Zapfenpflücker: Samenraub auf höchstem Niveau
Zapfenpflücker Samenraub in 60 Metern Höhe
"Sack kommt", ruft es aus dem Wipfel der gigantischen Douglasie. "Alles frei!" hallt die Antwort von unten durch den Wald, dann saust die Ausbeute von zwei Stunden harter Arbeit in die Tiefe und landet nach 40 Metern mit einem dumpfen Schlag auf dem weichen Boden. Über 40 Kilogramm Douglasienzapfen hat Daniel Grabow in schwindelerregender Höhe aus der Krone des gewaltigen Nadelbaumes gesammelt.
Die Saison der Zapfenpflücker ist kurz, aber strapaziös. Grabow, 34, und seine Kollegen sind gerade auf ausgewählten Bäumen in Rosengarten südlich von Hamburg im Einsatz, um Saatgut für die Wälder der kommenden Jahrhunderte zu ernten. Bei den Douglasien müssen dafür lediglich zwei Wochen im Spätsommer reichen.
"Bestes Saatgut aus den Spitzenbeständen, das gewinnen wir hier", sagt Dirk Strauch von den Niedersächsischen Landesforsten im Revier Rosengarten. "Das ist die Basis für eine naturnahe und nachhaltige Waldbewirtschaftung - die Grundlage für die nächsten Generationen." Die Nachhaltigkeit sei im Wald erfunden worden, ergänzt Revierförster Bernd Westphalen: "Wir treffen damit die Entscheidung für mehrere Jahrhunderte Waldbewirtschaftung."
Kletter-Opa mit hydraulischem Händedruck
Seit 30 Jahren betreut Westphalen den Wald hier. "Es ist immer ein Highlight, wenn die Zapfenpflücker kommen - das ist schon eine kernige Truppe", freut sich der Förster. Absolut schwindelfrei und topfit müssen sie sein. Eine alte Douglasie kann mehr als 60 Meter erreichen, kein Baum wächst hierzulande höher.
Risiko-Ranking: Die gefährlichsten Berufe
Feuchtwarm ist es im Forst, schon am Morgen. Und die nächste Regenwolke ist nicht weit. "Beim ersten Anzeichen eines Gewitters heißt es sofort: runter vom Baum", sagt Rüdiger Koberstein, nachdem er die Beute zum Wagen getragen hat. Aufmerksam schaut er immer wieder in den Himmel. Bis Windstärke 5 sind die Männer im Einsatz, dann schwankt der Pflücker im Gipfel etwa anderthalb Meter hin und her. "Manche werden da seekrank", sagt Koberstein. Er ist 49. "Ich bin hier der Kletter-Opa", sagt lachend der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht und einem hydraulischen Händedruck.
Wie die meisten seiner 36 Kollegen kommt er aus der Baumpflege. Alle haben eine spezielle Kletterausbildung für den gefährlichen Job in den Kronen der Baumriesen. Ausgerüstet sind sie mit Helm, Steigeisen, Gurtsicherung, Rucksack, Eimer und Seil. "Sicherheit ist oberstes Gebot - und das Seil ist unsere Lebensversicherung", sagt Koberstein ernst. Täglich werde die Ausrüstung genauestens überprüft. Wie Grabow liebt er den Blick von da oben und die Arbeit im Team.
"Die kommen nicht zu uns, da müssen wir schon hoch"
"Die Zapfen hängen nun mal ganz oben", sagt Dirk Strauch. "Die kommen nicht zu uns, da müssen wir schon hoch." Jetzt sind die harzverklebten Zapfen reif, schon in etwa zwei Wochen werden die kleinen Samen darin vom Winde verweht. Maximal fünf Bäume schafft ein Mann am Tag und holt dabei rund 100 Kilogramm Zapfen herunter. Daraus wird ein Kilogramm Douglasiensamen gewonnen, genug für 40 000 junge Bäume.
Gelagert wird das kostbare Gut in der Forstsaatgut-Beratungsstelle (FSB) im Niedersächsischen Forstamt Oerrel, wo die Kletterer auch ihre Ausbildung erhalten. Mehr als vier Milliarden Bäume und Sträucher wurden schon aus den Vorräten dort gezogen.
"Wir achten auf Qualität - gerader Wuchs, Leistungsfähigkeit und genetische Vielfalt, das ist wichtig", erläutert Förster Bernd Westphalen. Entscheidend sei dabei die Herkunft der Bäume - so wächst in Rosengarten die Küstendouglasie, optimal auch in Zeiten des Klimawandels. "Die kommt mit feuchten Wintern und trockenen Sommern gut zurecht", so Westphalen. "Die Douglasie wird immer beliebter. Sie liefert widerstandsfähiges Holz und steht ausgesprochen stabil." Das Ziel seien aber gesunde Mischwälder. Dazu könne die Douglasie besser beitragen als andere Nadelbaumarten wie etwa die Fichte.
Im Spätsommer und Herbst haben die Zapfenpflücker viel zu tun. Gerade sind es Douglasiensamen, zu anderen Zeiten holen sie Saatgut aus Vogelkirsche, Ahorn, Linde, Lärche, Fichte oder Kiefer. In manchen Jahren tragen die Bäume wenig, da bleiben die Kletterer unten. Doch dieses Jahr gibt es reiche Beute: 40 Tonnen Zapfen aus 26 Beständen sollen es landesweit werden.