Bäcker und Fleischer: Revival der Handwerksberufe - DER SPIEGEL
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Bäcker und Fleischer Plötzlich cool

Die Zahl der Bäckereien und Fleischereien hat sich in den letzten 20 Jahren halbiert. Wer will den Job schon machen? Aber womöglich steht eine Renaissance bevor - denn Handgemachtes ist wieder in.
Hendrik Haase vor der Metzgerei Kumpel & Keule
Hendrik Haase vor der Metzgerei Kumpel & Keule

Hendrik Haase vor der Metzgerei Kumpel & Keule

Foto: Teresa Dapp/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Hendrik Haase über Deutschlands Metzger und Bäcker spricht, ziehen sich seine Augenbrauen unter dem schwarzen Zylinder zusammen. "Man merkt, da lastet was auf den Leuten", sagt der Food-Aktivist, so nennt er sich selbst. Da sei eine Lethargie: "Man kommt nicht nach vorn, man traut sich nicht so wirklich an große Umwälzungen ran, die Nachfolge ist nicht geregelt."

Hinter der gefühlten Krise, die der 32-Jährige beschreibt, stehen drastische Zahlen. 1995 zählte der Zentralverband des Deutschen Handwerks noch 51.764 Bäcker-und Fleischerbetriebe. 2015, waren es nur noch gut halb so viele: 26.603. Die Bundesregierung hat die Zahlen gerade mal wieder zusammengetragen.

Es fehlt an qualifizierten Leuten

Zum Thema Neugründungen heißt es da: Bei den Bäckern sei ein "deutlicher Rückgang zu erkennen", bei Fleischern seien sie sogar "eher die Ausnahme". Die Ursache, so die Bundesregierung: komplexe Rahmenbedingungen, harter Wettbewerb, Verdrängung. Klingt nicht gut.

Gut vier Prozent der Bäckereien erwirtschaften 65 Prozent des Umsatzes

Gut vier Prozent der Bäckereien erwirtschaften 65 Prozent des Umsatzes

Foto: Friso Gentsch/ dpa

Ganz so düster wollen die Fachverbände das Bild nicht zeichnen. So hätten etwa die 12.155 Bäckerbetriebe im Land ihren Umsatz um eine halbe Milliarde auf 14 Milliarden Euro gesteigert, sagt Daniel Schneider vom Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks. Allerdings: Gut 65 Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschafteten nur 4,3 Prozent der Betriebe. Für die schönen Zahlen sind die großen Bäckereiunternehmen zuständig, viele kleine mussten schließen.

Bei den Fleischern sieht es ähnlich aus. Als Hauptursache für den Schwund sieht Gero Jentzsch, Sprecher des Deutschen Fleischer-Verbands, einen "flächendeckenden Mangel an qualifiziertem Fachpersonal" - insbesondere in den Städten. Die Bäcker berichten ebenfalls von Nachwuchssorgen. Im gerade angelaufenen Ausbildungsjahr bleiben wieder Lehrstellen unbesetzt. Bei den Fleischern waren es vergangenes Jahr 1700 - etwa jeder fünfte Platz.

Auch sonst ähneln sich die Klagen der Berufsverbände: Die Konkurrenz von Discountern ist gewaltig, steigende finanzielle Belastungen etwa durch den Mindestlohn und viel Bürokratie belasten die Handwerker. "Viele Bäcker müssen mittlerweile am Wochenende unzählige Stunden mit Büroarbeit verbringen", sagt Schneider. Und Politik werde hauptsächlich für die Großen gemacht.

Im Fleischerhandwerk blieb zuletzt jede fünfte Lehrstelle unbesetzt

Im Fleischerhandwerk blieb zuletzt jede fünfte Lehrstelle unbesetzt

Foto: Maurizio Gambarini/ DPA

So müssen die kleinen Betriebe wie alle Stromkunden die EEG-Umlage bezahlen, die die Energiewende mitfinanziert. Rabatte bekommen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz dagegen aber "stromkostenintensive Unternehmen" im internationalen Wettbewerb. Bäcker und Metzger beklagen, dass etwa auch Hersteller von sogenannten Teiglingen, die den deutschen Einzelhandel mit backfertigem, gefrorenem Teig belieferten, Rabatte bekämen.

Revival des Handwerks

"Hochgradig unfair" nennt Jentzsch das, Schneider spricht von "staatlicher Wettbewerbsverzerrung". Für einen kleinen Betrieb könnten die jährlichen EEG-Umlagekosten im hohen fünfstelligen Bereich liegen, weil Öfen viel Energie brauchen. "Die EEG-Umlage ist das beste Beispiel, wie aus einem harten ein unfairer Wettbewerb wird", sagt Markus Tressel, Sprecher der Grünen-Fraktion für regionale Wirtschaftspolitik.

Bleibt die Frage, was zu tun ist. Faire Lastenverteilung, weniger Bürokratie, nicht immer neue Abgaben für kleine und mittlere Unternehmen, das fordern die Verbände. Food-Aktivist Hendrik Haase betont einen anderen Weg. Ihm geht es auch um Werte und Haltung. "Wir fragen in Workshops: Warum bist du Metzger geworden? Warum hast du den Betrieb von deinem Vater übernommen?", erzählt er. "Die Berufsehre, die Passion wieder zu entdecken, das ist, glaube ich, eine Herausforderung für viele."

Haase sieht die Lösung in Netzwerken

Haase sieht die Lösung in Netzwerken

Foto: Teresa Dapp/ dpa

Den Schlüssel zum Erfolg sieht Haase, der die Metzgerei "Kumpel & Keule" in Berlin mitgegründet hat, in Netzwerken. Kein Neid unter Kollegen, sondern Gemeinschaftsprojekte, und vor allem: Kontakt zu den Produzenten, zu Bauern und Züchtern, Einfluss nehmen auf Getreidesorten, Tierrassen und Futter.

Vorreiter gebe es schon einige, nicht nur in den Großstädten. "Revival des Handwerks" nennt er das: "Dann hat man Produkte, auf die man stolz ist."

ler/dpa/Teresa Dapp

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