AUTOMOBILE / MERCEDES-BENZ 6,3 in 6,5 auf 100
Verkaufsbüros der Stuttgarter Daimler-Benz AG nahmen in den letzten Wochen Hunderte geheimnisvoll verschlüsselter Bestellungen entgegen. Die Käufer unterschrieben Kaufordern mit der Klausel »Wandlungsvorbehalt auf ein anderes Modell«.
Von Geld wurde kaum gesprochen. Das Auto, auf das die Käufer aus waren, hatte noch keinen Preis. Blindlings bestellten die Interessenten einen Wagen, der noch gar nicht auf dem Markt war.
Letzte Woche präsentierte Daimler-Benz den begehrten, in Fachkreisen seit langem diskutierten Neuling auf dem abgesperrten Motodrom zu Hockenheim. Die Premierengäste traten den Gashebel der spurtkräftigsten Komfort-Limousine der Welt. Ihr Name: »MB 300 SEL 6.3«; Motor: V-Achtzylinder von 6,3 Liter Hubraum; Leistung: 250 PS; Höchstgeschwindigkeit: 220 km/h. Den Preis gibt die Firma in dieser Woche auf dem Automobilsalon in Genf bekannt -- er soll knapp unter 40 000 Mark liegen.
Mit diesem Modell, das laut Mercedes-Benz »im internationalen Angebot eine Spitzenstellung einnimmt«, haben die Stuttgarter das Traum-Automobil vieler Kunden verwirklicht: den großen, aber nicht zu grollen Reisewagen vom Temperament eines Hochleistungs-Sportwagens.
Wirklich neu ist dabei weder sein Blechkleid noch sein Triebwerk. Die Mercedes-Konstrukteure haben zwei seit Jahren gefertigte Modelle, die auch weitergebaut werden sollen, zu dem neuen Typ vereinigt: Sie verpflanzten den 6,3-Liter-Motor ihres Repräsentations-Kolosses MB 600 in die kleinere Fünf-Meter-Karosse ihres Typs 300 SEL (SPIEGEL 52/1967). Äußerlich unterscheidet sich der 300 SEL 6.3 vom eigentlichen Typ 300 SEL nur durch die Ziffern »63« auf der rechten Seite des Kofferraumdeckels und durch vertikal angeordnete Doppelscheinwerfer mit Halogen-Lampen, die weiter und gleichmäßiger strahlen als herkömmliche Leuchten.
Zwei Jahre lang entwickelten und testeten die Stuttgarter Ingenieure ihren Mischtyp. Um Gewicht und Leistung des King-Size-Motors optimal auf die Bremsen und das verstärkte Fahrwerk des Typs 300 SEL abzustimmen, jagten sie wochenlang mit höchsten Drehzahlen durch die Sahara.
»Durch eine entsprechende Hinterachsübersetzung hätten wir die Höchstgeschwindigkeit des neuen Sechsdreiers mühelos noch heraufsetzen können«, erläuterte ein Mercedes-Benz-Ingenieur. Aber den Stuttgartern genügte, mit 220 km/h nahezu das Höchsttempo des schnellsten Straßen-Sportwagens von Porsche (911 5: 225 km/h) zu erzielen.
Dafür verliehen sie ihrem mit einer Schaltautomatik versehenen neuesten Modell außergewöhnliche Spurtkraft, der selbst Porsches 911 5 nicht gewachsen ist. Der MB 300 SEL 6.3 beschleunigt aus dem Stand in 4,4 Sekunden auf 80 und in 6,5 Sekunden auf 100 km/h -- schneller als jede andere Limousine, schneller auch als viele große Sportwagen wie etwa der Jaguar Typ E oder der Ferrari 330 GTC.
Im Gegensatz zu gemarterten Sportwagenfahrern jedoch genießen Fahrer im neuesten Mercedes-Benz selbst bei schärfster Beschleunigung -- der Wagen durchrast aus stehendem Start einen Kilometer in nur 27,1 Sekunden -- und höchsten Drehzahlen noch Senator-Komfort. Luftfederung mit automatischer Niveauregulierung sorgt für stets gleichbleibende Federwege. Ein aufwendiges Fahrwerk ermöglicht, bei geringstem Risiko Kurven im Sportwagenstil zu fahren.
Der Wagen wurde außerdem mit einer Klimaanlage ausgerüstet. Ein Unterdrucksystem öffnet und schließt Türschlösser, Tankklappe und Kofferraumdeckel. Fenster heben und senken sich elektrisch per Knopfdruck.
Mit der schnellsten Limousine, die Daimler-Benz je gebaut hat, bietet Deutschlands Renommier-Marke eine neue Alternative für anspruchsvolle Automobilisten, denen der Untertürkheimer Parade-Wagen MB 600 zu langsam oder zu protzig ist. Den meisten ist er zu protzig.
Beim neuen 300 SEL 6.3 ist diese Sorge unbegründet, weil der auf »Super-Super-Niederquerschnitt-Reifen« (Werksangabe) rollende Wagen zwar den größten Motor des Hauses hat, aber nicht der Größte ist. Gleichwohl rechnen die Stuttgarter damit, daß etliche Käufer die Ziffern »6.3« vom Heck entfernen werden.