Erste Hilfe Karriere: Bitte recht boshaft - DER SPIEGEL
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Erste Hilfe Karriere Bitte recht boshaft

"Er ließ seinen Taten immer auch Worte folgen": Chefs können im Arbeitzeugnis versteckte Botschaften unterbringen. Aber sonst eigentlich gar nichts - der Gesetzgeber will es so. Bewerbungshelfer Gerhard Winkler findet das schade und lässt seiner Fantasie in giftigen Zeugniswendungen freien Lauf.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie werden endlich einen Mitarbeiter los. Raus mit ihm aus der Firma, auch wenn es kostet! Sein Arbeitszeugnis soll er kriegen, selbstredend! Sie legen flott los, lassen Dampf ab, und dabei wissen Sie doch: Nachkarten gilt nicht. Selbst die wahren Kündigungsgründe dürfen Sie in einem Arbeitszeugnis weder objektiv angeben noch genüsslich ausbreiten.

Das ist auch gut so. Der Mitarbeiter ist immer der Schwächere. Er hat am Ende zu gehen und ist vielleicht schon mit sich selbst, in jedem Fall mit der Jobsuche genug gestraft. Der Ton im Zeugnis hat immer wohlwollend zu sein. Im Streitfall gibt die Justiz den Tonmeister.

Der Ton macht die Musik, aber nicht jeder Zeugnisempfänger ist mit einem absoluten Gehör gesegnet. Das eröffnet Ihnen einen gewissen Spielraum für Subbotschaften im Zeugnistext. Gesetzt den Fall, Sie handeln selbst strikt gesetzestreu, sind jedoch nicht unbedingt ein herzensguter Mensch. Darum, und weil Sie dieses Mal wirklich betroffen, verletzt und empört sind, möchten Sie wenigstens die anderen Jobanbieter warnen. Leider hält man die Geheimsprache in Arbeitszeugnissen so geheim, dass selbst Sie kein Wort davon kennen. Und die netten Verklausulierungen, die als Belegstücke des Geheimen Personaler-Codes kursieren, haben sich über die Jahre herumgesprochen.

Deutschland ist, was die Zeugnissprache angeht, ein armes Land. Sie finden jedenfalls Versatzstücke wie "fiel auf Betriebsfesten durch seine fröhliche Art auf" oder "wusste sich gut zu verkaufen" ziemlich abgegriffen. Mit der Suche nach Spitzfindigkeiten wollen Sie sich allerdings auch nicht allzu lange aufhalten. Existieren denn nicht ein paar doppelbödige Wendungen für die Ironieversteher unter den Personalern?

Selbst, wenn es sie gäbe (vielleicht, weil ein Bewerbungshelfer kurzeitig die Seiten gewechselt hat, weil er sein Faible für maliziöse Sprachwendungen pflegt), kann man den Einsatz versteckter Botschaften unter keinen Umständen empfehlen. Ein Mitarbeiter, der einem schon die längste Zeit Ärger machte, ist genial im Aufspüren von Dingen, mit denen er Ihnen noch mehr Stress macht. Texten Sie darum immer so, dass selbst ein Schelm aus der Anwaltszunft sich nichts Schlechtes bei der Lektüre denkt. Bleiben Sie beim Formulieren von Arbeitszeugnissen immer im zartgrünen Bereich. Das stetig perfektionierte Arbeitsrecht hat jede Kreativität in der Zeugniskultur gekillt.

Aber man wird ja noch mal träumen dürfen...

Der Mitarbeiter nahm verbotene Substanzen ein

Personalverantwortliche beschreiben einen Schnapsfahnenträger angeblich gern so: "… war aufgrund seines ungezwungenen Wesens beliebt." Wie wäre es stattdessen damit:

  • Er bewahrte unter allen Umständen seine Selbstkontrolle und war darin ein Vorbild für unsere jüngeren Mitarbeiter.

  • Zum Stressabbau und zur Leistungssteigerung setzte er stets probate Mittel ein.

  • Um sein Potenzial auszuschöpfen und um seine Leistung zu steigern, fand er stets die richtigen Mittel.

  • Er ließ den Pegel seiner Fachkompetenz nie unter ein bestimmtes Maß fallen und nutzte jede Möglichkeit, um seinen Wissensdurst zu stillen.

  • Als ein von Grund auf optimistischer und der Zukunft zugewandter Mensch handelte er stets nach der Devise, dass das Glas immer halb voll zu sein hat und nicht halb leer werden darf.

  • Seinen leistungsmäßigen Output pegelte er stets auf hohem Niveau ein.

  • Er hat fachlich sehr viel dargestellt, war immer sehr gut aufgestellt und wirkte stets gut eingestellt.

  • Im Kollegenkreis war er für seine Fähigkeit, Stress und Belastungen auszugleichen, allenthalben hoch geschätzt.

  • Er zelebrierte seine Arbeit und engagierte sich stets auch für unsere Feiern.

Er war nicht sehr willig, kaum fähig und schon gar nicht bereit

Zu vermerken, dass jemand wegen seiner Pünktlichkeit auffiel, ist ein bisschen billig. Meinten Sie nicht: Seine zeitliche Flexibilität ermöglichte es ihm in besonderen Maße, sich an seine Anforderungen anzupassen?

  • Aufgrund seiner vorzüglichen fachlichen Eignung ließ er keinen Zweifel an seiner Tüchtigkeit zu.

  • Er hat die hohen Anforderungen an seine vielfältigen Aufgaben stets sicher erkannt und vorbehaltslos akzeptiert.

  • Als hoch erfahrener Mitarbeiter benötigte er zu keiner Zeit Anweisungen.

  • Er hat die Prioritäten stets auf souveräne Weise selbst gesetzt und sie dabei immer auch sorgfältig und überlegt mit den Anforderungen abgestimmt.

  • Er blieb sich in seiner täglichen Arbeit stets selbst treu.

  • Er wusste immer gute Gründe, die seine Position effektiv unterstützten.

  • Er hat im täglichen Einsatz seine Vorgesetzten und Kollegen stets erstaunt und beeindruckt.

  • Als ein im besten Sinne proaktiver Mitarbeiter ließ er seinen Taten immer auch Worte folgen.

  • Trotz der kurzen Beschäftigungsdauer vermochte er sich mit allen seinen Aufgaben rasch anzufreunden.

  • Dank seines vorzüglichen Abschlusses als XY brauchte er in unserem Team keinen von seiner fachlichen Kompetenz zu überzeugen.

  • Sein wacher Sinn für das Mögliche wurde nur übertroffen von seiner Begeisterung für das Machbare.

  • Sein Arbeitsethos war vom kaufmännischen Prinzip geprägt, dass die Mittel stets die Ergebnisse rechtfertigen.

  • Er zeichnete sich zu jeder Zeit durch seine Klarsicht, Zuversicht und Einsicht aus.

Jemand wird dem Mitarbeiter verzeihen, aber das sind nicht Sie

So schlimm ist die Zusammenarbeit wirklich nicht gewesen. Denn wie schlimm sie wirklich war, lässt sich auf legalem Weg kaum ausdrücken. Ein paar Hilfestellungen:

  • Auch unsere Beauftragte für Gleichstellung verdankt ihm manche Anregung.

  • Zu seinen besonderen Leistungen zählt auch, dass er uns zur Neufassung unserer Ethik-Richtlinien wesentliche Anregungen gegeben hat.

  • Den Kollegen gegenüber verhielt er sich stets seriös, sensibel und subtil.

  • Er hat immer wieder unser Vertrauen erworben.

  • Er arbeitete stets aktiv an seiner Vertrauensstellung.

  • Unser Vertrauen hat er stets uneingeschränkt genossen.

  • Sein Verhalten bot zu keiner Zeit Anlass für Mutmaßungen.

  • In speziellen Dingen wusste er stets Rat.

  • Von seinem stets sorgsam ausformulierten Rat haben zu jeder Zeit alle im Betrieb profitiert.

Ihr Mitarbeiter hat von Anfang an durch seinen Sinn für das Machbare überzeugt, deshalb setzten Sie ihn ja auch im Rahmen des Möglichen voll ein. Ihre bereits anspruchsvollen internen Qualitätsvorgaben hat er ausnahmslos zu übertreffen versucht, womit er neue Maßstäbe in der Sachbearbeitung gesetzt hat. Auf seine Reaktionen konnte man sich jederzeit verlassen. Seine hohe Arbeitsbereitschaft kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass er am Ende übergangslos in ein neues Arbeitsverhältnis gewechselt hat. Ein guter Mann! Man versteht, wie ungern Sie ihn haben ziehen lassen. Wünschen Sie ihm das denkbar Beste für den weiteren, planvollen Berufsweg und für eine geordnete private Zukunft!