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KINO 007 wird Mensch

Der in Deutschland geborene Regisseur Marc Forster hat mit »Ein Quantum Trost« einen der außergewöhnlichsten James-Bond-Filme gedreht.
• aus DER SPIEGEL 43/2008
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Er spricht sanft, mit ruhiger, stets freundlicher Stimme wie ein Feingeist. Doch Marc Forster hat gerade für rund 200 Millionen Dollar den teuersten James-Bond-Film aller Zeiten gedreht - und den vielleicht düstersten dazu. »Wir zeigen die Schattenseiten von 007«, sagt er. »Bond unterscheidet sich in unserem Film manchmal kaum noch von den Menschen, die er bekämpft.«

Nun sitzt der Regisseur, der 1969 in Ulm geboren wurde, im Schneideraum im Londoner Künstlerviertel Soho und geht den Bond-Film »Ein Quantum Trost«, der am 6. November in die deutschen Kinos kommt, noch einmal durch. Er schaut sich mit seinem Cutter Richard Pearson eine Sequenz an, die 007 (Daniel Craig) in einer kargen südamerikanischen Wüstenlandschaft zeigt. So einsam und verloren wirkte Bond noch nie.

»Er lebt in einer Welt des Schmerzes«, sagt Forster und zeigt statt des weltgewandten Agenten, der gegen Geschosse und Gefühle gleichermaßen immun zu sein schien, einen angeschlagenen, von Rache getriebenen Killer. Bislang nahm 007 kaum etwas persönlich, nicht mal die Ermordung seiner Ehefrau in »Im Geheimdienst Ihrer Majestät« (1969). Im nachfolgenden Film »Diamantenfieber« (1971) machte er weder geschüttelt noch gerührt weiter.

Doch in »Ein Quantum Trost« ist Bond ein Mann, der nicht die Wut verliert. Sogar seine Chefin M (Judi Dench) fürchtet, dass er sich nicht mehr im Griff hat. Kommt nun auch 007 auf die Couch wie die anderen Superhelden des zeitgenössischen Kinos, die Batmans und Hulks? »Nein, nein«, beruhigt Forster sofort. »Bond ist kein Mann, dem es guttut, wenn man ihn zu sehr analysiert. Dennoch wollte ich eine emotionalere Seite von ihm zeigen. Ich wollte herausfinden, wovor er flieht.«

Die Menschwerdung von 007 begann schon im letzten Bond-Film »Casino Royale«, der die Serie mit dem blonden Hauptdarsteller Craig vor zwei Jahren neu startete. Darin verliebte sich Bond in eine Finanzexpertin vom britischen Schatzamt (Eva Green) und musste zusehen, wie sie vor seinen Augen in den Tod getrieben wurde.

Im neuen Film jagt 007 nun die Schuldigen. Dabei stößt er auf die schöne Camille (Olga Kurylenko), die mit den Hintermännern ebenfalls noch eine Rechnung offenhat, auf eine noch schönere MI6-Agentin (Gemma Arterton) und den dubiosen Tycoon Dominic Greene (Mathieu Amalric), der sich als Öko-Guru gibt.

»Ein Quantum Trost«, direkt an das Ende von »Casino Royale« anschließend, ist die erste wirkliche Fortsetzung in der mittlerweile 22 Filme umfassenden Serie. Dass die Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson dafür ausgerechnet Forster engagierten, verblüfft den Regisseur selbst noch immer. »Im ersten Moment habe ich geglaubt, sie hätten sich vertan.« Forster hatte zuvor psychologische Dramen wie »Monster's Ball« (2001) oder versponnene Komödien wie »Stranger Than Fiction« (2006) inszeniert. Seine bisherigen sechs Filme kosteten zusammen nicht viel mehr als die Hälfte des neuen »Bond«.

Zudem kommt Forster aus dem Reich des Bösen, aus Deutschland, das einige besonders fiese Gegenspieler von 007 hervorgebracht hat. Allerdings hat Forster, wie Bond selbst, eine Schweizer Mutter und wuchs im Kanton Graubünden auf, bevor er in den neunziger Jahren in New York Film studierte und das entwickelte, was ihn für einen Bond-Film im Grunde komplett disqualifiziert: eine künstlerische Handschrift.

Denn bisher hatten die »Bond«-Produzenten ihren Zögling 007 nur Genre-Routiniers wie Terence Young und Guy Hamilton oder früheren Cuttern wie Peter Hunt und John Glen anvertraut. Selbst Steven Spielberg lehnten sie ab, weil sie fürchteten, 007 könnte von dem Regisseur überschattet werden. Wer einen Bond-Film inszenieren wollte, musste sich damit abfinden, ein Erfüllungsgehilfe zu sein.

Doch Forster erlaubten die Produzenten sogar, seinen Cutter Matt Chesse und seinen Kameramann Roberto Schaefer mitzubringen und die Vorspannsequenz des Films, ein Heiligtum der Serie, von einer neuen Firma herstellen zu lassen. »Ich habe mir vorgestellt, dass ich in einem politischen System mit sehr strenger Zensur arbeite, darin aber die größtmögliche Kreativität entfalte«, meint Forster.

Es scheint ihm Spaß zu machen, die kleinen täglichen Kämpfe auszutragen in diesem Universum, in dem jedes Detail sofort Chefsache wird. Wilson mochte die Schrift, die Forster ihm für die Einblendungen der Ortsangaben in »Ein Quantum Trost« vorgeschlagen hatte, nicht besonders, wird ihm gerade zugetragen. »Och, wenn ich mit ihm rede, kriege ich ihn schon rum«, erwidert Forster grinsend.

Der Regisseur vermittelt die Chuzpe eines erfolgreichen Autorenfilmers, der mit ein paar verschworenen Weggefährten den größten Tanker der Kinogeschichte entert und ihn auf seinen eigenen Kurs bringt. Mit sichtbarem Stolz betrachtet er eine Sequenz im neuen Film, die vor dem Hintergrund einer »Tosca«-Aufführung auf der Bregenzer Seebühne stattfindet. Eine wilde Schießerei bricht aus, Forster zeigt davon jedoch nur Fragmente, bleibt lieber bei der Oper, die Arie übertönt den Kugelhagel.

Dieser entschlossene Kunstwille ist neu in der Bond-Serie. Action bedeutete dort nie etwas anderes als eben Action. Es musste krachen, knallen, fetzen und dem Zuschauer den Atem rauben. Forster dagegen stilisiert die Schießerei zu einem faszinierenden Ballett des Todes, und Bond ist nur einer der Tänzer.

»Ich habe mir Anregungen bei Alfred Hitchcock und Hollywoods Paranoia-Thrillern der siebziger Jahre geholt - bei ,Zeuge einer Verschwörung' oder ,Die Unbestechlichen'«, erläutert Forster. »In diesen Filmen wird wahnsinnig wenig erklärt, selbst das Ende bleibt manchmal völlig offen. Dafür haben die Figuren mehr Tiefe.« Und Forster ist überzeugt, dass auch Action-Szenen aus den Personen heraus entwickelt werden sollten.

So inszeniert er in »Ein Quantum Trost« im Zentrum von Siena eine Verfolgungsjagd, die mitten im Trubel des Palio, des berühmten innerstädtischen Pferderennens beginnt, dann durch Treppenhäuser, über Dächer und einen fahrenden Bus führt, bis Bond mit seinem Kontrahenten durch eine gläserne Kuppel in die Tiefe stürzt und sich beide gerade noch an Seilwinden festhalten können. Danach beginnt der großartige akrobatische Schlussakt.

Obwohl »Ein Quantum Trost« mit 106 Minuten Laufzeit der kürzeste Film in der Bond-Serie ist, bietet er eine der längsten Verfolgungsjagden, die 007 je zu bestehen hatte. Doch Forster glaubt, sie deshalb bis zum Äußersten ausreizen zu können, weil sie vom Innenleben des Helden unaufhörlich angetrieben wird: Bond will um jeden Preis wissen, wer hinter der Verschwörung steckt, die ihn die Liebe seines Lebens gekostet hat.

Jeder Film müsse eine Stimme haben, eine Vision, sagt Forster, die des Regisseurs. Ist ihm das bei »Ein Quantum Trost« gelungen? Er zögert einen Moment, dann sagt er: »Ja, im Rahmen der Serie hatte ich alle Freiheiten.«

Barbara Broccoli und Michael G. Wilson jedenfalls sind mit seiner Arbeit zufrieden, sie haben ihm schon den nächsten »Bond« angeboten. »Das ehrt mich sehr, doch ich habe abgelehnt«, meint er. »Als Nächstes muss ich etwas anderes machen. Ein Film dieser Größenordnung alle zehn Jahre, das ist in Ordnung.« LARS-OLAV BEIER

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