Bewerbung ohne Anschreiben: Warum das sinnvoll ist - DER SPIEGEL
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Matthias Kaufmann

meinung •Bahn erlaubt Bewerbung ohne Anschreiben Schluss mit dem Bewerber-Blabla

Zu kompliziert, zu abschreckend: Azubis dürfen sich bald bei der Bahn ohne Anschreiben bewerben. Ist das leistungsfeindlich? Nein, sondern ein geschickter Zug.
Zugführer: Voll motiviert auch ohne Bewerbungsschreiben
Zugführer: Voll motiviert auch ohne Bewerbungsschreiben

Zugführer: Voll motiviert auch ohne Bewerbungsschreiben

Foto: Deutsche Bahn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit bewerbe ich mich bei Ihnen auf einen Ausbildungsplatz als Gleisbauer. Die Bahn war schon seit frühester Kindheit mein Traumarbeitgeber. Ich habe immer sehr gerne mit Zügen gespielt.

Das Anschreiben in Bewerbungen ist oft unfreiwillig komisch, meist irgendwie schräg, selten ehrlich. Das liegt in der Natur der Sache: Der potenzielle Arbeitgeber will lesen, warum er - und nur er - zu dem Bewerber passt. Zwangsläufig muss dabei häufig Kappes herauskommen: Kaum jemand, der auf der Suche nach einem Job ist, leistet sich den Luxus, bei nur einer Firma zu fragen. Also wird geheuchelt, dass sich die Balken biegen.

Die Bahn will diesen Unfug nun in einigen Jobs abstellen. Dann genügen Zeugnisse und Lebenslauf. Und das ist folgerichtig, weil der Informationswert vieler Bewerbungsschreiben gegen Null tendiert. Gut gemacht.

Die Begründung des Staatskonzerns stößt aber auf Kritik: "Wir wollen es den Bewerbern so einfach wie möglich machen", sagte Carola Hennemann von der Recruitingabteilung. "Für Schüler ist so ein Motivationsschreiben schon schwierig."

Wo bleibt das Leistungsethos?

O weh, munkeln da viele: Wo bleibt das Leistungsethos? Und: Dürfen demnächst auch Leute, die zu doof sind, ein Motivationsschreiben zu verfassen, einen Zug fahren? Gute Nacht, Deutschland!

Das war erwartbar. Wann immer eine Maßnahme als Erleichterung für die "Jugend von heute" durchgeht, finden sich Ältere, die um den Fortbestand der Kultur fürchten. Dabei ist dieser Reflex allein schon der Beleg, dass eine bestimmte Kultur quicklebendig ist.

In der Sache allerdings zeigt die Maßnahme, dass die Bahn einfach ein paar Dinge verstanden hat:

  • Bei einer Bewerbung geht es um einen Job - nicht mehr, nicht weniger. Der Job wird nicht dadurch besser, dass man ihm ein Halleluja trällert. Erst recht, wenn das Pathos falsch ist.
  • Wer dem künftigen Arbeitgeber schamlos schmeichelt, beweist damit noch lange nicht, dass er später ein guter Lokführer, Gleisbauarbeiter, Mitarbeiter sein wird. Für diese Einschätzung sind Infos über Noten und Erfahrungen, vor allem jedoch persönliche Gespräche mit dem Bewerber viel besser geeignet. In professionell geführten Personalabteilungen spielt das Motivationsschreiben schon heute eine untergeordnete Rolle, die Leute sind ja nicht blöd.
  • Wenn man als Unternehmen wirklich Sorge hat, ob man alle freien Stellen besetzt bekommt, dann muss man den künftigen Mitarbeitern entgegenkommen. Gerade um Azubis herrscht inzwischen Wettbewerb, jedes Jahr klagt die Wirtschaft, dass es zu wenige gebe. Da ist es naheliegend, es den Bewerbern "so einfach wie möglich" zu machen.

Bei der Bahn ist der Druck groß. Sie muss in diesem Jahr 19.000 Stellen besetzen. Und in den kommenden Jahren wird die Zahl kaum sinken, weil viele Bahner in den Ruhestand gehen und es erklärtes Ziel der Politik ist, die Zahl der Bahnreisenden massiv zu steigern.

"Wir suchen händeringend Mitarbeiter"

Da wäre es leicht, ins Wehklagen über den Fachkräftemangel einzustimmen: "Wir suchen händeringend Mitarbeiter", wie es so rührselig wie formelhaft heißt. Wobei man immer getrost da Zweifel am Fachkräftemangel haben darf, wo die Arbeitgeber eben nicht zu Zugeständnissen bereit sind.

Bitte keine Missverständnisse: Selbstverständlich ist es für viele Stellen interessant, etwas über die ehrliche Motivation für eine Bewerbung zu erfahren. Aber warum reicht für eine Ausbildung im Bordbistro nicht "der Arbeitsplatz ist in der Nähe, die Dienstzeiten passen"? Warum sollen immer gleich alle für ihre Aufgabe brennen?

Bei der Mehrzahl der Stellen erwartet die Bahn auch in Zukunft ein Bewerbungsschreiben, die Erleichterung gilt vorerst nur für Azubis. Und auch die sollen später im Gespräch über Bewerbungsgründe und ihre Vorstellungen vom Berufsleben sprechen.

So herum ist das sinnvoll: Azubis sind jung, oft ratlos, wie es nach der Schule weitergeht. Ein guter Arbeitgeber bleibt mit ihnen darüber im Gespräch. Aber zum Berufsstart müsste die ehrliche Antwort vieler Bewerber auf die Frage nach der Motivation lauten: "Mir ist nichts Besseres eingefallen." Schön, dass wir darüber geredet haben.