Meyer-Werft Kampf um die Werkverträge
Unglücksort: In diesem Haus waren über 30 Arbeiter untergebracht, zwei starben bei einem Brand
Foto: Ingo Wagner/ dpaVor knapp zwei Wochen sind zwei rumänische Arbeiter der Meyer-Werft in Papenburg auf tragische Weise ums Leben gekommen: Ihre Massenunterkunft brannte ab, Hilfskräfte konnten nur noch die verkohlten Leichen des 32- und des 45-Jährigen bergen. Seither ringt die Werft um ihren Ruf. Denn das schreckliche Unglück wirft ein Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen im Schiffsbau.
Und einmal mehr geraten Werkverträge in Verruf. In den vergangenen Jahren waren es Berichte über Dumpinglöhne auf Schlachthöfen oder in der Baubranche, die "Werkvertrag" zu einem Reizwort werden ließen. Nun werfen Medien und Politiker dem Schiffsbauer im Emsland vor, Menschen aus Osteuropa auszubeuten. Die Staatsanwaltschaft geht bereits dem Anfangsverdacht des Menschenhandels nach, auch wenn der sich nicht direkt gegen die Werft richtet, denn die Verstorbenen arbeiteten für einen Subunternehmer von Meyer.
Als Reaktion auf die Diskussion sucht die Papenburger Werft mit einer Sozialcharta die Flucht nach vorn. Mit der IG Metall will das Unternehmen nun über einen Tarifvertrag zu Werkverträgen mit verbindlichen Sozialstandards verhandeln und auch dem Betriebsrat Mitspracherechte einräumen. "Wir wollen nicht in eine Ecke gerückt werden, in die wir nicht gehören", sagte Werft-Chef Bernard Meyer.
Dieses Vorhaben stieß bei Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt bereits auf Ablehnung. Solche Regelungen seien unnötig, so zitierte ihn die Tageszeitung "Die Welt". Hundt setzt auf das Verantwortungsgefühl der Unternehmer, die auf die Einhaltung von Gesetzen und Tarifverträgen achten müssten.
Stundenlohn drei oder 28 Euro?
Vom Vorwurf des Lohndumpings will man bei der weltweit bekannten Meyer-Werft nichts hören. Die Arbeiter aus Rumänien seien über eine langjährigen Partnerfirma zur Werft gekommen, sagt Sprecher Peter Hackmann. Sie seien eingesetzt worden, um eine Auftragsspitze bei Schweißarbeiten abzufangen. Auf die Stunde umgerechnet beziffert Hackmann den Bruttolohn für die eingesetzten Arbeiter zwischen 27 und 28 Euro - das seien keine Dumpinglöhne. Es sei auch kein eigener Arbeiter durch osteuropäische Arbeitskräfte ersetzt worden.
Allerdings berichteten Angehörige der Brandopfer, dass viel weniger bei den Arbeitern ankam. Nur 35 Euro täglich seien es gewesen, pro Arbeitstag mit zehn bis zwölf Stunden also zwischen 2,90 und 3,50 Euro pro Stunde, sagte laut "Süddeutsche Zeitung" der Bruder von einem der beiden Rumänen, die nicht aus den Flammen gerettet werden konnten. Wie viel Geld bei den zwischengeschalteten Subunternehmern hängenbleibt oder welche Angaben möglicherweise nicht stimmen - unklar.
Werkverträge gelten Experten zunächst einmal nicht als zwingend anstößig. "Der Werkvertrag ist ein grundlegendes Element unserer Wirtschaft, keiner würde sagen, wir müssen ihn abschaffen", sagt Christian Hohendanner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg.
In manchen Branchen gelten Werkverträge als normal
Allerdings: Genaue Zahlen gibt es nicht. Keine Statistik gibt über das Ausmaß von Werkverträgen derzeit Auskunft. "Es ist sehr schwierig, dieses Phänomen in den Griff zu bekommen", so Hohendanner. Es gebe alle möglichen Formen des Werkvertrags, vom Fliesenleger über den Arbeiter auf dem Schlachthof bis hin zum hochbezahlten IT-Experten. "Es gibt nicht nur die Tarifflucht nach unten, sondern auch nach oben", sagt Hohendanner.
Viele Tätigkeiten in der Industrie seien schon immer per Werkvertrag erledigt worden, erklärt auch Thomas Müller vom IG-Metall-Bezirk Niedersachsen/Sachsen-Anhalt in Hannover. Etwa wenn es darum geht, Wartungsarbeiten an Fabrikanlagen an externe Dienstleister zu vergeben. Die erhalten vom Auftraggeber eine bestimmte Summe und erledigen dafür die Aufgabe. Wie der Dienstleister die Arbeit organisiert, wie viel Personal er einsetzt und seinen Beschäftigten zahlt, ist im Prinzip seine Sache.
Auch auf dem Bau sind Werkverträge normal. Ein Hochbaubetrieb soll beispielsweise ein Haus schlüsselfertig an den Auftraggeber übergeben. Der Unternehmer schließt Werkverträge mit einem Elektriker- und einem Klempnerbetrieb ab. Diese Auftragnehmer bringen dann ihre eigenen Mitarbeiter mit. So etwas sei unproblematisch, sagt Frank Schmidt-Hullmann, Leiter Internationales bei der Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt.
Allerdings gibt es auch den Missbrauch von Werkverträgen - um Tarifverträge zu umgehen, um Löhne zu drücken und auch, um keine Abgaben an die Sozialkassen zu zahlen. "Wir glauben, dass der Missbrauch von Werkverträgen in ganz Deutschland in unterschiedlichen Branchen vorzufinden sein dürfte", sagte etwa Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) erst am Dienstag.