Nachwuchssorgen Fahrlehrer dringend gesucht
Walter Paulsen bildet Fahrlehrer in Berlin aus
Foto: Gregor Fischer/ dpaDer Berliner Fahrlehrer Walter Paulsen steht vor seinen acht Schülern in einem kahlen Raum. Ein Projektor wirft das Bild eines Verkehrsschilds an die Wand: "Eingeschränktes Halteverbot". Doch der rote Balken auf blauem Grund führt auf der Abbildung von links oben nach rechts unten. "Ist das richtig oder falsch herum?", fragt Paulsen. Kurzes Schweigen. "Das ist so richtig", sagt dann die 32-jährige Anna. Stimmt.
Die Frauen und Männer, die bei Walter Paulsen sitzen, können längst Auto fahren. Sie wollen Fahrlehrer werden und andere Menschen zu sicheren Verkehrsteilnehmern ausbilden.
Die Branche leidet unter Fachkräftemangel. Während es Anfang dieses Jahres 44.610 Fahrlehrer gab, waren es vor sechs Jahren noch rund 10.000 mehr. Im Durchschnitt sind deutsche Fahrlehrer älter als 55 Jahre.
"Früher hat die Bundeswehr sehr viele Fahrlehrer ausgebildet", sagt Dieter Quentin, stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände. Nach ihrer Zeit beim Bund machten viele Soldaten dann als Ausbilder für Fahrlehrer auf dem zivilen Markt weiter. "Doch die Armee hat sich inzwischen fast vollständig aus der Ausbildung zurückgezogen", sagt Quentin - ein Grund für den Nachwuchsmangel.
"Erst mal fünf Monate Theorie - unbezahlt"
Die Ausbildung ist zwar recht kurz, aber teuer: "Erst mal kommen fünf unbezahlte Monate Theorie. Da werden unter anderem Pädagogik, Recht und Gefahrenlehre vermittelt", sagt Ausbilder Paulsen. Es folgt die viermonatige Praxiszeit in einer ausbildenden Fahrschule. Hier fahren die angehenden Fahrlehrer zwar schon mit eigenen Schülern. Geld gibt es dafür aber nicht immer.
Für die Ausbildung zum Fahrlehrer brauchen die Anwärter derzeit noch Führerscheine für die Auto-, Motorrad- und Lkw-Klassen - auch dann, wenn sie später nur den normalen Autoführerschein anbieten wollen. Diese Voraussetzung wird wohl bald mit einer Gesetzesreform wegfallen.
Die Ausbildung wäre dann günstiger, denn allein der Lkw-Führerschein kostet etwa 2000 Euro. Doch die Prüfungsgebühren belaufen sich trotzdem noch auf mehr als 7000 Euro - vorausgesetzt, man besteht alle beim ersten Mal.
"Einer der sichersten Jobs"
"Viele denken, als Fahrlehrer sitzt man nur rum und quatscht", sagt der 30-jährige Marc, der wie seine Mitschüler seinen Nachnamen nicht nennen will. "Aber da steckt eine riesige Vielfalt dahinter. Das sind ja nicht nur 18-Jährige, sondern auch Ältere, die sich noch zum Führerschein entschließen." Es mache Spaß, sie alle auf dasselbe Level zu bringen.
Ein Mitschüler ergänzt: "Es ist einer der sichersten Jobs, die man sich vorstellen kann." Tatsächlich bleibt die Zahl der Fahrschüler seit Jahren konstant - auch wenn das eigene Auto vor allem für junge Menschen in Städten oft kein Statussymbol mehr ist. Im Jahr 2015 machten rund 1,6 Millionen Deutsche die praktische Fahrprüfung, wie aus Zahlen des Kraftfahrtbundesamts hervorgeht. Das waren etwa so viele wie im Jahr 2010.
"Die Nachfrage bleibt, aber die Anforderungen ändern sich", sagt Verbandsvize Quentin. "Assistiertes Fahren, Digitalisierung: Das ist das Betätigungsfeld für die Fahrlehrerschaft der Zukunft."
Assistenzsysteme, die niemand nutzt
Wer in dem fensterlosen Raum in Paulsens Berliner Fahrschule sitzt und seinen Fragen zu den Verkehrszeichen lauscht, ahnt davon nicht viel. Aber den Anwesenden ist die Entwicklung durchaus bewusst. "Die Autos haben sich total verändert", sagt Paulsen. Seine Schüler müssen sich auf Elektromobilität, Fahrassistenz-Systeme und irgendwann auf autonomes Fahren einstellen.
"Die Umbrüche werden nicht von heute auf morgen kommen", sagt Quentin. "Aber man muss mit der Zeit gehen. In jedem Mittelklasseauto stecken schon heute unglaublich viele komplexe Assistenzsysteme, die keiner nutzt, weil sie keiner bedienen kann."
Künftige Fahrlehrer müssen all diese Entwicklungen verstehen und erklären. "Möglicherweise wird der Begriff Fahrlehrer dann gar nicht mehr so passend sein", sagt Quentin. "Irgendwann sprechen wir vielleicht vom Mobilitätscoach oder dem Mobilitätsberater."