Dilbert-Erfinder Scott Adams "Ich habe mich hochgescheitert"
Scott Adams (Jahrgang 1957) ist weltberühmt für seine sparsam gezeichneten "Dilbert"-Comics. Zuvor hat er 17 Jahre lang in Großraumbüros gearbeitet, die Quelle seiner Geschichten. Sein neues Buch "Die Kunst des erfolgreichen Scheiterns" erzählt eigentlich sein Leben, aber in der Art eines Karriere-Ratgebers. Im folgenden, gekürzten Kapitel schildert er sein Berufsleben vor der Cartoonisten-Karriere.
An einem Tag im Frühjahr 1979 betrat ich in San Francisco eine Niederlassung der Crocker National Bank und fragte nach einem Job als Kassierer. Der Manager stellte mich auf der Stelle ein. Mit meinem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften war ich zwar ein wenig überqualifiziert für einen Kassierer, doch ich schaffte es, sogar darin eine Katastrophe zu sein. Im Umgang mit Menschen war ich zwar ganz gut, aber irgendwie gelang mir bei jeder Transaktion ein Zahlendreher oder eine Fehlbuchung. Ich bin eine Niete darin, etwas gleich beim ersten Mal korrekt zu erledigen. Ich bin mehr der Typ Mach-es-falsch-und-korrigiere-es-dann.
Meine Vorgesetzte mochte mich, aber meine Schludrigkeit beim Nachverfolgen von Transaktionen - was damals bedeutete, dass man mit einem Stift Nummern auf ein Papier zu schreiben hatte - machte mich untauglich für den Job. Sie warnte mich, dass sie mich leider würde feuern müssen, wenn ich nicht rasch Fortschritte machte. Doch es war unwahrscheinlich, dass ich mich in puncto Genauigkeit würde verbessern können. Ich war ein Versager in meinem ersten Job.
Ich sah zwei Möglichkeiten, von meiner Arbeit entbunden zu werden. Entweder ich wurde gefeuert oder - und das ist die optimistische Variante - ich wurde befördert. Ich schrieb einen Brief an den Direktor des Zweigniederlassungssystems, der etwa sieben oder acht Führungsebenen über mir stehen musste, und machte ihm eine Reihe naiver Vorschläge zur Verbesserung der Bank. Meine Ideen hatten eines gemeinsam: Sie waren nicht umsetzbar, aus Gründen, die ein 21-Jähriger noch nicht verstehen konnte. Ich aber schloss meinen Brief mit der Bitte um einen der seltenen und begehrten Plätze im Management-Trainingsprogramm, der Überholspur ins höhere Management. Das war ziemlich gewagt für jemanden, dessen Arbeitszeugnis vermutlich auf folgenden Satz reduzierbar gewesen wäre: "Zu inkompetent, um Zahlen zu notieren".
Dilberts Karrieretipps: "Arbeite so hart, dass du deine Gesundheit zerstörst"
Wie das Glück manchmal so spielt, war der Direktor ein zwei Meter großer, rothaariger und bärtiger Kauz mit viel Sinn für Humor. Er lud mich zu einem Vorstellungsgespräch ein. Er erklärte mir, dass meine Verbesserungsvorschläge für die Bank wenig überzeugend wären, dass er aber meinen Sinn für Humor möge und deswegen ein gewisses Potenzial in mir vermute. Einen Monat später begann ich mit dem Management-Trainingsprogramm. Irgendwie war ich in einen viel besseren Job "hineingescheitert".
In allen Jobs war ich inkompetent
In allen Jobs, die ich in den acht Jahren bei der Bank gemacht habe, war ich inkompetent. Ich war Filialbanksystems-Trainee, Projektmanager, Programmierer, Produktmanager, Kreditsachbearbeiter, Finanzaufseher und ein paar andere Dinge, die ich vergessen habe. Nie übte ich eine Tätigkeit lange genug aus, um darin irgendwelche fundierten Kenntnisse zu erlangen, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob zusätzliche Erfahrung in meinem Fall etwas gebracht hätte. Es schien, als ob meine einzig wirkliche Fähigkeit darin bestand, mich um einen neuen Job zu bewerben. Für fast jeden Job, den ich bei der Bank anstrebte, wurde ich auch genommen, und jedes Mal bedeutete es eine Beförderung und eine Lohnerhöhung. Ich begann zu glauben, ich sei in der Lage, rein über Vorstellungsgespräche bis in den Vorstand zu kommen, wo niemand bemerkt hätte, dass ich komplett kompetenzlos war. Das war meine Hoffnung.
Zufallserfindungen: Huch, das hatte ich jetzt nicht geplant
Meine Bankkarriere endete, als mich meine Chefin in ihr Büro rief und mir mitteilte, dass man beschlossen habe, keine weißen, männlichen Mitarbeiter mehr zu befördern. Die Presse hatte aufgedeckt, dass sich die obere Führungsebene fast ausschließlich aus weißen Männern zusammensetzte, und die Firma musste daher mehr für die sogenannte Diversität tun. Niemand wusste, wie viele Jahre dies dauern würde. Also nahm ich meinen Lebenslauf und schickte ihn an einige andere große Firmen in der Gegend. Mit meiner Bankkarriere war ich offiziell gescheitert und wider alle Erwartungen lag es nicht an meiner Inkompetenz.
Das regionale Telekommunikationsunternehmen Pacific Bell bot mir - unklugerweise - einen Job an, und ich sagte zu. Auf dem Papier machte ich eine gute Figur. Die hatten nur keine Ahnung, dass eine gute Figur auf dem Papier meine größte Stärke war. Pacific Bell setzte mich auf die Überholspur, was hieß, dass ich "im Hefter" gelandet war. Die höheren Führungsebenen legten Listen mit Senkrechtstartern an, die sie in Heftern sammelten, damit sie uns betreuen konnten, aber wahrscheinlich auch, um sich für den Fall abzusichern, dass einer von uns sie auf der Karriereleiter überholte. Es ist nicht ratsam, jemanden wie einen Trottel zu behandeln, der in fünf Jahren dein Chef sein könnte.
Meine Tabellen waren fehlerhaft, die Daten komplett erlogen
Etwa 60 Prozent meines Jobs bei Pacific Bell bestanden darin, beschäftigt zu wirken. Ich war für den Etat zuständig, was keine wirkliche Herausforderung war, nicht einmal für mich. Meine Tabellen waren fast alle fehlerhaft, aber das war egal, denn die ganzen Daten, die ich von den unterschiedlichen Abteilungen erhielt, waren der letzte Mist und komplett erlogen. Im Zweifel bildeten meine Fehler eher noch ein Gegengewicht zu dem Unsinn und brachten ihn der Wahrheit näher.
Mit meiner Karriere schien es ganz gut zu laufen. Ich schloss meinen MBA in Berkeleys Abendprogramm ab und rückte im "Hefter" vermutlich ein paar Plätze vor. Eines Tages wurde die Stelle eines Bezirksmanagers frei, und ich hatte gute Aussichten darauf. Zumindest dachte ich das. Aber der Chef des Chefs meines Chefs rief mich in sein Büro und erklärte mir, dass von oben die Weisung ausgegeben worden sei, keine weißen Männer mehr zu befördern. Pacific Bell hatte ein Diversitätsproblem, und es konnte Jahre dauern, bis es behoben war, wenn es überhaupt behoben werden konnte. Mein Versuch, bei Pacific Bell ins höhere Management zu gelangen, war offiziell gescheitert.
Unfreiwillige Freiheit
Das Positive daran war, dass ich nicht länger das Bedürfnis verspürte, für meinen Arbeitgeber Höchstleistungen zu erbringen oder gar unbezahlte Überstunden zu machen. Es war eine unfreiwillige Freiheit, aber es war Freiheit. Ich nahm mir Zeit, um mein Tennisspiel zu verbessern, und dachte ernsthaft über einen Neuanfang nach, am besten einen ohne Chef. Ich beschloss, eine alte Leidenschaft wiederzuerwecken und es mit dem Comiczeichnen zu versuchen. Aber dieser Traum war unrealistisch, denn künstlerisch war ich ja komplett untalentiert und bisher erfolglos geblieben.
Jedenfalls kaufte ich das nötige Künstlerzubehör, übte jeden Morgen vor der Arbeit das Zeichnen und schrieb 15-mal am Tag meine Affirmation auf: "Ich, Scott Adams, werde ein berühmter Comiczeichner."