Billige Lehrlinge: Wie Arbeitgeber Azubis verheizen - DER SPIEGEL
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Verheizte Lehrlinge "Bist du Kazubi oder Packesel?"

In Deutschland fehlt es an Ausbildungsreife - mehr bei Firmen als bei jungen Menschen, sagt Karrierecoach Martin Wehrle. Er sieht gute Gründe, warum jeder vierte Lehrling hinwirft: Mitunter werden Azubis als Billigarbeiter angeheuert und ausgenutzt.
Oft gilt: Voll mitarbeiten - bei Azubi-Gehalt
Oft gilt: Voll mitarbeiten - bei Azubi-Gehalt

Oft gilt: Voll mitarbeiten - bei Azubi-Gehalt

Foto: Rainer Jensen/ picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer befürchtet, Azubis könnten in Deutschland nichts lernen, übersieht eine wichtige Lektion: Sie lernen Ausbeutung für Fortgeschrittene, wenn auch nur in der passiven Rolle. Einige Firmen verkünden stolz: "Wir behandeln unsere Azubis als vollwertige Teammitglieder!" Aber "vollwertig" heißt nur, dass Azubis mit voller Kraft arbeiten müssen. Ein volles Gehalt gehört nicht dazu. In der Regel müssen sich Azubis mit 600 bis 800 Euro bescheiden. Bei 160 Stunden im Monat kommen sie auf einen Stundenlohn von etwas über 4 Euro.

Es gibt zwei Sorten von ausgenutzten Azubis: Die einen werden vom ersten Tag an als vollwertige Arbeitskraft eingespannt, zum Beispiel im Einzelhandel, im Hotelgewerbe oder in Redaktionen. Die anderen sind den ganzen Tag mit Dingen beschäftigt, die wenig mit ihrer Ausbildung zu tun haben.

Dabei darf die Tätigkeit des typischen Azubi durchaus als abwechslungsreich gelten: Post frankieren, Kopien machen, Blumen kaufen, Bote spielen, Autos waschen, Telefonate durchstellen, Karteikarten sortieren, Akten schreddern, Tische decken, Kaffee kochen und manchmal sogar Toilette putzen - all das gehört dazu.

Der Azubi war der Admin - die Noten wurden immer schlechter

Ein Auszubildender aus dem Frankfurter Raum hat Folgendes erlebt: Er fing bei einem Mittelständler an, um den Beruf des Industriekaufmanns zu lernen. Schon bei der Ausschreibung hatte er sich gewundert, dass "fortgeschrittene Computerkenntnisse und Interneterfahrung" gefragt waren. "Wir sind ein kleiner Betrieb", sagte der Chef am ersten Tag. "Hier muss jeder alles machen. Und von Ihnen wünsche ich mir, dass Sie sich nebenbei ein wenig um die Computerangelegenheiten kümmern."

Das klang nicht schlecht, denn er war Computerfreak. Doch der scheinbare Segen entpuppte sich als Fluch: "Ich war kaum im Büro, da rief schon der erste Kollege: 'Jan, ich habe mir einen Virus eingefangen, kommst du mal rüber!' Und der nächste rief: 'Und wenn du fertig bist, richtest du mir dann den Drucker ein?'"

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Azubi-Löhne: Tops und Flops bei der Bezahlung

Foto: BIBB

Die Firma hatte 150 Angestellte, aber keinen eigenen Informatiker. Diese Rolle übernahm der Azubi (wie schon sein Vorgänger). Das kostete nicht 55 Euro die Stunde, wie beim Computerservice, das war fast kostenlos.

Und so fing die Ausbildung erst gar nicht an, obwohl der Azubi jeden Tag zur Arbeit kam: "Niemand erklärte mir eine Bilanz. Niemand zeigte mir Buchhaltung. Niemand erläuterte mir, wie man ein Angebot schreibt." Täglich gab es Probleme, weil die Computer mitsamt Software uralt waren. Manche Dokumente, die von Kunden geschickt wurden, ließen sich mit der veralteten Software nicht einmal mehr öffnen.

"Sie sind halt ein Praktiker!"

Daher schien es wie eine gute Nachricht, als der Geschäftsführer verkündete: "Wir bekommen neue Computer!" Aber wer war dafür zuständig, die Daten von den alten auf die neuen Computer zu spielen? Wer musste die Drucker anschließen, die Mitarbeiter in die neuen Geräte einweisen? Und wer war wochenlang mit der Einführung beschäftigt und wurde angeschnauzt, wenn etwas nicht klappte? Genau, der Azubi.

Die Rechnung bekam er in der Berufsschule präsentiert: "Die Lehrer setzten voraus, dass wir Grundkenntnisse aus den Firmen mitbringen. Aber ich hatte null Ahnung. Und so fiel dann auch mein Zwischenzeugnis aus." Der Chef reagierte gelassen, als er die vielen Vierer und die vereinzelten Fünfer sah: "Sie sind halt ein Praktiker! Hier in der Firma erlebe ich Sie als wertvoll."

Doch die Eltern des Jungen machten nun Druck: Er dürfe nicht länger mitspielen. Also sagte er zu seinem Chef: "Ich werde durch die Prüfung fallen, wenn ich hier nicht endlich etwas lernen kann. Ich möchte mich nicht mehr um die Computer kümmern." "Aber unter anderem dafür habe ich Sie doch eingestellt!", sagte sein Chef. "Das stand doch in der Stellenausschreibung!" "Aber ich will hier einen Beruf lernen. Ich bin Auszubildender." - "Vor allem sind Sie frech!"

Von diesem Tag an sah ihn der Chef als Unperson. Und die Kollegen waren sauer, weil er sie mit ihren Computerproblemen angeblich "hängen ließ". Niemand hatte Zeit für seine Fragen. Die Noten in der Berufsschule blieben schlecht. Nach sechs Wochen war der junge Mann zermürbt: Er schmiss die Ausbildung hin.

So geht das oft: Jeder vierte Lehrling in Deutschland brach 2011 seine Ausbildung ab, wie eine Auswertung des Bundesinstituts für Berufsbildung ergab; zu Beginn der achtziger Jahre hatte nur jeder Siebte hingeschmissen. In einigen Berufen steigt mittlerweile die Mehrheit der Azubis aus, etwa bei den Kellnern und den Umzugshelfern (je 51 Prozent). Bei den Köchen und Wachleuten ist es knapp die Hälfte (49,5 Prozent).

Wenn Azubis 40 Prozent der Arbeit erledigen

Das liegt vor allem an der Ausbildungsschwäche der Firmen. Aus gutem Grund kommen die meisten Azubis in Berufen abhanden, in denen sie sofort wie Packesel beladen und an die Grenzen ihrer Belastbarkeit getrieben werden, wie beispielsweise als Umzugshelfer.

Eine Auszubildende im Einzelhandel erzählt, ihre Lehre in der Filiale eines großen Discounters bestehe darin, Waren ein- und auszuräumen. Der Laden hat zu wenig Personal. Nicht einmal Pause kann sie machen, das Essen muss nebenbei laufen, sonst tickt ihre Chefin aus. Als wieder mal Unterricht in der Berufsschule anstand, meinte die Filialleiterin: "Ich brauch dich hier. Kannst du die Schule nicht absagen?"

"Absagen" hieß: Sie sollte eine Krankheit vorschwindeln - und dennoch arbeiten. Damit versäumte sie nicht nur den Unterricht, sondern arbeitete ohne Versicherungsschutz, weil sie offiziell gar nicht da war. Ihre Chefin kümmerte das nicht. Der Ex-Aldi-Manager Andreas Straub berichtet, dass in einzelnen Filialen bis zu 40 Prozent der Arbeitsstunden von Azubis übernommen werden. Da wird der Lehrling zum Sparschwein der Firma.

Oder zum Dienstboten. Die Auszubildende einer Behörde in Hamburg wurde an ihrem ersten Arbeitstag als "Kazubi" begrüßt. Auf ihre Frage, was das heiße, kommandierte sie der Chef zur Kaffeemaschine. Dort durfte sie während ihrer Ausbildung jeden Tag antreten. "Kazubi" meinte: "Kaffee-Zubringerin".

Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Martin Wehrles Buch "Bin ich hier der Depp? - Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen".