenlose Löwe bei der WM 2006.
Das Hamburger Maskottchen verdankt seinen Vornamen dem Klub-Status als "Dinosaurier der Bundesliga" - einziges Gründungsmitglied, das seit dem Ligastart 1963 nie abgestiegen ist. Bisher. Der Nachname ist ein Tribut an den früheren HSV-Masseur Hermann Rieger, Markenzeichen "Daumen hoch". Der blau-weiß-rote Dino löste 2003 als Maskottchen die unbeliebte HSV-Hummel ab. Und hat inzwischen fast 40.000 Freunde auf der eigenen Facebook-Seite .
- "Ihre Aufgaben: Durchführung verschiedener interner und externer Auftritte des Maskottchens Dino Hermann, Repräsentation des HSV vor und während der Auftritte"
Bei jedem Spiel dabei sein, im Stadion die Zuschauer anheizen und mit ihnen feiern - für echte Fans klingt das glatt nach Traumjob: mittendrin statt nur dabei im guten alten Volksparkstadion, das bald wieder so heißen darf. Nur gibt es dort schon lange nichts mehr zum Jubeln. Der HSV hat eine große Vergangenheit, aber eine graue Gegenwart und startete auch in die Rückrunde gleich wieder mit einer 0:2-Schlappe.
In guten Zeiten macht das Herumalbern und -hüpfen Freude. Dann sind Spieler wie Zuschauer zu allerhand gutgelauntem Schabernack bereit. Bei einer Niederlagenserie jedoch können Maskottchen Frustattacken erwischen: Spottgesänge, Bierbecherwürfe, Beinchen stellen. Weglaufen können sie im klobigen Kostüm kaum und sich auch nicht mit Worten wehren, ein Maskottchen hat zu schweigen.
Tückisch ist zudem die Berufskleidung. Vorteil: Man fröstelt garantiert nie. Nachteil: In der Sommersonne wird man geröstet.
- "Wir würden Sie gerne kennenlernen, wenn Sie für jeden Spaß zu haben sind, Spaß am Umgang mit HSV-Fans und insbesondere mit Kindern haben, idealerweise über einen Führerschein der Klasse B verfügen"
Fan-Animation bei Heimspielen ist nur ein kleiner Teil des Jobs. Maskottchen sind vor allem Kinderlieblinge. Dino Hermann kann man mieten: für den Kindergeburtstag. Oder auch zur Firmenfeier. Oder gar zur Hooligan-Hochzeit.
Beim Faxenmachen muss der Profibespaßer darauf achten, keine Kinder zu zermalmen. In der dicken, schweren Tracht hat er eingeschränkte Sicht, einen großen Wendekreis, erreicht eine Höhe von 2,10 Meter - und trägt Schuhgröße 87.
- Was gibt's zu verdienen?
Das lässt die Stellenausschreibung offen. Klar ist: Die Klubfinanzen sind ein Fiasko. Der HSV steht mit 100 Millionen in den Miesen, gönnte sich verwegene Transfers und Spitzengehälter für Bankdrücker, extremen Trainerverschleiß und fette Abfindungen. Ob da mehr als der Mindestlohn drin ist? Andererseits kassiert der Verein für einen halbstündigen Dino-Auftritt ab 100 Euro aufwärts plus Fahrtspesen, da sollte er nicht knausern. Und ein Trinkgeld von enthemmten Fans ist sicher auch mal drin.
Stadionuhr (beim Relegationsspiel gegen Greuther Fürth im Mai 2014): Unentschieden - der HSV blieb in der Bundesliga, gerade so
Foto: Axel Heimken/ dpa
- Hat der Job denn Zukunft?
Schwierig. Noch läuft die Stadionuhr und zählt die Jahre, Tage, Stunden, Minuten, sogar die Sekunden der Bundesligazugehörigkeit. Aber nach desaströser Vorsaison mit Rettung in der Relegation spielt der HSV seit Saisonbeginn weiter schwach und überwinterte auf Platz 14, mit nur neun eigenen Toren - so schlecht traf kein Konkurrent. Als neuer alter Hoffnungsträger soll's jetzt Ivica Olic, 35, richten.
Dem scheinbar unabsteigbaren Nordklub droht der Zweitligatod. Dann wäre auch der Dino als Maskottchen in akuter Lebensgefahr. Warum die mächtigen Saurier von der Erde verschwanden, ist ja historisch bekannt: Sie starben aus, weil sich die Umweltbedingungen wandelten und ihnen die Anpassung nicht gelang.
Jochen Leffers (Jahrgang 1965) ist SPIEGEL-ONLINE-Redakteur und leitet das Ressort KarriereSPIEGEL.