Berufswahl: Arbeiten wie die Eltern - DER SPIEGEL
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Eltern und Berufswahl Im Schatten des Vaters

Ich werde nie wie meine Alten! Und doch: Bei der Berufswahl werden wir von Vater und Mutter stark beeinflusst. Eine Psychologin, eine Lehrerin und ein Musiker erzählen von ihren Jobs - und denen ihrer Eltern.
Dirk Darmstaedter: Wollte nicht arbeiten wie der Vater
Dirk Darmstaedter: Wollte nicht arbeiten wie der Vater

Dirk Darmstaedter: Wollte nicht arbeiten wie der Vater

Foto: Dennis Dirksen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Felipe hatte keine Wahl. Dass er mal den gleichen Job wie sein Vater Juan Carlos ausüben würde, stand fest, bevor er laufen konnte - im Juni hat er den Beruf schließlich von Papa übernommen und arbeitet als Staatsoberhaupt von Spanien.

Gut, Blaublüter königlicher Abstammung nehmen bei der Berufswahl eine Sonderrolle ein. Und heute stehen Talent und Interessen tatsächlich oft über der Abstammung. Doch noch immer dürften es bei den meisten Menschen die Eltern sein, die den größten Einfluss auf die Berufswahl ausüben, egal ob bewusst oder unbewusst.

Wie die Eltern, so die Kinder: Die Liste an prominenten Beispielen ist lang. Schauspieler Götz George stand wie sein Vater Heinrich auf der Bühne. Erika, Klaus und Golo, drei der sechs Kinder von Thomas Mann, wurden ebenfalls Schriftsteller. Skifahrer Felix Neureuther lernte von seinen Eltern Rosi Mittermaier und Christian Neureuther den Berg runterzubrettern. Und Jakob Augstein folgte Rudolf Augstein in den Journalistenberuf.

Was auch immer unsere Berufswahl beeinflusst: Wir alle stehen dabei irgendwie im Schatten der Eltern. Wie sie geworden sind, was sie sind: Ein Musiker, eine Lehrerin und eine Psychologin erzählen.

  • Carolin Berka , 36: "Mein Vater war mein Ausbilder "

Früher Bankerin, heute Psychologin: Nach mehreren Überfällen hatte Berka keine Lust mehr auf den Job ihres Vaters

Früher Bankerin, heute Psychologin: Nach mehreren Überfällen hatte Berka keine Lust mehr auf den Job ihres Vaters

Foto: Privat

"Es begann damit, dass ich in den Lauf einer Waffe geschaut habe. Da habe ich mich plötzlich gefragt, ob dieser Job der richtige für mich ist. Heute bin ich Psychologin. Doch nach dem Abitur 1998 entschied ich mich erst mal für eine Bankausbildung - wie mein Vater. Er war sogar offiziell mein Ausbilder. Mein Traumberuf war es nicht, aber mein Vater schwärmte mir von der spannenden Finanzwelt vor, man habe viel mit Menschen zu tun. Da war ich mir sicher: Das ist es. Sogar mein erstes eigenes Geld habe ich bei der Bank verdient: als Zwölfjährige im Maskottchenkostüm 'Goldi'.

Nach dem ersten Tag in der Berufsschule habe ich aber gleich gemerkt: Fächer wie Rechnungswesen und Bankbetriebslehre sind mir zu trocken. Meinem Vater habe ich nichts davon erzählt. Nach der Ausbildung wollte ich erst mal Geld verdienen und bin mit meinem Freund von Lemgo nach Hamburg gezogen.

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Neustart: Auf der Suche nach dem Traumberuf

Foto: Peter Glösekötter

Die Arbeit in einer Filiale mitten in der Großstadt war spannend: Da kamen dubiose Autohändler und holten bei mir eine halbe Million in bar ab. Und bei der Euroumstellung sammelten wir die D-Mark in Mülleimern und zählten teilweise bis Mitternacht. Ich habe wie im Rausch gearbeitet und kam gar nicht zum Nachdenken. In der Zeit bin ich persönlich gereift, habe gemerkt, dass ich gut mit Menschen umgehen kann und eine Ausstrahlung habe. Davor war ich eher schüchtern.

Ende 2001 begann dann eine Serie von Überfällen - drei in drei Monaten. Das waren Profis aus Estland, ich war jedes Mal am Schalter, dreimal war die Waffe direkt auf mich gerichtet. Beim letzten Überfall kam es fast zu einer Schießerei, der Täter wurde in der Bank überwältigt. Das hat mich wirklich erschüttert, ich war plötzlich auch in der Freizeit schnell panisch, hatte Schlafprobleme. Mein Chef hat mich zu einer Psychologin geschickt. In einer Sitzung fragte sie mich nebenbei: 'Ist das eigentlich ihr Traumjob?' Spontan habe ich verneint.

Auch der Vater war unzufrieden mit seinem Job

Mir war klar: Wenn ich etwas ändern will, dann jetzt. Ich glaube im Nachhinein, dass mich unbewusst einige Dinge gestört haben. Menschen Finanzprodukte aufschwatzen zu müssen, die sie eigentlich weder brauchen noch wollen, das war nicht mein Ding.

Psychologie hatte ich schon vor meiner Behandlung im Hinterkopf, ich kannte nur niemanden, der in dem Job gearbeitet hat. Ende 2002 ging es dann ganz schnell. Ich bekam einen Studienplatz in Bielefeld, habe gekündigt, bin umgezogen und saß plötzlich mit fünf Jahre jüngeren Leuten im Hörsaal. Der Schritt war hart, vor allem finanziell, und plötzlich musste ich wieder lernen. Das Psychologiestudium ist ganz schön trocken. Und ob man als Psychologe geeignet ist, erfährt man erst hinterher in der Praxis.

Seit 2008 arbeite ich nun in einer ambulanten Einrichtung für Menschen, die an Tinnitus leiden. Ich bereue nichts. Meine Eltern haben den Berufswechsel toleriert, aber ich habe die Skepsis meines Vaters gespürt. Heute beglückwünschen wir uns sogar gegenseitig. Denn auch er war irgendwann unzufrieden in der Bank - und wechselte vorzeitig in Altersteilzeit."

  • Dirk Darmstaedter , 49: "Die traditionelle Arbeitswelt ist nichts für mich"

Vater Schifffahrtskaufmann, Sohn Musiker: Hierarchien sind nichts für den Gitarristen

Vater Schifffahrtskaufmann, Sohn Musiker: Hierarchien sind nichts für den Gitarristen

Foto: Dennis Dirksen

"Mein Vater hat in einem Büro im 74. Stock in Manhattan gearbeitet. Wenn ich ihn als kleinen Jungen dort besucht habe, fand ich das spannend - so viele Menschen, alle mit weißem Hemd, Krawatte, Anzug. Aber ich wusste schon früh, dass ich nicht wie er Schifffahrtskaufmann in einem globalen Unternehmen werde. Vielleicht habe ich schon damals gespürt, dass die traditionelle Arbeitswelt mit ihrer Gleichförmigkeit und den Hierarchien nichts für mich ist.

Damals in New York wollte ich unbedingt Baseball-Profi werden. Aber dieser Traum starb, als ich mit elf Jahren zurück nach Deutschland musste. Ich verlor von einem Tag auf den anderen alle meine Freunde und fiel in ein tiefes Loch. Die Musik hat mich gerettet, genauer "Bye Bye Baby " von den Bay City Rollers. Von der Single habe ich in der "Pop Rocky" gelesen und sie gekauft. Ich habe sofort angefangen zu heulen, als ich sie das erste Mal gehört habe. Von da an wusste ich, dass ich nur Musiker werden kann. Einen Plan B hatte ich nie.

Ich mag Teamarbeit einfach nicht

Mein Vater hat mir dann meine erste Gitarre gekauft. Während Schulfreunde Ferienjobs in der Fabrik hatten, habe ich in Hamburg in der Fußgängerzone Songs gespielt. Die harte Straßenmusikerschule war genau das Richtige, ich habe mich oft gefragt, warum ich eigentlich später noch Abitur gemacht habe. Über eine Ausbildung habe ich nie nachgedacht, noch als Zivildienstleistender unterschrieb ich meinen ersten Plattenvertrag mit der Band, die später The Jeremy Days wurde.

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Es wundert mich bis heute, dass meine Eltern mich nie zu etwas gedrängt haben. Ich glaube, sie waren froh, dass ich etwas gefunden hatte, das mich mit so viel Leidenschaft erfüllt und mich die Sehnsucht nach meinen New Yorker Freunden vergessen ließ. Mein Vater war mein erster Kritiker, er hörte ständig Bob Dylan oder Herb Alpert und kam zu den Konzerten meiner ersten Band, die ich mit 13 gegründet hatte.

In meinem aktuellsten Musikvideo  kommen viele Szenen vor, die im Büro meines Vaters spielen könnten. Es zeigt Menschen beim Ausrasten im Büro. Es ist nicht so, dass ich die traditionellen Arbeitsmodelle verachte, ich bin nur einfach nicht dafür gemacht. Eine Band ertrage ich gerade noch, aber Teamarbeit mag ich einfach nicht. Und wie jeder Berufsmusiker zahle ich einen Preis dafür: Es ist sehr schwer, von Musik gut leben zu können.

Ich bin sicher, dass ich nie eine Wahl hatte: Musiker zu sein, ist für mich Berufung, kein Beruf. Und ich bin jeden Tag dankbar, dass ich das machen kann und mir niemand reinredet. Auch wenn ich Nachwuchsmusikern rate, sich einen Brotjob zu suchen, würde ich alles noch mal genauso machen. Ich weigere mich, alles negativ zu sehen.

Leider habe ich meinen Vater nie gefragt, warum er so viel Urvertrauen in meinen Berufswahl hatte, er ist früh gestorben. Aber die Single von den Bay City Rollers habe ich heute noch."

  • Lilly Aßmann, 38 : "Schule habe ich schon als Kind geliebt"

Vater Lehrer, Mutter Lehrerin, Tochter Lehrerin: auch eine Art Familienunternehmen

Vater Lehrer, Mutter Lehrerin, Tochter Lehrerin: auch eine Art Familienunternehmen

Foto: Privat

"Lehrerin ist mein Traumjob und er war es immer schon. Bereits mit zehn, elf Jahren habe ich gewusst, dass ich Musiklehrerin werden will. Ich habe das meiner Klavierlehrerin damals stolz verkündet, sie hat mich sehr zweifelnd angeschaut. Dann wollte ich es ihr erst recht beweisen: Ich habe mir selbst Klavierschüler gesucht und so mit 16 mein Taschengeld verdient. Zuerst habe ich nur jüngere Nachbarskinder unterrichtet - dann auch Erwachsene, sogar ein pensionierter Lehrer von mir war dabei. Der Unterricht hat mich bestätigt: Schließlich wurde ich ernst genommen und für kompetent gehalten.

Schule habe ich schon als kleines Kind geliebt, das war für mich ein spannender, lustiger und kreativer Ort. Meine Eltern waren beide von der 68er-Generation geprägt, sind Pädagogen mit Leib und Seele. Es war ihnen wichtig, dass wir Kinder uns frei entwickeln konnten, ihre Erziehung war sehr von pädagogischen Ideen geleitet.

Schon in meiner Jugend habe ich mich auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet und mit Bratsche das dafür notwendige zweite Instrument gelernt. Ich habe dann an der Hamburger Musikhochschule studiert und unterrichte heute an einem Gymnasium Deutsch und Musik.

Plötzlich fand ich den Lehrberuf uncool

Einmal habe ich aber doch gezweifelt: Nach dem ersten Staatsexamen war ich 24 Jahre alt und hätte direkt mit einem Referendariat beginnen können. Aber plötzlich fand ich das uncool: für den Rest des Lebens an einer Schule sein und dann noch denselben Job wie die Eltern? Ich wollte zumindest etwas anderes ausprobieren und habe bei einer Plattenfirma gejobbt und Musiker gescoutet. Das war spannend, ich verdiente viel Geld, aber es ging immer darum, Musiker zu finden, die sich gut verkaufen würden. Das war nicht mein Ding.

Profimusikerin wollte ich auch nicht werden. Es ging mir nie darum, die Beste auf einem Instrument zu werden. Dafür mag ich die Vielfältigkeit und das Kreative des Schulmusikerberufs.

Ich kann nicht genau erklären, warum ich schon so früh wusste, dass ich Lehrerin werden wollte. Aber ich wollte mit Kindern Musik machen. Und das gefällt mir heute noch: Jungen Menschen Möglichkeiten zu eröffnen, sich künstlerisch und kreativ auszudrücken, das ist toll.

Dass man als Lehrer einen sicheren Job hat, hat für mich damals keine Rolle gespielt - auch wenn ich dieses Argument immer wieder höre. Aber als Teenager konnte ich eh nicht erfassen, was ein familienfreundlicher und sicherer Job bedeutet. Heute weiß ich das zu schätzen.

Meine Eltern freuen sich, dass ich ihren Beruf ausübe. Auch wenn sie längst pensioniert sind, ist Schule häufig Thema, mit meinem Vater gibt es auch mal Diskussionen über das Lehrerleben - er ist konservativer, würde vieles anders machen. Aber meine Eltern können sich noch zu gut an ihre Berufsjahre erinnern. Sie kennen die Probleme."

Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.