Abends Tanz - DER SPIEGEL
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MEDIZIN / PSYCHIATRIE Abends Tanz

• aus DER SPIEGEL 30/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Katharina Banar, alleinstehend, unverheiratet, hatte sich von allen Bekannten zurückgezogen. Sie ging nicht mehr zur Arbeit und schloß sich tagelang in ihrem möblierten Zimmer ein.

Dort sprach die junge Frau laut mit sich selbst und mit erdachten Gästen. Als sie den Wahnfiguren schließlich Mahlzeiten zurichtete, alarmierte die verstörte Zimmerwirtin die Verwandten; ein Onkel schaffte die psychisch Gestörte in die Klinik.

An der Krankengeschichte dieser Patientin hat der Heidelberger Psychiatrie-Professor Heinz Häfner jüngst erläutert, wie sein Team auf eine neuartige Weise -- nach den Erkenntnissen der sogenannten Sozialpsychiatrie -seelische Erkrankungen behandelt.

Häfner und seine Mitarbeiter wollen erreichen, daß die Kranken nicht -- als isolierte Objekte wie in der klassischpsychiatrischen Behandlung -- ihrem alltäglichen Leben noch mehr entfremdet werden. Ihnen soll vielmehr geholfen werden, im Dialog mit dem Arzt und im Gespräch einer Patientengruppe ihre Konflikte zu erkennen; die Therapie strebt dabei an, den Kranken durch einen »sozialen Lernprozeß« (Häfner) für die Auseinandersetzung mit seiner gewohnten Umwelt zu rüsten.

Dieses Programm will das Häfner-Team nun in einem »Zentralinstitut für seelische Gesundheit« weiterentwickeln, das demnächst in der Mannheimer Altstadt errichtet wird. Das neue Institut könnte beispielhaft für die Bundesrepublik werden. Denn bislang ist das sozialpsychiatrische Konzept durchweg nur im Ausland, vor allem in den skandinavischen Ländern und den Vereinigten Staaten, erprobt worden.

Im Fall der Patientin Banar beispielsweise begann das neuartige Behandlungskonzept damit, daß die Arzte zunächst auf eine herkömmliche katalogisierende Diagnose ("Schizophrenie") verzichteten. Sie registrierten vorerst nur die Symptome des Leidens.

Statt sie dem subtilen Terror und der Bevormundung in einer der üblichen Verwahranstalten auszusetzen, ließen sie die Kranke weiterhin für ihren persönlichen Bereich, für Bett und Kleidung sorgen. Sie wurde auch am Reinigungs-, Tisch- und Küchendienst auf der Station beteiligt.

Vor allem dämpften die Mediziner das absonderliche Verhalten der Patienten nicht vom ersten Tage an mit der bequemen, vielfach verordneten hohen Dosis von Psychodrogen. Denn unter der Wirkung solcher Medikamente verwischen sich die Ursachen der Erkrankung, und dem Patienten wird die Einsicht in sein Leiden erschwert. Der erste Behandlungsversuch war vielmehr, Katharina Banar behutsam einer Gruppe von Mitpatienten, Pflegern und Ärzten einzugliedern, die den seelischen Genesungsprozeß durch gemeinschaftliches Gespräch in Gang zu bringen suchten.

Bei der Einlieferung näherte sich Katharina Banar ihren beiden Zimmergenossinnen aggressiv. Die aber nahmen sie erst einmal zum Mittagessen mit. Aus der zwanglosen Unterhaltung bei Tisch erfuhr sie das Tagesprogramm -- daß etwa nach der Freizeit für die Gruppe Beschäftigungstherapie geplant wäre und daß abends nach der Gruppentherapie ein Tanzfest veranstaltet werden sollte.

Einem Informationsblatt, das den Tageslauf in der Klinik und die verschiedenen Behandlungsarten ausführlich erklärte, konnte die neue Patientin entnehmen, daß sie unkontrolliert telephonieren und Briefe schreiben dürfe. Und: »Besuche von Verwandten und Freunden sind herzlich willkommen.«

Im Beschäftigungsraum, einem kunsthandwerklichen Atelier, hinderte sie niemand, sich abseits zu setzen -- sie knetete aus Ton kleine, kriechende Tiere. »Ton ist ein Material«, erläuterte Psychiater Häfner, »das manchen Neurotikern hilft, ihre aufgestaute Aggressivität und analen Triebwünsche zu entspannen«, und mit dem Schizophrene und Depressive häufig ihre »Beschmutzungsangst« überwinden; es reizt zugleich derart zum Gestalten, daß die Kranken spielerisch wieder sich zu konzentrieren beginnen.

Schließlich gelang es, die Patientin für eine Gruppenarbeit -- Applikationen auf einen Wandbehang -- zu interessieren. Mit ihrer handwerklichen und künstlerischen Begabung errang sie bald eine dominierende Stellung.

Abnorme Persönlichkeitsveränderungen, davon gehen die Heidelberger Mediziner aus, sind nicht unbedingt unheilbare Erbleiden. Sie können vielmehr auch durch eine widrige Umwelt provoziert und gefördert werden. In Mannheim beispielsweise, so ermittelte Professor Häfner, sind seelische Erkrankungen in den sozial schwachen Wohnvierteln bis zu dreimal so häufig wie in freundlicherem Milieu.

Nur bei »psychiatrischer Erster Hilfe« (Häfner), etwa nach einem Selbstmordversuch oder wenn sie wegen schwer gestörten Verhaltens nicht mehr am Arbeitsplatz und in der Familie geduldet werden, kommen die Patienten in stationäre Behandlung. Sobald die akute Gefahr abgewendet ist und die Kranken merken, daß sie normaler Belastung gewachsen sind, verbringen sie wieder einen Teil des Tages in ihrem Beruf oder zu Hause.

Alle Kranken jedoch, deren psychotische Symptome nicht bedrohlich sind, sollen ohne stationäre Behandlung stufenweise in den Alltag wieder eingewöhnt werden --

* entweder bei der Werktherapie in der Tagesklinik, aus der sie abends und am Wochenende in die Familie zurückkehren,

* in der Nachtklinik, in der sie ein therapeutisches Abendprogramm absolvieren und schlafen, ohne daß sie tagsüber ihre gewohnte Beschäftigung aufgeben müßten, oder

* in ambulanter Behandlung, im Einzelgespräch mit dem Arzt oder im therapeutischen Rundgespräch in der Gruppe.

Zur Routine gehört dabei, daß ein Helferkreis die jeweils krankmachenden Lebensumstände eines Patienten aufspürt. Pfleger, Schwestern, Sozialarbeiter und auch interessierte Laien, darunter Schüler, Hausfrauen und Geschäftsleute, haben an der Heidelberger Klinik und deren Mannheimer Dependancen bereits ein sozialpsychiatrisches Training absolviert. Es befähigt sie etwa, bei Arbeitgebern, Kollegen und Angehörigen Verständnis für das Seelenleiden zu wecken und Fehlhaltungen gegenüber dem Kranken abzubauen. Und nicht selten wird der Ehepartner eines Patienten gebeten, an den konfliktlösenden Diskussionen teilzunehmen.

Auch als geheilt entlassene Patienten haben Gelegenheit, sich im schützenden Umkreis der Klinik seelisch zu festigen und einem Rückfall in die verwirrenden Ängste vorzubeugen: Sie gründeten auf Anregung des therapeutischen Teams eigene Klubs. Die ehemaligen Alkoholiker bewiesen dabei Wagemut -- sie treffen sich im Mannheimer Bar- und Strich-Distrikt.

Bereits seit 1968 haben Häfner und seine Mitarbeiter in einer provisorischen Klinik nach diesem sozialpsychiatrischen Konzept gearbeitet. Es schien dem westdeutschen Wissenschaftsrat geeignet, der »Sozialpsychiatrie in der Bundesrepublik Anschluß an die internationale wissenschaftliche Entwicklung« zu verschaffen. Und das für Förderungspläne zuständige Gremium konstatierte in einem Gutachten, die Errichtung eines zentralen sozialpsychiatrischen Instituts, in dem auch gelehrt und geforscht werden soll, sei »dringend geboten«.

Denn noch immer ist Psychiatrie in der Bundesrepublik weithin Sache von Massenanstalten. Diese 59 Großkrankenhäuser, denen der Wissenschaftsrat eine »krasse Notlage« attestiert, haben durchschnittlich 1500 Betten; sie liegen meist abgeschieden, trennen die Insassen von der Wirklichkeit und sind in der Regel schlecht versorgt.

In ihren Backstein-Komplexen werden Patienten unterschiedlicher Krankheitsgruppen zusammengepfercht; der Personalmangel ist chronisch, die Ärzteschaft überaltert. Die Folge sei, so der Wissenschaftsrat, daß in diesen Anstalten neue wissenschaftliche Erkenntnisse nur zögernd übernommen, daß Jungärzte und Lernpfleger mangelhaft ausgebildet würden. Den gegenwärtigen Zustand nannte der Wissenschaftsrat »dringend reformbedürftig«.

Reform aber setzt neben Geld -- Kosten des Instituts-Neubaus in Mannheim: 30 Millionen Mark -- vor allem voraus, daß die Planung nicht schizophren ist. In demselben Baden-Württemberg, das in dem Modell-Vorhaben einen »wesentlichen Fortschritt« erkennt (so der zuständige Landesausschuß) wird derweil auch wieder anders gebaut: Bei dem 2000-Seelen-Ort Hirsau, durch eine vier Kilometer lange Zufahrtstraße noch weiter isoliert, entsteht für 50 Millionen Mark ein Geisteskranken-Getto wie ehedem -- ein psychiatrisches Großkrankenhaus mit 1000 Betten.

Das Mannheimer Beispiel -- nur 200 Betten, keine geschlossene Abteilung und »sowenig soziale Freiheitsbeschränkung wie möglich« (Häfner) -- hat noch nicht Schule gemacht. So steht zu befürchten, daß zu viele psychisch Gestörte weiterhin in den Zwingburgen alten Typs verdämmern.

Mit dem Schicksal, an einem Seelenleiden zu erkranken, müssen von den jetzt lebenden Bundesbürgern neun Millionen rechnen.

* Freistunde im Anstaltshof.

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