Nach Diktat verreist: Achtenmeyer - DER SPIEGEL
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Nach Diktat verreist Manager in Excel-Gewittern

Wenn es darum geht, wer wie viel Geld ausgeben darf, sind Nervenstärke und Entschlossenheit gefragt. Ein bisschen Brüllen kann aber auch nicht schaden, weiß Mittelmanager Achtenmeyer. Denn Budgetverhandlungen sind ein Kampf Mann gegen Mann.
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Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn die ersten Blätter fallen, dann spürt Achtenmeyer tief in sich drin etwas erwachen. Etwas, das auch das restliche Jahr da ist, mal mehr, mal weniger, und das jetzt im Herbst zu Höchstform aufläuft: das Corporate-Gefühl. Draußen wird es kühler, die Sonne geht früher unter, die Tiere schaffen Vorräte für den Winter beiseite. Und der Corporate-Mann geht in die Budget-Verhandlungen für das upcoming fiscal year.

Zu Beginn seiner Laufbahn war Achtenmeyer überzeugt, die Runde, zu der sich die Bereichs- und Abteilungsleiter mehrere Tage lang von morgens bis abends im großen (!) Konferenzraum einschließen, habe lediglich rituelle Bedeutung. Wie Schamanen, die um einen bemalten Pflock tanzen und um Regen bitten. Wenn es dann tatsächlich regnet, ist das schön - aber Zufall.

So auch die budget plannings: Jeder darf sich noch einmal präsentieren, folkloristisch untermalt von ganz vielen bunten slides. Das Budget, so Achtenmeyer in seinem früheren naiven Leben, ist da längst in irgendwelchen face-to-face-Treffen mit den wirklichen Entscheidern festgeklopft worden. Was für ein Irrtum!

Neu im Handel: Achtenmeyer als Buch

Klaus Werle:
Ziemlich beste Feinde

Absurdes aus der Arbeitswelt

Ullstein; Oktober 2013; 240 Seiten; 8,99 Euro.

Tatsächlich, das hat er leidvoll gelernt, ist die Budgetplanung eine der letzten Gelegenheiten für Manager, all das unter Beweis zu stellen und ins Feld zu führen, was ihnen in der Literatur als Führungsstärke attestiert wird: Durchsetzungskraft, kühle Analyse und die überwältigende Schönheit der besseren Argumente. Kurz gesagt: Es ist ein brutaler Kampf Mann gegen Mann.

Meine Leute waren cuttting edge

Im zurückliegenden fiscal zum Beispiel hat Achtenmeyer die anderen regelrecht outperformt. Die Gründe hat er selbst noch nicht hundertprozentig durchdrungen, Tatsache aber ist: seine Marketing-Abteilung liegt in allen relevanten Messzahlen above expectations. Way above. Seine Leute waren clever, sie waren cutting edge, zusammen haben sie mit ihren Kampagnen die Republik gerockt. Und das alles innerhalb des Budgets, no overspending, thank you very much.

Wäre der gesunde Menschenverstand ein Manager, würde er also jetzt im budget planning sagen: "Lieber Achtenmeyer, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer tollen performance. Sie haben bewiesen, dass mit Ihrem Budget exzellentes Marketing möglich ist. Deshalb belassen wir es einfach bei der Summe vom Vorjahr."

Aber so läuft das nicht. Der gesunde Menschenverstand ist nicht blöd, sondern verabschiedet sich Anfang Oktober in sonnigere Gefilde, weshalb die Manager auf sich allein gestellt sind. Und dann läuft es so: Wer im laufenden Jahr gut abgeliefert hat, genießt das Wohlwollen von Dr. Karl und kriegt was er will. Wer below expectations liegt, muss zur Strafe mit weniger Geld auskommen. Das ist natürlich ein Teufelskreis, aber hey, wer das ungerecht findet, der kann ja Kindergärtner werden.

"Ich wäre längst in Indien, wenn ich das Essen vertrüge"

Also hört sich Achtenmeyer geschlagene zwei Tage das Gegreine seiner Kollegen an. Dr. Milhuber aus der Abteilung Forschung & Entwicklung klagt über angeblich marode Laborausstattung, die es ihm nicht ermögliche, bessere Produkte zu erfinden. Dr. Karl verdreht die Augen. Badner vom Vertrieb will iPads für die ganze Mannschaft, wegen data mining und customer orientation und so. Dr. Karl schnaubt: "Wenn Sie ausnahmsweise einmal Ihre Zahlen erreichen, kaufe ich Ihnen persönlich ein iPad." Wurlinger vom Controlling jammert, dass es immer schwieriger werde (übersetzt: immer teurer), die richtigen Talente einzustellen. "Talente?", ätzt Dr. Karl. "Bei dem, was Sie hier jedes Quartal abliefern, wäre ich schon längst in Indien, wenn ich das Essen besser vertragen würde."

Als am Ende von Tag zwei Achtenmeyer seine sonnigen Zahlen vorträgt, lächelt Dr. Karl wie ein Dreijähriger im Feuerwehrauto. "Sehr schön, sehr schön, Marketing up 30 percent", schlägt er vor. Protestgeschrei ringsum, Excel-Tabellen werden hektisch geöffnet, Taschenrechner aufgeklappt. Achtenmeyer antwortet mit maliziösem Lächeln, um dann blitzartig loszubrüllen, in welchem Sauhaufen er denn hier bitte arbeite, wenn Leistung nichts mehr zähle und jeder nur bürokratisch sein eigenes Revier verteidige. "Kollegen, ich bin enttäuscht", schließt er, plötzlich wieder mit normaler Stimme. "Wenn das business zu hart für euch ist, da draußen warten jede Menge Talente" - süffisanter Blick zu Wurlinger -, "die liebend gerne eure Posten hätten." Und das war's. Achtenmeyer nimmt seine 30 percent up mit und verlässt beschwingt das Gebäude.

Beeindruckendes Schreien

Zuhause wartet bereits seine Frau. "Man sollte meinen, wer so lange arbeitet, verdient auch eine Menge Geld", beginnt sie im freundlichen Plauderton, der blitzartig in ein beeindruckendes Schreien umschaltet: "Und warum um alles in der Welt ist dann das Konto schon wieder leer, wenn ich mir einmal, ein einziges Mal ein Paar Schuhe kaufen möchte? Na? Wie? Was?" Lahm verweist Achtenmeyer auf die vielen Dutzend Schuhpaare, die den begehbaren Kleiderschrank ausfüllen. Ein naheliegender Schachzug - und ein fataler Fehler. "Ach, jetzt schreibt man schon vor, wie viel Schuhe eine Frau braucht?", zischt seine Gattin. "Was kommt als Nächstes? Lebensmittelkärtchen?"

Gute vier Stunden später ist eine Lösung gefunden: Achtenmeyer wird seine Mitgliedschaft im Golf-Club kündigen und auf sein "affiges Cabrio" verzichten, um das eheliche Budget zu entlasten. Beschwingt verlässt seine Gemahlin das Wohnzimmer. Und Achtenmeyer beschließt, sich von ihr coachen zu lassen, sollten seine Zahlen irgendwann wieder schlechter werden. Wenn es jemand schafft, den Teufelskreis zu durchbrechen, dann sie.

+++ Lessons learned +++

1. Nervenstärke: Meetings sind unberechenbar, vor allem dann, wenn es um etwas geht. Nicht zu früh die Karten offenlegen, die anderen kommen lassen und im richtigen Moment Stärke demonstrieren - Timing und Entschlossenheit sind entscheidend.

2. Die Macht der Zahlen: Alle Entschlossenheit der Welt hilft wenig, wenn die Leistung nicht stimmt. Einmal Versäumtes lässt sich nicht in einem Meeting drehen. Das sind nur die letzten 100 Meter im Langstreckenlauf.

3. Wer hat, dem wird gegeben: Der Teufel macht nun mal auf den größten Haufen. Wer nur einen kleinen Haufen hat, kann immer noch versuchen, die Erfolge anderer für sich zu reklamieren.