Kinder und Karriere: Woran Väter verzweifeln - DER SPIEGEL
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Zwischenruf Wir Rabenväter

Arbeit und Familie zu vereinbaren - das ist kein reines Mütterproblem. Väter verzweifeln daran genauso, meinen Marc Brost und Heinrich Wefing. Weil berufliche Zwänge so viel zerstören: Sie machen müde, ruppig, stumm. Und sie töten die Liebe.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist schon ein paar Jahre her, aber du kannst dich noch gut daran erinnern. An die Wochen, bevor dein erstes Kind auf die Welt kam. Du hattest dir etwas vorgenommen: Du wolltest dich ganz um deine Frau und das Kind kümmern, dir Zeit für sie nehmen, beide umsorgen. Du wolltest für sie da sein - nicht nur spätabends, nach der Arbeit oder am Wochenende. Du wolltest eine Auszeit vom Job nehmen, zwei Monate Väterzeit, so wie die meisten deiner Freunde.

Du wolltest ein guter Vater sein.

Es ist erst ein paar Jahre her, aber jetzt arbeitest du mehr als zuvor. Zwei Monate Väterzeit, na klar - und dann hat dich die Arbeit regelrecht eingesaugt. Du bist jetzt morgens immer ein wenig vor den anderen da. Du arbeitest nachts, am Wochenende auch noch ein paar Stunden. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung sind Väter zwischen 25 und 39 Jahren im Schnitt zwei Wochenstunden länger im Job als ihre kinderlosen Kollegen; bei Vätern zwischen 40 und 59 Jahren sind es sogar fünf Stunden.

Du bist also nicht allein. Aber ganz ehrlich: Macht es wirklich einen Unterschied, dass du nicht der einzige Idiot bist?

Was uns zu schaffen macht, ist knallharter ökonomischer Druck. Wir sollen: die Ausbildung unserer Kinder finanzieren, am besten so, dass sie global konkurrenzfähig sind. Wir müssen: die Rentner finanzieren, und zwar mehr Rentner denn je mit beispiellos hohen Renten, während wir Beitragszahler zugleich immer weniger werden. Wir müssen auch: das ständige Wachstum der Wirtschaft antreiben, indem wir noch mehr leisten, noch härter arbeiten. In einem kurzen Zeitraum, den Soziologen und Familienforscher als "Rushhour des Lebens" bezeichnen, wird von unserer Generation eine doppelte, wenn nicht dreifache Höchstleistung verlangt.

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Mut zur Familie?: Neue Väter, alte Rollen

Diese Rushhour, das ist die mittlere Lebensphase, wenn sich alles ballt: Berufseinstieg und -aufstieg, Schwangerschaft und Geburt, vielleicht der Kauf einer Wohnung oder eines Hauses. Die Pflege der Eltern. Und als wäre all das noch nicht genug, müssen wir uns zudem um unsere eigene Altersvorsorge kümmern, weil absehbar ist, dass die bisherigen Rentenmodelle nicht mehr funktionieren, wenn wir 67 oder 69 Jahre alt sein werden.

Das hat es so noch nie gegeben.

24/7: Capitalism kills time

Das Schlimme daran ist nicht nur die Hetzerei, der Druck, die ewige Überlastung. Mindestens ebenso hässlich ist, was der Stress mit uns macht. Er macht uns ruppig und dick. Blass und müde. Kurzatmig und gereizt. Und, das vor allem: Er macht uns stumm.

Wir wissen schon, wir sollten daheim mehr reden, mehr zuhören, aufmerksamer sein. Aber, so banal das klingt und so traurig es ist: Häufig fehlt dafür die Kraft. Und die Zeit. Es gibt sie einfach kaum mehr, die Momente der Zweisamkeit und der Gelassenheit.

Wann denn soll man sich gegenseitig erzählen, was einen beschäftigt? Wann soll man zuhören, Rat geben, einander stützen? Wann lässt man sich wirklich noch aufeinander ein - ohne Ablenkung von außen? Ohne bloß höflich zu fragen, ohne routinierte Floskeln? Ohne dass im eigenen Kopf das schlechte Gewissen und die Ausreden herumwirbeln, die man sich selbst zurechtlegt, weil man wieder nicht geschafft hat, was man unbedingt schaffen wollte?

Wann kommt man noch dazu, sich an gemeinsam Erlebtes zu erinnern? An den Urlaub damals in Frankreich, ehe die Kinder kamen? Ans Geburtstagswochenende in München? An das erste Weihnachten mit der Kleinen?

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Foto: Rowohlt

Marc Brost, Heinrich Wefing:
Geht alles gar nicht

Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können.

Rowohlt; März 2015; 240 Seiten; 16,95 Euro.

Und wann kommt man dazu, neue Erinnerungen zu schaffen, an denen man sich demnächst festhalten kann, wenn wieder das Chaos tobt? Wo ist noch Raum für die Sehnsucht?

Wenn wir reden, dann meist über Termine, ziemlich geschäftsmäßig wie Eventmanager, den Kalender dauernd griffbereit. Es wird abgehakt: Wer kümmert sich worum? Wer holt die Kinder ab, geht einkaufen, macht die Wäsche? Aus Liebespaaren werden Partner in der Logistikbranche.

08/15: Capitalism kills love

Die Arbeitswelt verändert sich, fast immer auf Kosten des Privatlebens. Das betrifft nicht nur die Tage, an denen man arbeiten muss, sondern auch die Taktung der Tage selbst. Videokonferenzen mit Asien oder Amerika laufen wie selbstverständlich frühmorgens oder spät am Abend. Und dann sind da noch die vielen Leute in Dienstleistungsberufen, als Bäcker oder Verkäufer oder in einem Callcenter. Je mehr Deutschland zur Dienstleistungsgesellschaft wird, desto mehr Leute braucht es auch, die diese Dienste leisten. Am besten rund um die Uhr.

Feste Arbeitszeiten werden in unserer Generation seltener. Wenn ein Auftrag fertig werden muss, muss er fertig werden, ganz gleich, ob man dafür eine Nacht durcharbeitet. Oder mehrere. Wir denken und leben in Projekten. Dummerweise lässt sich das nicht auf die Zeit begrenzen, in der die Kinder in der Schule oder im Kindergarten sind. Wenn es dringend ist, muss die Mail eben doch beantwortet werden, muss man ans Telefon gehen. Und ob es dringend ist, entscheidet nur einer: dein Chef.

Deswegen ist es auch eine Illusion zu glauben, du könntest das Smartphone übers Wochenende einfach mal ausschalten. Was würde geschehen? Zwar hättest du zwei Tage Ruhe. Aber deine Kollegen würden weitermailen, sich gegenseitig mit Ideen bombardieren, dein Chef würde ständig neue Projekte anregen. Mails würden hin- und herfliegen, manche Ideen verworfen, dafür neue geboren.

Wenn du dann am späten Sonntagabend wieder online gingest, um dich kurz auf den Montag vorzubereiten, dann müsstest du lange Mails nachlesen - und würdest in der allerletzten Mail schließlich den Namen dessen finden, der nach Meinung deines Chefs und deiner Kollegen das neue Projekt, auf das sich alle geeinigt hatten, nun umsetzen soll: du.

Foto: Anatol Kotte

Marc Brost (rechts; Jahrgang 1971, ein Kind) leitet das Hauptstadtbüro der "Zeit".
Heinrich Wefing (Jahrgang 1965, zwei Kinder) ist stellvertretender Ressortleiter Politik der "Zeit".
Ihr gemeinsames Buch heißt "Geht alles gar nicht - warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können".