Insolvenzverwalter "Man kann nicht alle retten"
Statistisches Bundesamt: 2015 sinkt die Zahl der Unternehmensinsolvenzen
Foto: Oliver Berg/ picture-alliance/ dpaGrimmig rührt Gisela Kunz* in ihrem Kaffee, trinkt aber keinen Schluck. Sie rührt und rührt und sieht dabei so verloren aus, dass man sie gerne umarmen und sagen würde: "Es wird alles gut!"
Kunz ist pleite, aus ihrer Wohnung geflogen, nun wurde auch noch eine Leberzirrhose diagnostiziert. Jahrelang leitete sie einen Pflegebetrieb mit fünf Mitarbeitern und 20 Patienten. Sie konnte knapp davon leben, aber keine Beiträge an die Krankenkasse zahlen. Jetzt sitzt sie in der Kanzlei Leonhardt Rattunde am Kurfürstendamm und Insolvenzverwalter Torsten Martini blättert in einem dicken Ordner, der ihr Leben erzählt: Rechnungen, Verträge, Kontoauszüge.
Wenn Kunz Geld will, braucht sie Martinis Erlaubnis. Zaghaft setzt sie an: "Herr Martini, ich hab da so eine kleine Kurzschlusshandlung begangen." Martini, kurze, graumelierte Haare, weißes Hemd, zieht die Augenbrauen hoch. "Ich bin am Wochenende mit meinen Katzen zu meiner Familie gefahren", sagt Kunz. "1000 Euro habe ich meinem Sohn gegeben, der ist ja arbeitslos. Jetzt kann ich das Hotel nicht mehr bezahlen."
Insolvenzverwalter Torsten Martini
Foto: Leonhardt Rattunde/ Foto: ThomasMartini trommelt mit den Fingern auf die Tischkante, schlägt ein Bein übers andere, blickt streng: "Das ist nicht gut, Frau Kunz. Wir hatten uns doch geeinigt, dass sie mit dem Geld ihre Mitarbeiter, Strom, Telefon, Versicherungen bezahlen. Es muss doch weitergehen." Frau Kunz nickt, starrt in die Kaffeetasse: "Ich weiß, Herr Martini. Aber können Sie mir nicht helfen?"
Der Insolvenzverwalter zahlt ihr am Ende 500 Euro Unterhalt - gesetzlich verpflichtet ist er dazu nicht. Er muss vor allem dafür sorgen, dass ihre Gläubiger ihren Anteil bekommen. Von dem Geld kann Kunz sich noch ein paar Tage im Hotel leisten. In dieser Zeit soll sie sich um eine Bleibe kümmern, Hartz IV und Verbraucherinsolvenz beantragen.
Ob sie es schafft? "Hoffentlich", sagt Martini. Ein schlimmer Fall, so etwas komme zum Glück nur alle paar Jahre vor. Viel machen könne er nicht, allerdings sei er auch nicht ihr Sozialarbeiter. "Früher habe ich so etwas immer mit nach Hause genommen." Mittlerweile könne er besser zwischen Arbeit und Privatleben trennen.
30 Insolvenzen betreut Martini aktuell, die eine Hälfte Firmen, die andere Hälfte Privatpersonen, die pleite gegangen sind. Martini eilt ans Telefon. Der Geschäftsführer eines insolventen Unternehmens und dessen Anwalt sind dran. Es wird viel geredet. Martini antwortet, verdreht die Augen. Nach 30 Minuten legt er auf, seufzt: "Das hätte man in zwei Minuten erledigen können. Aber viele Anwälte werden eben nach Stunden bezahlt."
Er hingegen wird an der Insolvenzmasse beteiligt - dem Wert des bankrotten Unternehmens. Dazu zählt alles, was sich verkaufen lässt, entweder einzeln oder als ganzer Betrieb: Maschinen und Möbel, Grundstücke und Geldanlagen. Es gilt: Je größer die Insolvenzmasse, desto kleiner der prozentuale Anteil. Laut Vergütungsverordnung erhält der Verwalter von 25.000 Euro 40 Prozent, bis zu 50.000 Euro 25 Prozent. Ab 50 Millionen Euro werden 0,5 Prozent angesetzt. Was übrig bleibt, wird am Ende des Verfahrens an die Gläubiger verteilt.
Und warum haben Insolvenzverwalter so einen schlechten Ruf? "Weil es immer wieder welche gibt, die ihren Job nicht gut machen", sagt Martini. Und erzählt von einer Tiefbaufirma, die 2007 Insolvenz anmeldete. Damals strich der Insolvenzverwalter für zehn Wochen Arbeit ein Honorar von 14,5 Millionen Euro ein - laut Gericht elf Millionen Euro zu viel. Zurückgezahlt hat er das Geld bisher nicht.
"Ich wollte etwas Ordentliches lernen"
Insolvenzverwalter verhökern alles unter Wert? Für Martini ein Klischee, das nicht stimmt. "Das Gegenteil ist der Fall, wenn ich eine Firma saniere, springt für die Gläubiger mehr Geld raus." Schließlich werde er ja nicht nur von Gerichten beauftragt. Akquise ist wichtig: Wenn er über sein Netzwerk erfährt, dass ein Betrieb Probleme hat, telefoniert er mit Eigentümern, Beratern und Gläubigern - und schickt bei Bedarf eine Mappe mit seinen Sanierungserfolgen: "Es lohnt sich, früh dran zu sein."
Eine 1,5-Liter-Flasche Cola Light steht auf seinem Schreibtisch. Vier Liter wird er im Laufe des Tages trinken, dazu einige Tassen Kaffee. Martini redet schnell, läuft schnell, handelt schnell. "Ich muss jeden Tag unzählige Entscheidungen treffen, ohne lange nachdenken zu können", sagt er. Er gibt Anweisungen, seine Mitarbeiter führen sie aus.
Martini verdient gut als geschäftsführender Partner einer Kanzlei, die mit 130 Mitarbeitern zu den größten in Deutschland zählt. Doch er arbeitet auch viel: morgens um sieben Uhr beginnt sein Tag, um 19 Uhr geht er ins Fitnessstudio, um anschließend bis 23 Uhr weiter zu arbeiten. Martini sagt: "Ich liebe meinen Beruf." Doch wenn er auf einer Party gefragt wird, was er denn so arbeite, antwortet er lieber: "Ich bin Rechtsanwalt."
Jura hat er mal studiert, auf den Wunsch seiner Eltern hin, "etwas Ordentliches" zu lernen. Das allein würde er heute nicht empfehlen: "Lieber eine Kombination aus BWL und Jura." Anschließend könne man beispielsweise zu einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gehen, danach für einige Jahre zu einem Insolvenzverwalter in die Lehre.
Weiß er schon, wie es mit Gisela Kunz weitergeht? Martini analysiert nüchtern: Schlecht. Die Konkurrenz sei in Berlin mit rund 600 anderen Pflegediensten sehr stark - und Frau Kunz könne nicht mit Geld umgehen. Er sagt: "Man kann leider nicht alle retten."
* Name von der Redaktion geändert
Max Vogelmann (Jahrgang 1982) ist freier Journalist für Wirtschaft und Gesellschaft und lebt in Berlin.