Existenzgründer mit Behinderungen - DER SPIEGEL
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Behinderte Firmengründer: Neue Chance mit eigenem Laden

Foto: David Krenz

Behinderte Existenzgründer Der Chef war schwer vermittelbar

Der eine hat Beinprothesen, der andere ist fast taub. Bei ihren alten Arbeitgebern hatten beide Berliner es schwer. Ali Lacin machte sich als Süßwarenhändler selbständig, Thore Krietemeyer als Galerist. Nun bestimmen sie die Regeln ihres Arbeitstages selbst.
Von David Krenz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Ali Lacin davon spricht, er spüre jetzt zum ersten Mal im Leben Gegenwind, dann ist das wörtlich zu verstehen. Ihm fehlen die Schienbeine, deshalb wurden ihm als Kleinkind die Unterschenkel amputiert. Vor kurzem nun hat er sich im Behindertensport angemeldet und trainiert auf Karbonfedern die 100 Meter. "Endlich kann ich anderen davonlaufen", sagt er.

Auch im Arbeitsleben hat Lacin, 25, erst vor kurzem das Tempo erhöht. Früher hieß es bei der Berufsberatung, er sei schwer vermittelbar: "Die wollten mich in eine Berufsschule für Behinderte stecken." Er weigerte sich, suchte eine Lehre zum Großhandelskaufmann. Die Ausbildung absolvierte er bei einer Firma und entdeckte danach eine neue berufliche Perspektive: die Selbständigkeit.

Jetzt winkt eine süße Zukunft. Sweet Store heißt sein Laden. Den Süßwarengroßhandel im Berliner Wedding betreibt er seit Juli gemeinsam mit seinem Bruder Osman. Muss er der Gesundheit wegen zum Arzt oder zu Hause bleiben, hilft die Familie, "auch deshalb wollte ich mich selbständig machen".

Das Sortiment ist durchgehend koscher und halal. Der gläubige Muslim verkauft nur Süßigkeiten, bei denen auch türkische Hochzeitsplaner und jüdische Gemeinden bedenkenlos zugreifen dürfen. Goldbären müssen draußen bleiben: "Wenn's glänzt, ist Gelatine drin."

Da muss noch "riesiges Potential" drinstehen

Zum Start war Hilfe von außen nötig. Rückblick: Juni 2013, Lacin sitzt im weiß gestrichenen Büro von Enterability , einem Förderprojekt, das behinderte Menschen in die Selbständigkeit begleitet. Das Berliner Integrationsamt hat ihn hierher vermittelt.

Projektleiter Manfred Radermacher scrollt durch den Finanzplan. "Ziemlich dünn, was ihr da geschrieben habt", murmelt er Lacin zu, haut dann in die Tasten und drischt Formeln wie "nach ausführlichen Marktanalysen" oder "riesiges Potential" dazwischen. Fingerübungen für einen wie ihn: Hundert Klienten berät Enterability im Jahr, hilft bei Businessplänen, Marketing und Anträgen, veranstaltet Kurse in Buchhaltung oder Kundenpflege. Einarmiger Fitnesstrainer, blinde Anwältin, Berufsberaterin mit Suchtvergangenheit - so lauten einige der Erfolgsgeschichten.

Einen Behindertenbonus gibt Radermacher nicht, die Idee muss später am Markt bestehen. Dabei wecken selten Verwirklichungsphantasien den Wunsch nach beruflicher Selbständigkeit, sondern reale Sorgen. "Fast alle, die zu uns kommen, sagen: Sonst habe ich keine Chance mehr", erzählt er.

Bahnhöfe und Behördenwebseiten gelten mittlerweile als weitgehend barrierefrei, doch der reguläre Arbeitsmarkt ist voll von Hürden. Dabei ist Inklusion in Zeiten fehlender Fachkräfte mehr kluge Personalpolitik als Sozialromantik: Nach Zahlen der Bundesarbeitsagentur sind schwerbehinderte Arbeitslose im Schnitt besser qualifiziert. Körperliche Einschränkungen, etwa eines Rheumakranken, "der nicht vor Mittag in die Gänge kommt" (Radermacher), oder eines Dialysepatienten, der während der Arbeit zur Blutreinigung muss, verlangten flexible Arbeitszeiten und behindertengerechte Büros. Mehr aber auch nicht.

Früher kaschierten die Haare seine Hörgeräte - heute nicht mehr

Weil Arbeitgeber oft zu unbeweglich sind, macht auch einer wie Thore Krietemeyer, 42, jetzt sein eigenes Ding. Seine Vita schmücken ein Museums-Master der Pariser Sorbonne und drei weitere Studienabschlüsse. Er war Art-Direktor bei Jung von Matt, arbeitete für namhafte Galerien. Trotzdem sagt er heute: "Wegen meiner Behinderung bin ich in meinen Jobs gescheitert." Krietemeyer ist an Taubheit grenzend schwerhörig, "ohne Hörgeräte höre ich nichts".

Sein Gehirn verstehe Bruchstücke, "daraus bilde ich meinen Satz". Beim Telefonieren verfalle er regelmäßig in Unsicherheit. "Gut, dann kommen Sie in einen anderen Bereich", habe sein letzter Arbeitgeber versichert. "Aber das war in der Realität nicht so." Die Behinderung ging im Tagesgeschäft unter.

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Foto: Anja Tiedge

Im Kunstgewerbe herrscht hoher Druck. Nach acht Stunden, sagt Krietemeyer, sei er hörmüde. Im Herbst 2011 wurde er krank, Operation. In der Reha beschloss er: "Ich schaffe das, ich gehe meinen eigenen Weg." Ein befreiender Schnitt, ähnlich wie damals mit 27, als er sich von den langen Haaren trennte, die bis dahin seine Hörgeräte kaschierten.

In seiner Galerie am Kreuzberger Landwehrkanal begrüßt heiteres Gebell den Besucher. Aapollinaire, wie der französische Lyriker, nur mit zweimal A am Anfang, lässt Krietemeyer wissen, wenn's klingelt. Der Behindertenbegleithund ist nicht die einzige Stütze, zwölf Stunden die Woche kommt eine Arbeitsassistenz. Auf lärmigen Kunstmessen steht sie immer hinter ihm, schaltet sich ein, wenn er im Gespräch mit Sammlern nicht alles verstanden hat.

Warum arbeitet ein Schwerhöriger ausgerechnet in einem Beruf, in dem Kommunikation zum Erfolgsrezept zählt? Kunst zu vermitteln, das sei seine Passion, sagt Krietemeyer. "Ich nehme die Leute mit auf die Reise, wie ich als Nichthörender die Arbeiten erlebe. Dadurch entsteht für die meisten ein anderes Bild." Eines Tages wolle er die Werke seiner Künstler auf der Art Basel präsentieren, der wohl wichtigsten Kunstmesse der Welt. "Ich möchte sagen können: Ich habe das erreicht, trotz meiner Behinderung."

"Ich wollte etwas schaffen, was selbst normalen Leuten schwerfällt", sagt auch Süßwarenhändler Ali Lacin. Scheint zu klappen: Mittlerweile beschäftigt er seinen ersten Angestellten und wurde von Enterability eingeladen, beim nächsten Netzwerktreffen über seine Erfahrungen zu sprechen. Naschereien und Getränke für die Runde bringt er aus seinem Sweet Store mit.

KarriereSPIEGEL-Autor David Krenz (Jahrgang 1984) ist Absolvent der Zeitenspiegel-Reportageschule und lebt als freier Journalist in Berlin.