Probezeit als Jobtest - Bloß raus hier! - DER SPIEGEL
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Probezeit als Jobtest Bloß raus hier!

Der Chef eine Niete, die Arbeit ein Graus? Entpuppt sich der neue Job als Reinfall, ist die sonst verhasste Probezeit von Vorteil. Wer schon nach wenigen Wochen kündigt, sollte das allerdings gut begründen können.
Von Eva-Maria Hommel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Chaotisch, improvisiert, unterfinanziert - so beschreibt Laura Fischer* die Zustände in ihrem ersten Job. Sie sollte Jugendliche ohne Ausbildungsplatz fit machen für den Arbeitsmarkt, das Projekt wurde von der Arbeitsagentur bezahlt. Oft konnte die Psychologin den jungen Leuten aber nur ein Telefonbuch mit Firmenadressen in die Hand drücken. Nach gut drei Monaten kündigte Fischer. Mitten in der Probezeit.

Immer häufiger trennen sich Arbeitnehmer und Unternehmen schon in den ersten Monaten. "Vor 25 Jahren haben maximal fünf von hundert Personen ihren Job in der Probezeit verloren oder verlassen. Heute sind es 20 bis 25 Prozent", sagt Jürgen Hesse, Geschäftsführer der Karriereberatung Hesse/Schrader. Der Arbeitsmarkt sei härter geworden, für Einarbeitung fehle oft die Zeit.

In der Probezeit können beide Seiten mit einer Frist von zwei Wochen kündigen. Sonst sind es mindestens vier Wochen, Arbeitsverträge schreiben meist längere Fristen fest. Angestellte sehen oft nur die Nachteile für sich und die Vorteile für den Arbeitgeber - die Möglichkeit, jemanden schnell wieder loszuwerden. Die Probezeit ist zugleich aber auch eine Chance für Mitarbeiter, selbst eine neue Stelle zu testen.

"Im Vorstellungsgespräch zeigt das Unternehmen nur seine Schokoladenseite", sagt Karriereberaterin und Coach Sigrid Frank. Oft merkt der Neue erst hinterher: Die Kollegen sind verfeindet, die Firma steht kurz vor der Pleite, der Chef ist unausstehlich - gute Gründe, die Reißleine zu ziehen, bevor man unglücklich wird.

So wie Christian Müller*. Nach Kulturwissenschaftsstudium und Volontariat bei einer Zeitung bekam er im selben Verlagshaus gleich eine Redakteursstelle. Er solle für die Onlineausgabe Artikel schreiben, hieß es. Doch die Realität sah anders aus: "Texte einpflegen, Termine eintippen, Verwaltungskram." Er bat um mehr Zeit für eigene Beiträge, der Chef vertröstete ihn nur. Müller wurde immer frustrierter, bekam Kopfschmerzen und Sehstörungen. Nach drei Monaten reichte er seine Kündigung ein.

Bei der nächsten Bewerbung kann das jedoch negativ auffallen. "Wir raten meist, nicht so schnell das Handtuch zu werfen", sagt Berater Hesse. Gerade von älteren Mitarbeitern werde erwartet, dass sie ein paar Jahre durchhalten. Hesse rät: Genau überlegen, noch mal mit dem Chef reden. Dann aber schnell entscheiden: "Sie können in Ihrem Lebenslauf einen Job, den Sie drei Monate lang hatten, unter den Tisch fallen lassen. Aber ein halbes Jahr sieht immer doof aus."

"Die Personalerwelt ist klein"

Müller machte es richtig: Er schlief zwei Nächte drüber, dann ging er persönlich zum Vorgesetzten. "Ich wollte keinen Trümmerhaufen hinterlassen. Man sieht sich ja immer zweimal." Berater Hesse rät für das Kündigungsgespräch: "Man sollte sagen: Ich habe mich geirrt, als ich die Stelle angenommen habe."

Bei einem sauberen Abgang kann man auf ein gutes Arbeitszeugnis hoffen. Vielleicht lasse sich das Arbeitsverhältnis sogar in einen befristeten, projektbezogenen Vertrag umwandeln, sagt Hesse. Das sieht im Lebenslauf besser aus. Wer dagegen selbst kündigt, muss theoretisch eine Sperre beim Arbeitslosengeld von bis zu zwölf Wochen befürchten. Bei einer guten Begründung werde die Arbeitsagentur davon aber absehen, sagt Hesse.

Beim nächsten Vorstellungsgespräch muss man allerdings auf Fragen gefasst sein. "Die deutsche Personalerwelt ist klein", so Beraterin Frank. Oft recherchieren Entscheider im Internet über einen Bewerber oder rufen beim früheren Arbeitgeber an. Auf keinen Fall solle man beim neuen Chef über den alten schimpfen, rät Hesse. "Dann wird schnell unterstellt, dass man selbst das Problem verursacht hat."

Am entspanntesten kündigt natürlich, wer schon eine neue Stelle sicher hat. So konnte Laura Fischer nahtlos in ein Heim für Jugendliche wechseln und sagt, sie habe daher von der kurzen Kündigungsfrist profitiert. "Insgesamt stehen in der Probezeit aber die Arbeitnehmer unter Druck." Wie Christian Müller ist sie um die 30, ohne Familie, da fiel der Schritt leicht. Müller konnte einen attraktiven Vertrag als Freiberufler bei einem anderen Medium ergattern. Er bereut nichts: "Ich werde wahrscheinlich arbeiten, bis ich 70 bin. Da will ich etwas machen, worauf ich Lust habe."

* Name von der Redaktion geändert

Eva-Maria Hommel (Jahrgang 1984) ist freie Journalistin (www.weitwinkel-reporter.de). Sie schreibt vor allem über Arbeit und Soziales.