Erste Hilfe Karriere: Nicht unter meiner Würde - DER SPIEGEL
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Erste Hilfe Karriere Nicht unter meiner Würde

Lieber einen miesen Zwischenjob als lange arbeitslos: An diesem Rat zweifeln nicht zuletzt Berufseinsteiger. Was, wenn man so die Weichen falsch stellt? Bewerbungshelfer Gerhard Winkler erklärt, wie man selbst einen holprigen Übergang ins Berufsleben erhobenen Hauptes meistert.
Comicfigur im Themenpark: Kein schöner Job, aber ein bezahlter
Comicfigur im Themenpark: Kein schöner Job, aber ein bezahlter

Comicfigur im Themenpark: Kein schöner Job, aber ein bezahlter

Foto: MIKE CLARKE/ AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Arbeit ist nicht immer sexy. Mit Sex hat Arbeit aber etwas gemeinsam: Was der eine sich kaum mehr zutraut, ist dem anderen bereits eine Zumutung. Sollte man als Berufseinsteiger in den sauren Apfel beißen und sich unterhalb der eigenen Möglichkeiten verpflichten? Ist es aus Gründen der Hipness unmöglich, nicht bei PwC die Karriere zu starten? Alles geht, solange man dabei eine gute Figur macht.

Während man studiert, richtet man sich zwischen dem Provisorischen und dem Prekären ein. Vor allem stören weder berufliche Verpflichtungen noch Karrierezwänge die weitgehend entfremdungsfreie Selbstentfaltung. Klar probiert man aus, wie es sich anfühlt, dann und wann ein bisschen die Muskeln zu zeigen. Man punktet in den Klausuren und bildet in den Praktika seine berufstypischen Qualitäten aus. Die meisten nehmen nebenbei auch miese kleine Jobs an, die schneller wieder vergessen sind, als man das dort verdiente Geld ausgibt.

Selbst wer als Werkstudent über Semester hinweg ein Zubrot verdient und sich in eine Arbeitsumgebung einblendet, empfindet die Differenz, die einen vom Zeitarbeiter oder gar vom Stammpersonal trennt. Bei aller Solidarität in der Crew: Man selbst wird sich nach dem Studium doch anderweitig, auf einer anderen Ebene beschäftigen.

Muss ich etwa zurück in mein Jugendzimmer?

Die Zeiten waren zuletzt aber nicht so, dass auch der blasse Normalabsolvent anstrengungslos in eine Pole Position hineinrutschen konnte. Sie kommen vielleicht auch nicht so schnell wieder. Vor dem Studienabschluss verdichten sich die Fragen:

  • Was habe ich da überhaupt studiert?
  • Versteht das ein Jobanbieter?
  • Reichen meine Noten aus?
  • Wirkt mein Lebenslauf auch reichhaltig, knackig und frisch?
  • Strahle ich eine praxistaugliche Aura aus?
  • Werde ich überhaupt in meinem Fachbereich landen?
  • Oder schickt mich ein hinterhältiges Schicksal zurück in mein Jugendzimmer?

Wie schon vor Jahrzehnten gilt, dass die Ingenieure eher zuversichtlich, die Mediziner gleichmütig und die BWLer betont forsch nach vorn schauen. Studierende aus den Sozialwissenschaften kommen an keinem Taxi vorbei, ohne dass sie den Fahrer nachdenklich mustern: "Was mag er studiert haben?"

Egal welches Studienfach man gewählt hat: Der Studienerfolg und die erworbene Frustrationstoleranz machen den Joberfolg wahrscheinlicher. Zum späteren glatten Einstieg trägt es sicher bei, wenn man schon als Erstsemester den Jobmarkt im Auge behält und die Daten ständig auswertet. Wer sind die Arbeitgeber? Wie sind sie drauf? Was posten deren Mitarbeiter in den Foren? Was schreiben die Fachblätter und die Wirtschaftspresse? Was äußern die Leute, die an den Stellschrauben drehen? Positionieren Sie sich in Hörweite. Sie lernen fürs Leben.

Das Feld, das er im Job beackern will, betritt ein vorausschauender Studierender so früh wie möglich. Keine Angst, dass man sich damit festnagelt und die Optionen verscherzt! Es fällt dem Praktiker allemal leichter, sich am Studienende neu zu justieren. Überhaupt stimmen Sie mit vorzeigbarer Praxistauglichkeit auch hartgesottene Jobanbieter um. Finden Sie schon im Studium einige Förderer und Unterstützer, die Ihnen Türen öffnen. Erwarten Sie nicht, dass man Sie auch hindurch trägt.

Die Suche nach warmer Kleidung

Mit dem akademischen Abschluss haben Sie im Normalfall alles bestens eingetütet, um als Berufsanfänger loszulegen. Dennoch sollten Sie alle berufsförderlichen Zusatzkurse, Workshops und Einführungen an der Hochschule mitnehmen. Sich sogleich nach dem Abschluss fortzubilden, gleicht der Suche nach warmer Kleidung, nachdem man sich gerade eine Jacke übergestreift hat.

Streuen Sie breit, wenn Sie dem Jobmarkt nicht trauen. Schneidern Sie zugleich Ihre Anschreiben passgenau zu. Damit angeln Sie nach den Jobs, die Sie sich gerade noch zutrauen. Offerten der zweiten oder gar dritten Wahl nimmt man gleichfalls mit. Und man stellt sich zugleich bei eher unattraktiven Jobanbietern vor.

Steuern Sie, falls bei einer Flaute auf dem Jobmarkt gar nichts gehen will, wieder Ihre Uni für einen Master-Abschluss oder eine Promotion an. Oder machen Sie qualifizierte Arbeit für mau. Wenn es denn gar nicht anders geht, erledigen Sie eben undankbare Tätigkeiten für einen Lohn, der Ihnen Tränen in die Augen treibt. Erweitern Sie drastisch den Suchradius und testen Sie aus, wo Sie mit Ihrem Abschluss sonst noch reinkommen.

Ob berufliche Richtungsentscheidungen karrieretechnisch weise waren, entscheidet sich erst bei der Endabrechnung. Man kann aber alles, auch das Geringste, zu jeder Zeit machen, wenn man das Beste daraus macht und sich dabei so positioniert, dass man eine bessere Gelegenheit nicht nur in Sicht-, sondern in Griffweite erwischt.

Schleppen Sie Kohle, um ein bisschen Kohle zu machen. Oder montieren Sie so lange Windräder, bis der Wind sich wieder günstig dreht. Bedienen, Servieren, Kassieren, Verkaufen und ähnliche undankbare Dienstleistungen sind Karrierekiller, wenn man nach dem akademischen Abschluss in der unteren Linie hängen bleibt. Servieren Sie gekonnt und machen Sie zugleich, dass Sie gut fortkommen.