Fluent English Schwupps, plötzlich ist alles weg
Es ist so unangenehm, wenn uns in aller Öffentlichkeit ein störrisches englisches Wort einfach nicht einfallen will. Zum Beispiel bei Tagungen: "Sehr geehrte Teilnehmer, ich möchte nun die Dame aus Großbritannien auf die Bühne… bitten!" Doch wie sagt man eigentlich "bitten"? Ein Weggefährte des früheren Umweltministers Klaus Töpfer erzählte neulich von einer Umweltkonferenz vor einigen Jahren. Der österreichische Moderator wusste nicht recht weiter. "I would like to ask the participant from the UK to take the stage", das hätte gepasst. Stattdessen sagte er: "I would now like to… please the Lady from the UK on the stage."
Großes Gelächter.
Bestimmt kennen Sie die Situation: Sie sprechen Englisch. Flüssig und verständlich. Doch plötzlich wissen Sie nicht mehr weiter - und müssen schweigen. You go blank! Oder noch schlimmer: Sie sagen versehentlich etwas ganz anderes.
Solche Momente sind wie ein Auffahrunfall: It's a language crash. Oder wie ein Tritt ins Leere - für den ich noch immer eine passende Übersetzung suche. Stepping into the void bedeutet eher, ins Ungewisse zu treten, aber nicht in die totale Sinnleere.
Wo ist bloß die Insel hin?
Das Gefühl, im Englischen plötzlich nicht mehr weiterzuwissen, wird im piekfeinen Hamburger Hotel Atlantic eindrucksvoll auf den Punkt gebracht, oder genauer: auf den Teppich. Das riesige Haus mit der schneeweißen Fassade direkt an der Alster ist schon deshalb ziemlich sonderbar, weil oben Udo Lindenberg wohnen soll und unten in der Aula ein Riesenbild von Kaiser Wilhelm II. über den Gästen thront.
Suchbild: Italien ist auf dem Atlantic-Teppich riesig. Aber wo ist England?
Foto: Peter LittgerDer Teppich auf den Etagen dazwischen zeigt eine Weltkarte mit grotesken Formen des europäischen Kontinents. Und zwar ganz ohne die britischen Inseln. So kann's uns auch mit dem englischen Wortschatz gehen: Schwupps - auf einmal ist alles weg.
Wissen Sie zum Beispiel aus dem Stand, wie man "geizig" im Englischen ausdrückt? Immer wieder sagen deutschsprachige Menschen dazu greedy oder jealous. Doch das bedeutet "gierig" oder "neidisch", "eifersüchtig" - aber nicht miserly, in Großbritannien auch mean, etwas hochgestochen parsimonious oder avaricious, was sogar die "Gier" einschließt.
Tight ist ebenfalls eine gängige Beschreibung: Der Werbespruch "Geiz ist geil" wurde mal als Tight is right übersetzt. Und falls Sie sich an Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte erinnern, wissen Sie ja, wer der Scrooge war. Damit kann man Geizhälse noch heute beschreiben.
Spießigkeit kennt keine Grenzen
Als Elvis Presley im Lied "A Big Hunk O'Love " einst ein Mädchen besang, das für seinen Geschmack viel zu zugeknöpft war, beschrieb er sie als stingy little mama - noch eine Art, "geizig" zu sagen. Dabei geht die Bedeutung von stingy weiter, darin steckt auch unser "spießig". Elvis nannte das Mädchen also eine "spießige Kuh".
Aber wie sonst sagt man eigentlich"spießig"? Es ist eines dieser launigen Wörter, die wir oft verwenden und die uns Deutsche stocken lassen, wenn wir Englisch sprechen. Dabei gibt es eine stattliche Liste von Varianten. Sie lassen sich in drei Gruppen aufteilen:
1. Spießig im Sinn von pingelig und penibel. In dieser Kategorie bringt das Adjektiv meticulous die klassischen Vorurteile gegenüber uns Deutschen auf den Punkt: Wir würden haarklein auf jedes Detail achten und andere ständig belehren, es ebenfalls zu tun (indem wir zum Beispiel Texte wie diesen schreiben). Je verbohrter man dabei ist, desto mehr ist man philistine, pernickety oder square - was ja auch wieder hip sein kann, wie jedenfalls der US-Sänger Huey Lewis glaubte .
2. Spießig im Sinn von langweilig und banausenhaft kann ebenso square und philistine sein. Oder man teilt die Spießigkeit nach Jahren ein: "Your dress is so 1990"; "Your computer is so 2001"; "Your argument is so 2007". In New York City hört man manchmal "These people are so B'n'T": Gemeint sind Leute, die aus New Jersey kommen und Brücken und Tunnel benutzen - die alten Spießer! Solche Menschen gelten also als provincial und suburban. Und je kleinbürgerlicher und kleinkarierter sie sich geben, desto mehr sind sie homely, narrow minded, petty oder smug, was man aber nicht mit "snug" verwechseln darf: Das bedeutet "gemütlich". Also die behagliche Art der Spießigkeit.
3. Dann ist da noch "spießig" im Sinn von knauserig, also geizig… Und das wissen Sie ja schon.
Falls Ihnen das alles zu kompliziert ist, sagen Sie einfach das, was in den Chats von heute als "einfach" bezeichnet wird: basic.
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Kolumnist Peter Littger (Jahrgang 1973) beschäftigte sich schon als Schüler in einem britischen Internat mit den Herausforderungen des englischen Sprachraums - und mit den eigenen sprachlichen Unzulänglichkeiten.