Deutscher in Basel: "Ich will nicht so bald dislozieren"
Kulturschock Schweiz "Mach das mal speditiv"
"Wenn ich in Deutschland erzähle, dass ich in Basel arbeite, ist das für die meisten nichts Besonderes. Ich könnte genauso gut von Hamburg oder Berlin sprechen - ist doch fast das Gleiche, schließlich wird ja auch Deutsch gesprochen. Und ich muss zugeben: Als ich 2004 mit meiner Frau und meinem Sohn von Köln in die Schweiz gezogen bin, habe ich auch so gedacht. Dass das ein ganz anderes Land mit einer ganz anderen Sprache ist, habe ich total unterschätzt.
Am Anfang sind mir die Unterschiede kaum aufgefallen. Beim Pharmakonzern Novartis, bei dem ich die ersten vier Jahre als Leiter der globalen Markenführung gearbeitet habe, ist die Belegschaft so international, dass fast nur Englisch gesprochen wird. Nach Feierabend wurde es natürlich schwieriger. Mein Nachbar sprach mit mir übers Zügeln und Dislozieren. Ich habe erst mal nur Bahnhof verstanden, dabei sind das die gebräuchlichsten Begriffe fürs Umziehen. Nachzufragen wäre mir aber unangenehm gewesen, also habe ich hinterher ins Wörterbuch geschaut.
Am Anfang war es nicht leicht. Schwyzerdütsch ist kein deutscher Dialekt, wie Deutsche oft glauben, sondern eine Sprache mit eigenen Vokabeln und eigenen Regeln. Die Schweizer sind sehr zuvorkommend, viel höflicher als die Deutschen. Sie haben sofort mit mir Hochdeutsch gesprochen. Für Schweizer ist das vergleichbar mit einer Fremdsprache.
Mit Anke auf dem Töff
Umgekehrt wusste ich mit vielen Begriffen nichts anzufangen. Als die Kollegen in der Kantine vom Abwart sprachen, dachte ich an Fußball. In Wahrheit ging es um den Hausmeister. Ein anderes Mal war jemand über viel zu viel Stutz empört: Geld im Sinne von Kohle oder Knete.
Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Wenn Sie in der Schweiz gefragt werden, ob Sie betrieben werden, sagen Sie besser nicht Ja. Denn das heißt, dass Sie Schulden haben, das Thema kommt beim ersten Bankbesuch zur Sprache. Auch für Alltagsgegenstände gibt es oft andere Bezeichnungen als im Hochdeutschen: Töff für Motorrad, Anke für Butter, Leidzirkular für eine Traueranzeige.
Mit der Zeit klappt es natürlich besser. Inzwischen reden die Leute Schweizerdeutsch mit mir. Ich antworte immer auf Hochdeutsch, schon aus Höflichkeit. Ich würde mir nie anmaßen so zu tun, als könnte ich Schwyzerdütsch.
Wahrscheinlich mache ich immer noch ständig Fehler. Die Schweizer sind einfach zu höflich, um mich zu verbessern. Mein Sohn, der bei unserem Umzug gerade einmal sechs Monate war, spricht wie ein Einheimischer. Wenn er mit seinen Freunden loslegt, muss ich zweimal hinhören. 'Papa, du verstehst mich doch eh nicht', sagt er dann.
Zackzack? Besser, man formuliert es als Frage
Neben dem reinen Vokabular gibt es auch kulturelle Unterschiede. In der Schweiz ist man zurückhaltender, mehr auf Ausgleich bedacht. Wenn im Job etwas schiefläuft, geht es nicht in erster Stelle darum, den Schuldigen zu präsentieren, sondern im Team eine Lösung zu finden. Man redet weniger Tacheles. Das typisch deutsche Zackzack, die forsche und direkte Art, kann sehr unhöflich und befremdlich auf Schweizer wirken.
Auch ich musste lernen, mich zurückzuhalten. Wenn ein Schweizer sagt: 'Ich bin mir nicht sicher', kann man davon ausgehen, dass er massive Zweifel hat. Ich rede nun öfter im Konjunktiv: könnte, würde, sollte. Statt 'Wir machen das jetzt so' ist es oft besser, eine Frage zu stellen: 'Wie wäre es…?'
Ich bin mir bewusst, dass ich hier der Einwanderer bin und mich entsprechend anpassen muss. Ablehnung oder gar Deutschen-Feindlichkeit habe ich nie erlebt; es kommt immer darauf an, wie man sich selbst verhält.
Manchmal kommt der Deutsche trotzdem noch in mir durch: Wenn's an der Kasse nicht schnell genug geht, beschwere ich mich schon mal - typisch Deutsch. Ein Schweizer würde so etwas Barsches nie tun.
Wir sollten das Projekt sistieren
Seit 2008 bin ich Mitinhaber einer Schweizer Unternehmensberatung für Marken- und Reputationsmanagement, wodurch ich verstärkt mit eidgenössischen Kunden zu tun habe. Wenn ich mit ihnen spreche, baue ich inzwischen automatisch Schweizer Begriffe ins Gespräch ein. Das passiert mir sogar in Deutschland. Ab und zu sage ich: 'Wir sollten das Projekt sistieren' (auf Eis legen) oder rufe einem Freund zu: 'Mach das mal speditiv!' (schnell). Klar, dass die Leute da erst mal stutzen.
Auch mir geht es manchmal noch heute so. Der Basler Dialekt ist mir mittlerweile vertraut, aber wenn jemand in breitem Bern-Deutsch etwas erzählt, muss ich immer noch bestimmte Wörter nachschlagen. Das finde ich gar nicht schlimm, nur so lernt man schließlich eine andere Sprache.
Ich fühle mich wohl in der Schweiz und werde mit meiner Familie wohl länger hier bleiben, vielleicht für immer. Wenn mich mein Nachbar heute fragen würde, ob ich bald wieder disloziere, wäre die Antwort klar: 'Vom Zügeln habe ich erst mal genug.'"
Protokolliert von Steve Przybilla