Regieassistentin Christina Pfrötschner: Mittendrin statt nur dabei
Die Regieassistentin Rechte Hand und zweiter Kopf
Der Zuschauersaal ist ein cordbraunes Stuhlmeer. Mittendrin steht einsam ein Regiepult. Darauf Flaschen, der Stücktext von Shakespeares "König Richard der Dritte" voller Streichungen und Symbole, zwei Telefone, ein Block. Wild sind die Notizen darin, manche dick durchgestrichen, alle kaum lesbar.
Das Pult ist während der Proben von Shakespeares "König Richard der Dritte" der Platz von Regisseur Roger Vontobel und seiner Assistentin Christina Pfrötschner, die ihrem roten Kugelschreiber gerade Höchstleistung abverlangt. Wer einen Blick in die Aufzeichnungen geworfen hat, weiß gleich, dass Stressresistenz und Organisationsfähigkeit zu den Kernkompetenzen einer Regieassistentin zählen.
Eine andere ist ein Klassiker. Das Kaffeekochen. "Wenn kein Kaffee da ist, fährt die Probe gegen die Wand, weil das Team stinkig ist", sagt Christina Pfrötschner später in einer ihrer raren Pausen und zuckt mit den Schultern. Gehört dazu, so ist das nun mal.
Während der Proben ist sie die rechte Hand des Regisseurs. "Meine Arbeit hat wahnsinnig viel mit Vertrauen zu tun", sagt sie, "Roger muss sich darauf verlassen können, dass seine Ideen auch weitergeleitet werden." Also muss Pfrötschner schnell denken, aufmerksam sein und kleine Zwischentöne auffangen, um sie an die richtige Adresse bringen zu können. So hält sie dem Regisseur den Rücken frei und bringt alle Abteilungen auf den neuesten Stand.
Probleme erkennen, bevor sie auftreten
Das ist bei der Arbeitsweise von Roger Vontobel auch nötig, man merkt's im Probenprozess. Bis zuletzt feilt der Schweizer am Stück, streicht Szenen und verwirft Ideen. Das hat Auswirkungen auf Requisite, Maske, Beleuchter, Schauspieler - und ohne die Regieassistentin gelangen die Informationen nicht dorthin, wo sie hin müssen.
"Assistieren hat ganz viel mit Vorausdenken zu tun", sagt Pfrötschner. Ihr müssen Probleme auffallen, möglichst schon bevor sie auftreten: Hat dieser Schauspieler an diesem Tag Zeit, seine Szene zu proben? Ist der Regisseur an diesem Tag im Haus oder unterwegs? Wissen die Maskenbildner, dass der Umzug nicht auf der Hinterbühne stattfindet?
Wie hält sie diesen Stress aus? "Mit diesem Wort kann ich nichts anfangen, das ist mir zu negativ. Ich würde das eher als absolute Konzentration bezeichnen." In fast vier Jahren hat Pfrötschner gelernt, wie ein Theater funktioniert. Und wie man bekommt, was man braucht. Sie sieht die Zeit als unglaublichen Luxus: Sie sei nah am Regisseur, "dort, wo alles entsteht". Trotz des Drucks könne man in einer Art Käseglocke Dinge ausprobieren und zugleich geschützt sein vor dem, was außen um sie vorgeht.
Die Erfahrungen der letzten Jahre wird sie gut gebrauchen können, die Assistenzjahre sind für Pfrötschner ein Weg zu eigenen Inszenierungen. Im Februar wird sie selbst Regie führen, die Uraufführung von "Jimi Bowatski hat kein Schamgefühl" wird ihr Einstand ins Regiefach.
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Für viele läuft der Weg zum Regie-Stuhl entweder über ein Regiestudium oder eine Assistenz. "Ob meiner der bessere Weg ist, weiß ich nicht", sagt Christina Pfrötschner. "Ich habe jedenfalls immer das gemacht, worauf ich Lust hatte."
Fünf Fragen an Christina Pfrötschner
- Welches ist der schwierigste Punkt einer Produktion?
Es gibt nicht den schwierigsten, sondern mehrere schwierige Punkte. Sehr markant ist etwa die erste AMA - die erste "Alles mit allem"-Probe. Oder die erste Bühnenprobe, weil dort plötzlich viel mehr Menschen involviert sind. Von dort an ist ein ganz anderes Arbeiten angesagt.
- Welches ist der schönste Punkt?
Obwohl es abgedroschen klingt - das sind genau diese Momente. Dinge, die man auf der Probebühne vorher nur andeutet hat, sind nun plötzlich richtig zu sehen.
- Fällt Ihnen der Abschied nach vielen Wochen intensiver Arbeit schwer?
Das fällt mir immer schwer, auch wenn ich es nicht zeige. Wirklich Abschied nehme ich bei der Applausordnung und der Premiere. Es ist okay, es gehört dazu - aber solch einen harten Schnitt zu machen nach dieser intensiven Zeit lässt mich nicht kalt.
- Langweilen Sie sich bei Proben?
Ja, manchmal bei Beleuchtungsproben. Normale Proben können auch schon mal zäh sein - auch wenn ich das nicht Langeweile nennen würde.
- Wie hält man das Team bei Laune?
Das funktioniert nur, wenn man ehrlich Gefallen an dem findet, das man tut und mit Enthusiasmus dabei ist, der die Leute mitreißt.
KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.