Mindestlohn für Praktikanten Die Großen zahlen's aus der Portokasse
Studenten im Praktikum: Knallhartes strategisches Ermessen
Foto: Jan Woitas/ picture alliance / dpaWer ein Praktikum beim börsennotierten Konzern BASF ergattert, muss sich nicht wie viele Altersgenossen über schlechte Bezahlung ärgern: Zwischen 500 und 2200 Euro verdienen Studenten und Doktoranden, die für einige Wochen am Standort Ludwigshafen mitarbeiten. Pro Jahr stellt der Chemiegigant dort 1400 Praktikanten ein. Daran wird auch der Mindestlohn nichts ändern. "Eine Verpflichtung zur Zahlung von Mindestlohn an Praktikanten ist aus Sicht der BASF nicht nötig", teilt eine Sprecherin mit. Den Mindestlohn bezahlt das Unternehmen meist ohnehin schon. Oder mehr.
Aber BASF ist eine Ausnahme: Überall in Deutschland warnen Wirtschaftsverbände, kleinere und mittlere Arbeitgeber vor dem Ende von Betriebspraktika. In Zukunft wollen sie keine oder deutlich weniger Praktikanten beschäftigen. Das verengt die Chancen von Schulabgängern, Studenten und Hochschulabsolventen, Praxiserfahrung zu sammeln. Denn der Gesetzentwurf zum Mindestlohn, der derzeit in der großen Koalition für Streit sorgt, sieht vor: Auch Praktika, die länger als sechs Wochen dauern und nicht zum Studium oder zur Ausbildung gehören, müssen ab 2015 mit 8,50 Euro pro Stunde bezahlt werden.
So will es Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), um als Praktika getarnte monatelange Arbeitseinsätze zum Hungerlohn auszuschließen. In den letzten Jahren waren mehrere Initiativen gescheitert, Eckwerte für "faire" Praktika festzulegen, etwa für die Bezahlung oder Dauer. Nun soll es über den Mindestlohn gelingen.
Ein zu diesem Tarif beschäftigter Praktikant dürfte den Betrieb allerdings bis zu 1400 Euro im Monat kosten. Viele kleine und mittelständische Unternehmen können sich das kaum leisten und drohen deshalb damit, solche Stellen gleich ganz zu streichen. Längere und freiwillige Praktika etwa in den Semesterferien oder nach dem Studienabschluss dürften seltener werden.
"Chance auf eine stabile und faire Entlohnung"
Während die Union im Bundestag dafür kämpft, dass Praktikanten von der Neuregelung ausgenommen werden, reagieren deutsche Großkonzerne gelassen auf die Neuregelung: Man werde "weiterhin Praktikanten einstellen, um ihnen die Chance zum Erwerb praktischer Berufserfahrung zu geben", heißt es etwa aus der Personalabteilung des Softwareherstellers IBM. Ein Unternehmen, das im Jahr 2013 einen weltweiten Jahresumsatz von knapp 100 Milliarden Euro erwirtschaftete, bezahlt seine Praktikanten offenbar aus der Portokasse. Ähnlich wie IBM äußern sich auch der deutsche Stahlhersteller ThyssenKrupp und der Edelgasfabrikant Linde.
Es klingt wie ein großzügiges Ausbildungsangebot, tatsächlich planen die Unternehmen knallhart strategisch. Lautstark klagen sie über den Fachkräftemangel, der den Wettbewerb um die besten Talente verschärft. Praktika bieten Arbeitgebern die Möglichkeit, vielversprechenden Nachwuchs frühzeitig zu entdecken. Auch wenn ein Monatssalär von 1400 Euro sich betriebswirtschaftlich nicht sofort rechnet - es ist eine Form des Probearbeitens. Chefs können kluge Köpfe finden und binden. Wer sich in Zukunft diese Form der Rekrutierung trotz Mindestlohn leisten kann, ist klar im Vorteil.
Auch unter großen Unternehmen in Deutschland können oder wollen nicht alle mithalten. So erklärte die deutsche Lufthansa, der Mindestlohn bedeute eine "Erschwernis" bei der Einstellung von Praktikanten. Hier bekommen Studenten im Monat bislang zwischen 650 und 750 Euro. Ebenso denke der Waschmittelhersteller Henkel über eine "Reduzierung der angebotenen Praktikumsstellen" nach, wie eine Sprecherin des Unternehmens mitteilte.
Trotzdem bleiben Gewerkschaften und SPD hart: Die von CDU/CSU geforderten Ausnahmen vom Mindestlohn lehnen sie kategorisch ab. "Die Union sollte aufhören, über gemeinsame Entscheidungen zu jammern, sondern zum Mindestlohn stehen", sagte die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi SPIEGEL ONLINE. "Der Mindestlohn ist der Ausgangspunkt und die Chance auf eine stabile und faire Entlohnung. Ohne Mindestlohn wird uns der Billiglohnwettbewerb nach unten reißen. Für unsere gesamte Wirtschaft ist das auf Dauer nicht tragfähig." Auch die Gewerkschaft Ver.di und die der Deutsche Gewerkschaftsbund sprechen sich seit Wochen gegen Ausnahmen beim Mindestlohn aus.