Nach Diktat verreist: Keep it short and simple - DER SPIEGEL
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Nach Diktat verreist Simpel ist das neue Sophisticated

Oft ist weniger mehr, aber manchmal ist weniger auch einfach nur weniger. Warum das so ist, und was Erdbeermarmelade mit Flugzeugträgern zu tun hat, erklärt Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne.
Foto: SPIEGEL ONLINE
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit großer Sorge verfolgt Achtenmeyer die Entwicklung in der Marmeladenbranche. Seit einigen Jahren übertrumpfen sich die Konfitüre-Kocher mit immer abenteuerlicheren Kreationen. Mit "Erdbeer-Vanille" fing es einst an; mittlerweile gibt es kaum noch Marmeladen, die nicht aus mindestens drei Komponenten bestehen, von denen eine mindestens so exotisch sein muss wie Papaya oder Guarana. Die klassische Nur-Erdbeermarmelade ist vom Aussterben bedroht.

Allerdings ist es nicht sein in die Defensive geratener Marmeladen-Favorit, der Achtenmeyer ins Grübeln bringt. Sondern die Tatsache, dass er als Marketing-Manager eigentlich von jeder Spielerei, jedem noch so verrückten Produkt-Spinoff, begeistert sein müsste. Er lebt schließlich davon. Dass er nun ausgerechnet die schlichten Klassiker schätzt, ließ ihn zuletzt beinahe an seiner Berufswahl zweifeln.

Zumal die neue Elaboriertheit nicht am Frühstückstisch halt macht, sondern direkt durchmarschiert in sein Office. Und zwar in Form von schier unzähligen schneidigen Trainees, die ihre 150 Praktika und MBAs selbstredend nur an Top-Adressen absolviert und für seine Reden vom Wert des Operativen ("Ich hab' das shelf-management bei unserem Top-Customer entworfen und dann eigenhändig die Regale eingeräumt") nur ein müde-verbindliches Lächeln übrig haben. Opa erzählt vom Krieg.

Crazy Ideen aus der Trainee-Armee

Wobei der Krieg, genauer gesagt die Kriegführung, noch genauer gesagt, das Nachdenken über dieselbe, Achtenmeyer zuletzt wieder Hoffnung gemacht haben. Neulich las er den Aufsatz eines hochrangigen US-Admirals. Die Details einmal beiseite gelassen, war die These im Grunde: Immer komplizierteres, immer teureres Equipment ist ein rüstungstechnischer Irrweg. Warum immer noch eine Stealth-Technology entwickeln, wenn jeder dahergelaufene Wüstenkrieger, der drei Abendkurse an der University of Applied Sciences in Teheran belegt hat, sie mit ein paar Hackertricks plattmachen kann?

Stattdessen verwies der Admiral auf zwei sehr betagte Erfolgsmodelle der US-Streitkräfte: Den 50 Jahre alten Flugzeugträger "USS Enterprise" und die B52-Bomber, vor 60 Jahren in Dienst gestellt. Beides also Relikte mit vorsintflutlicher Technik, aber günstig in Anschaffung und Unterhalt, robust, simpel - und offenbar unschlagbar. Die B52s etwa sollen noch bis 2045 Dienst tun. Solides Lastpferd schlägt launische Spezialisten-Diva, formulierte Achtenmeyer sein Learning nach der Lektüre.

Derart munitioniert, fühlte er sich bestens gerüstet fürs Product-Planning-Meeting. Üblicherweise übertrumpfen sich dort alle mit möglichst crazy Ideen für Wellness-, Energy- und Wasauchimmer-Drinks. Besonders die schneidigen Trainees werfen tonnenweise Folien an die Wand, vollgestopft mit Diagrammen und absurden Innovationen. Weil Achtenmeyer die Euphorie regelmäßig mit Zwischenfragen bremst, geht er meist als bedenkenträgerischer alter Zausel vom Platz.

Warum muss selbst das Einfache so kompliziert sein?

Heute aber wird er sein Lob der Simplizität singen, dass den Herren Elite-Absolventen die Ohren klingeln. Während Trainee Börner erwartungsgemäß eine komplizierte Grafik nach der anderen aufruft, reibt sich Achtenmeyer innerlich die Hände. Gleich, gleich werden seine B52s aufsteigen und den Gegner am Boden vernichten.

"Soweit also die Marktforschung", resümiert Börner und Achtenmeyer macht sich bereit. Aber Börner ist noch nicht fertig, sondern zeigt jetzt eine alte Frau mit Krückstock. "Das ist meine Großmutter", sagt Börner. "Ich habe sie gefragt, was sie am liebsten trinken möchte. Ihre Antwort? Einfach etwas gegen den Durst." Der schneidige Trainee klappt den Laptop zu und sagt gewichtig: "Lassen Sie uns die Dinge einfach halten. Robust, simpel, unschlagbar. Denn Simpel ist das neue Sophisticated."

Achtenmeyer ist derart überrumpelt, dass er vor Schreck applaudiert. Noch nicht mal eine Zwischenfrage hat er gestellt. Erst im Büro, zurück an seinem Schreibtisch, fällt ihm eine ein: Warum muss selbst das Einfache so kompliziert sein? Nachher wird er die Frage ins Englische übersetzen. Und direkt an den Admiral schicken.

+++ Lessons learned +++

  • 1) Keep it short and simple: Die gute alte KISS-Regel hat sich in Werbung und Marketing bewährt, und es gibt keinen Grund, warum sie das nicht auch im Management tun sollte. Klar in der Aussage, konsequent in der Umsetzung - das sind für eine Führungskraft nicht die schlechtesten Eigenschaften.

  • 2) Reduce to the max: Simpel bedeutet nicht, dass man sich keine Gedanken machen muss. Im Gegenteil: Gerade das Schlichte erfordert meist mehr Arbeit und Grips als das Komplizierte (und dadurch weniger Durchdachte). Bestes Beispiel: Apple. Das ist auch der Grund, warum Einfaches dann eben doch ziemlich komplex ist.
  • 3) Vorbild Cäsar & Co.: Die Strategien großer Feldherren und andere Maximen auf das Wirtschaftsleben zu übertragen, wird immer wieder versucht und übt auf Manager eine große Faszination aus. Kann gelingen, muss aber nicht. Zumal bei allen Parallelen ein Unterschied fundamental ist: In der Wirtschaft kann es auch im Wettbewerb viele Gewinner geben. Im Krieg gibt es immer einen Sieger - und einen Verlierer.