Nach Diktat verreist Wütend nach oben
Stempel drauf: Das ist Achtenmeyers Welt
Foto: SPIEGEL ONLINEDas Reisen mit dem Zug bringt bei Achtenmeyer, während draußen hinter spackigen blauen Vorhängen die norddeutsche Tiefebene vorbeischlurft, traditionell die ganz großen Fragen hervor. Wie beispielsweise die, was ein Mensch wie Zögner im Vorstand eines multinationalen Konsumartiklers verloren hat.
Zögner und er haben einmal in der gleichen company angefangen, gleiches Level, gleicher Studienabschluss, gleiche Startbedingungen. Der einzige Unterschied war Zögners Jähzorn. Seine Sekretärin traute sich schon nach einer halben Woche nicht mehr ohne Baldriantropfen an ihren Schreibtisch, seine Vorgesetzten runzelten die Stirn, wenn Zögner in Meetings wieder unvermittelt auf den Tisch hieb und losbrüllte, weil der Beamer nicht funktionierte.
Und Achtenmeyer lächelte still. Erstens, weil er lieber still lächelt als laut brüllt. Zweitens, weil er sicher sein konnte, dass ein Mann mit einem derartig unkontrollierten Gefühlsleben wie Zögner niemals ein ernsthafter Konkurrent um herausgehobene Führungspositionen sein würde. Geht es dort doch um das sorgfältige, rationale Abwägen vielfältigster Interessen, um Politik mit ruhiger Hand und kühlem Kopf.
Jähzorn zur rechten Zeit kann Willensstärke bedeuten
So kam, was kommen musste. Nach nicht einmal einem Jahr verließ Zögner das Unternehmen und entwickelte sich fortan zum Jobhopper, den es auf keiner Position länger als anderthalb Jahre hielt. Irritierenderweise und völlig entgegen Achtenmeyers Prognose jedoch stieg er mit jedem Wechsel weiter auf, während Achtenmeyers Karriere sich eher schleppend anließ. Offensichtlich wurde Zögners Jähzorn höheren Orts als Willensstärke interpretiert und Achtenmeyers diplomatische Zurückhaltung als Entscheidungsschwäche. Und jetzt ist Zögner also Vorstand.
Ein Zornesausbruch zur rechten Zeit, schließt Achtenmeyer, während der Zug in den Hauptbahnhof einrollt, gilt als Ausweis von Leidenschaft (passion wanted!) und hilft dem Aufstieg auf die Sprünge. Und weil er vor seinem nächsten Termin noch Zeit hat, findet er, kann er ebensogut ein wenig Wut trainieren. Denn das Geschäft, in dem er ein Sandwich kaufen möchte, akzeptiert den Wertbon nicht, den er für seinen Toilettengang bei "Rail & Fresh" erhalten hat.
"Erst ab übermorgen, Anweisung vom Geschäftsführer", leiert eine Halbwüchsige mit violetter Haarsträhne herunter. Ebendiesen Geschäftsführer wolle er auf der Stelle sprechen, wird Achtenmeyer laut. "Nich' da", sagt die Haarsträhne. Auch nicht sein Stellvertreter. Und dessen Stellvertreterin (grüne Haarsträhne) sagt eben: "Erst ab übermorgen, Anweisung vom Geschäftsführer."
Karriere als Orang-Utan
Achtenmeyer brüllt "Wenn Sie sich nicht an die Regeln halten, tu ich's auch nicht", schnappt sich die Flasche und stürmt, ohne zu zahlen, zum Ausgang. Da stellt sich ihm ein Jüngling im Surfer-Shirt entgegen (keine Haarsträhne, dafür ein Lippenpiercing), der einen Zeitungskommentar zum Thema Zivilcourage zuviel gelesen hat: "Na, na, das ist Ladendiebstahl, da rufen wir gleich mal die Polizei."
Achtenmeyer schaut auf die Uhr: Wenn erst mal die Staatsmacht auftaucht, kann er seinen Termin vergessen. Obwohl er sich vollkommen im Recht fühlt (50 Cent sind schließlich 50 Cent und jetzt einfach weg), ist sein Vorrat an Leidenschaft aufgebraucht. Der Diplomat in ihm gewinnt wieder die Oberhand, brav stellt er die Flasche ins Regal zurück und macht sich auf den Weg zu seinem Business-Lunch.
Im Zug auf der Heimfahrt macht er sich an die Fehleranalyse. Sie fällt kurz aus: Leidenschaft ist nur dann wirksam, wenn sie echt ist; kalkulierter Jähzorn ist ein Widerspruch in sich. Was hätte wohl Zögner getan, fragt sich Achtenmeyer rhetorisch. Denn natürlich kennt er die Antwort.
Zögner hätte sich den Weg freigeboxt wie ein Orang-Utan nach fünf Litern Red Bull. Er hätte die herbeigeeilten Polizisten unflätig beschimpft und einige Zeit in einer Zelle verbracht. Und drei Tage später wäre er wieder befördert worden. Vielleicht zum Vorstandschef von "Rail & Fresh". Oder gleich zum Polizeipräsidenten.
+++ Lessons learned +++
- Leidenschaft kann Leiden schaffen: Leidenschaft im und für den Job ist eine tolle Sache - wenn sie echt ist. Und nicht nur demonstriert wird, weil sie eine tolle Sache ist.
- Gefühle zeigen: Emotionale Ausreißer beweisen, dass jemand wirklich für eine Sache brennt. Das ist gut - in der richtigen Dosierung. Um im Bild zu bleiben: Ein Lagerfeuer sorgt für wohlige Stimmung. Ein Waldbrand eher nicht.
- Vorsicht, Alltag: Karrieretipps funktionieren im Konzern, im wirklichen Leben aber nicht immer. Besonders dann nicht, wenn das wirkliche Leben mit violett gefärbten Strähnen im Haar auftritt.