Nach Diktat verreist: Karrieresprünge auf der Couch - DER SPIEGEL
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Nach Diktat verreist Karrieresprünge auf der Couch

Beim Umziehen werden nicht nur Möbel, Bücher und technische Geräte verrückt. Es sind auch Freundschaften, Machtgefüge und Allianzen. Der Blick für Details wie eine Sitzecke kann da entscheidend sein, zeigt Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne.
Stempel drauf: Das ist Achtenmeyers Welt
Stempel drauf: Das ist Achtenmeyers Welt

Stempel drauf: Das ist Achtenmeyers Welt

Foto: SPIEGEL ONLINE
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Obwohl Neider ihm das Gegenteil nachsagen, legt Achtenmeyer wenig Wert auf irdische Güter. Sein kleiner italienischer Sportwagen, sein Weinkeller, seine IWC - das verbucht er unter Genuss und nicht unter Luxus.

Über den Umzug seiner company in ein schickeres Gebäude in einem angesagteren Areal der Stadt machte sich Achtenmeyer entsprechend wenig Gedanken. Eine Kleinigkeit, die kleinere Geister als er hingebungsvoll über Monate weg diskutieren können. Aber nicht er. Schließlich muss er eine Abteilung führen.

Höchstens, dass er mal bei Kollegen vorbeischlenderte, zum Beispiel bei Mohnke reinschaute, dem armen Teufel. Eine geschlagene Woche lang war Mohnke damit beschäftigt, seine Bücher einzupacken ("Marketing. Die Grundlagen"), als ob totes Holz aus ihm einen besseren Manager machen würde. Oder seine affige Couch von Charles Eames, die er für seine "Besprechungen" brauche. Als ob Mohnke jemals "Besprechungen" von Bedeutung abzuhalten hätte.

Der Eindruck lässiger Leere

Und dann die Fotos von Mohnkes Familie, Kindergeburtstag, Weihnachten, der Urlaub in Vietnam. Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Mohnke zu viel Freizeit hat. Weil er eben keine Stütze der Firma ist wie Achtenmeyer, der überhaupt keine Zeit hätte, um Familienbilder umständlich zu rahmen und aufzuhängen. Geschweige denn für eine Familie.

Als der "große Tag", wie Achtenmeyer mit maliziösem Lächeln den Umzugstermin nennt, da ist, packt er mit demonstrativer Nonchalance seinen Laptop in eine Umzugskiste. Das iPhone legt er daneben, um den Eindruck lässiger Leere, der in der Kiste herrscht, noch zu betonen. Schließlich wird der Karton in Nullkommanichts im neuen Haus sein, es sind keine fünf U-Bahn-Stationen bis dahin, und Achtenmeyer absolviert sie fröhlich pfeifend.

Am nächsten Tag sitzt er in seinem komplett leeren, neuen Büro und schaut über die Dächer der Stadt. Wahrhaftig, ein atemberaubender Anblick, doch nachdem Achtenmeyer ihn eine Dreiviertelstunde genossen hat, verspürt er doch das dringende Bedürfnis zu arbeiten. Nur: Seine Umzugskiste ist verschollen und bleibt es auch ein Dutzend Anrufe beim Transportunternehmen, der Haustechnik und dem firmeneigenen Umzugskoordinator später.

" Gemütlich hier, nicht wahr?"

In einer entnervten Übersprunghandlung beschließt Achtenmeyer, ein wenig über die Flure zu schlendern. Als er an Mohnkes Büro vorbeikommt, registriert er befriedigt, dass es deutlich kleiner ist als sein eigenes. In bemerkenswerter Fleißarbeit hat es Mohnke dennoch geschafft, seine Bücher zu verstauen, seine Familienfotos aufzuhängen und sogar seine affige Eames-Couch hineinzuquetschen. Und auf dieser Couch sitzt jetzt Dr. Karl.

Dr. Karl nimmt die Lesebrille ab, stets ein sicheres Zeichen, dass er gleich philosophisch wird. "Wissen Sie, solch ein Umzug macht uns noch mal bewusst, in welch unsicheren Zeiten wir leben. Ökonomisch, privat, the whole picture. Da fühlt man sich richtig geborgen nur bei Menschen wie dem guten Herrn Mohnke hier, mit seiner Familie und dem bequemen Sofa. Ehrlich gesagt, hatte ich mich schon im alten Headquarter gefragt, warum ein Mann in Ihrer Position keine Sitzgruppe hat. Halten Sie etwa keine Besprechungen ab?"

Aber Achtenmeyer ist schon wieder weg. Zum x-ten Mal heute ruft er die Haustechnik an. Jaja, sein Karton ist noch nicht aufgetaucht, das sei aber auch egal jetzt. Wichtig sei vielmehr seine Bestellung: eine Vierer-Sitzecke von Charles Eames. Ja genau, mit Beistelltisch von Le Corbusier. Für die Bücher, die er nachher noch rasch besorgen wird.

Denn im Grunde seines Herzens fühlt sich Achtenmeyer als Freigeist, dessen Höhenflüge durch so wenig Weltliches wie möglich gebremst werden sollen. Deshalb ist er immer schon ein Anhänger der clean desk policy gewesen. Auf seinem Schreibtisch steht sein Laptop, daneben liegt sein iPhone. Das ist alles, das ist sein Büro. Bücher hat er keine, Zeitschriften wirft er nach dem Lesen weg, und die Akten hält Frau Schnitzel in Ordnung. "Na, mein lieber Achtenmeyer, sind Sie aus Ihrem office geflohen?", kräht sein Vorgesetzter. "Gemütlich hier, nicht wahr? Ich wollte erst bei Ihnen vorbeischauen, aber diese Leere war ziemlich bedrückend."


+++ Lessons learned +++

  • Das Private ist geschäftlich: Die Trennung von Job und Privatleben ist aufgehoben, das wissen wir alle. Das heißt aber auch: Ehemals "unwichtige" Ereignisse (Umzug, neue Kaffeemaschine) beeinflussen die Arbeit stärker als früher, weil sie die sozialen Strukturen und Machtverhältnisse neu mischen.
  • Die Bäume vor lauter Wald nicht sehen: Sicher, eine gute Führungskraft muss das big picture sehen. Dazu gehört aber auch: Sie muss ebenso einen Blick für Details besitzen, die sich künftig als entscheidend herausstellen könnten - und wenn es eine Couch ist.
  • Hochmut kommt vor dem Fall: Sich als Manager für Dinge demonstrativ nicht zu interessieren, geht schnell nach hinten los. Der sicherste Weg, sich ins Abseits zu manövrieren, ist der, sich gleich freiwillig dorthin zu begeben.