Schule: Berlin sucht dringend Lehrer, auch ohne Ausbildung - DER SPIEGEL
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Lehramt-Quereinsteiger: In Berlin kann es jeder schaffen

Lehramt-Quereinsteiger in Berlin Plötzlich Pauker

Lehrer werden ohne Ausbildung? In Berlin kein Problem: Der Pädagogenmangel in der Hauptstadt ist so groß, dass Quereinsteiger ohne Fortbildung auf Schulklassen losgelassen werden. Kurse gibt's später.
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Bisher hat sie einen sehr gut bezahlten Job bei einem Lobbyverband, nun möchte sie "etwas Sinnvolles" tun. Karen Vollmer* ist promovierte Biologin, Mitte 40, mit zwei Kindern, die aufs Gymnasium gehen. Heute steht sie im Flur der Berliner Schulverwaltung und wartet auf einen Beratungstermin.

Sie will Lehrerin werden, als Quereinsteigerin, ohne Didaktikausbildung, ohne herkömmliches Referendariat. Ihren Söhnen hilft sie bei den Hausarbeiten und kann dabei viel von ihrem Fachwissen weitergeben. So traut sie sich auch den Lehrerjob zu. Aber am liebsten an einer Grundschule, wegen des fachlichen Niveaus, hat sie sich überlegt.

Die Wartezeit für die Beratung ist lang, in diesem Jahr wirbt Berlin intensiv um Quereinsteiger, hat dafür eigens das Gesetz geändert. Für so ziemlich alle Fächer können sich nun Interessenten bewerben. In einigen Fächern reicht ein Fachhochschulabschluss, um Berliner Lehrer zu werden. Nur drei Unterrichtsfächer sind für Quereinsteiger tabu: Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde, da herrscht kein Mangel.

Es bewerben sich Journalisten, Pharmazeuten, gescheiterte Unternehmer. Bis zum offiziellen Meldeschluss Ende März waren es 3300 Kandidaten, doch die Senatsverwaltung nahm noch darüber hinaus Bewerbungen an.

Kein Beamtenstatus, aber ein fettes Einsteigergehalt

"Offenbar fühlen sich viele zum Lehrer berufen", sagt Staatssekretär Mark Rackles. 2200 neue Stellen will Berlin schon für das kommende Schuljahr besetzen, nur 550 Referendare hat das Land pünktlich zu diesem Termin ausgebildet. Die Lücke muss schnell geschlossen werden. 400 bis 500 Quereinsteiger will Berlin anheuern, für den Rest sollen ausgebildete Junglehrer aus anderen Bundesländern kommen, vor allem aus Süddeutschland, wo über Bedarf ausgebildet wurde.

Doch um dieselben Kräfte buhlt schon Mecklenburg-Vorpommern. Dort wirbt man mit dem Beamtenstatus und billigem Bauland. Und auch Brandenburg meldet Bedarf an. Berlin setzt auf den Großstadtbonus, auf Gratis-Kitas und auf ein fettes Junglehrergehalt: Rund 4500 Euro im Monat erhalten die Quereinsteiger nach ihrem Vorbereitungsdienst, ebenso viel wie gründlich ausgebildete Pädagogen.

"Ich gebe offen zu: Das Geld lockt mich schon", sagt Sonja Ottmann, die auch auf ihren Beratungstermin wartet. Sie hat nach ihrem Hochschulabschluss 14 Jahre in der Erwachsenenbildung gearbeitet; jetzt ist sie arbeitslos. Den Magister hat sie gemacht, weil die Studienberater an der Freien Universität Berlin damals dem Lehrerberuf keine Zukunft gaben. Mittlerweile bereitet die FU Turbokurse vor, um die Quereinsteiger fit fürs Unterrichten zu machen.

Unterricht ohne pädagogisches Vorwissen

Etliche Neulehrer müssen außerdem für ein zweites Unterrichtsfach studieren. Wie das ablaufen soll? Bis zum neuen Schuljahr, hofft die Senatsverwaltung, soll das Konzept stehen. Die Quereinsteiger, die bis dahin ausgewählt worden sind, werden aber noch keine einzige der Fortbildungsstunden besucht haben, wenn sie das erste Mal vor einer Klasse stehen.

Für Florian Bublys "ein Skandal". Er ist selbst Lehrer und steckt hinter "Bildet Berlin", einer Initiative, die seit Jahren Missstände in Berliner Schulen anprangert. Ähnlich sieht es die Lehrergewerkschaft GEW. Laura Pinnig, beim Berliner Landesverband für die Lehrkräfteausbildung zuständig, sagt: "Wir haben die Lehrerlücke bereits vor zehn Jahren kommen sehen und gefordert, dass der Senat gegensteuert. Passiert ist aber nichts."

Leidtragende sind nun die Schüler - und auch die neuen Kollegen. "Die meisten Quereinsteiger, die ich erlebe, sind sehr engagiert. Aber so ein Start in den Lehrberuf ist heftig." Während normale Lehrreferendare zehn Stunden pro Woche unterrichten müssen, sollen die Quereinsteiger 19 Stunden vor der Klasse stehen.

Staatssekretär Mark Rackles entschuldigt die Lehrerlücke mit einer neuen Vorruhestandsregelung, deren Auswirkung nicht vorhersehbar war. Zu viele Lehrer seien schneller pensioniert worden als gedacht. Schuld seien auch die Demoskopen, die zu wenig Zuzug nach Berlin vorhergesagt hätten. Berlin sei einfach zu beliebt.

Andere Länder suchen auch, aber nicht für den Crash-Start

Das Problem haben auch andere Länder. Mecklenburg-Vorpommern lädt mit einer malerischen Website zum Umzug, Online haben sich dann rund 360 Bewerber pro Stelle beworben. Seiteneinsteiger will Mecklenburg-Vorpommern aber eigentlich nicht. Und wenn, dann um ein Referendariat zu beginnen, nicht für den Crash-Start in den Unterricht.

In Berlin müssen Didaktikkurse reichen. "Ein Unding", so Florian Bublys: Eigentlich müssten die Quereinsteiger extra Pädagogik-Stunden belegen, weil die Grundlagen nicht im Studium gelegt wurden. Die Schulverwaltung glaubt, das machten die Neulinge durch mehr Lebenserfahrung wett.

Die GEW findet das sehr problematisch: "Wir kämpfen seit Jahren gegen die Dequalifizierung des Lehrerberufes", sagt Laura Pinnig. Kurzfristig könnte der Lehrermangel aber auch zu Unterrichtsausfall führen. "Und da ist mir ein Notprogramm mit Quereinsteigern dann lieber."

Einige Berliner Schuldirektoren haben möglichen Bewerbern geraten, doch erst einmal bei ihnen ein Praktikum zu machen. Damit sie überhaupt mitbekommen, auf was sie sich da einlassen. Für die aktuelle Bewerbungsrunde ist das zu spät, aber im kommenden Jahr wird Berlin erneut Quereinsteiger einstellen. Vielleicht auch, um Ersatz zu bekommen für Nachwuchslehrer, die wieder gegangen sind. "Mal schauen, wie viele der Quereinsteiger nach einem Jahr noch da sind", unkt Bublys.

*Name von der Redaktion geändert.

KarriereSPIEGEL-Autor Klaus Martin Höfer (Jahrgang 1961) ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist in Berlin und arbeitet überwiegend fürs Radio.

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