Aber easy - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 69 / 83

LINDENBERG Aber easy

Rocksänger Lindenberg gibt nicht auf: Nachdem Ost-Berlin seine DDR-Tournee platzen ließ, will er SED-Chef Honecker nun im Saarland treffen. *
• aus DER SPIEGEL 20/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Udo Lindenberg zum erstenmal führende SED-Funktionäre im Ost-Berliner »Palast der Republik« traf, schien ihm »das Ende der Eiszeit« angebrochen.

Bei einem Glas Buttermilch nannte der westdeutsche Rock-Star, fünf Stunden vor seinem ersten DDR-Auftritt im Oktober vorigen Jahres, die Konditionen für die schriftlich zugesagte Sommer-Tournee 1984 durch das andere Deutschland: freier Kartenverkauf und Open-air-Konzerte. Philipp Dyck, Leiter der Abteilung Kultur beim Zentralrat der »Freien Deutschen Jugend« (FDJ), und Egon Krenz, damals FDJ-Chef, waren einverstanden.

Auch in den Wochen danach lief »alles wie geschmiert« (Lindenberg). Den Organisatoren des »Festivals des politischen Liedes« schrieb der Sänger, wohin die Reise gehen sollte: nach Dresden, das »sinnlos von amerikanischen Bomben zerstört« wurde, nach Rostock an die Ostsee, ins 100 000 Zuschauer fassende Leipziger Zentralstadion, in die Goethe-Stadt Weimar, die Handelsstadt Halle und nach Karl-Marx-Stadt »schon des Namens wegen«.

Sein Veranstalter Fritz Rau versprach, Personal und Know-how für die Auftritte zur Verfügung zu stellen. Und Lindenberg erklärte sich bereit, statt im Juni erst Anfang Juli in die DDR zu kommen, weil seine Tournee-Pläne sonst mit dem »Nationalen Jugendfestival der DDR« kollidiert wären.

Optimistisch textete Panik-Udo noch im November seinen Song »Hallo, DDR": »Die Vopos lächeln freundlich und gucken kaum in den Paß, und sie sagen: Keine Panik und wünschen uns viel Spaß.«

Der Rocksänger sah sichere Anzeichen dafür, daß die Temperaturen im deutsch-deutschen Verhältnis sich erwärmten. Sein Ost-Berliner Auftritt im »Palast der Republik« vor 4000 geladenen Blauhemden der FDJ wurde zweimal im DDR-Fernsehen wiederholt - die Sendung erreichte die bisher höchsten Einschaltquoten. Sogar seine Kritik an der Stationierung sowjetischer SS-20-Raketen wurde in die Wohnstuben der DDR-Bürger übertragen, »obwohl die Parteibosse meine Anmerkungen wohl nicht so toll fanden«. Dennoch kündigte die SED-gelenkte Presse seine Tournee an.

Parteichef Erich Honecker wollte wohl zeigen, wie souverän die DDR-Führung geworden ist. Längst war das Lied vom »Sonderzug nach Pankow«, in dem Lindenberg »Honey« Honecker seinen Wunsch nach einem Auftritt im Arbeiter-und-Bauern-Staat unterbreitete, zum heimlichen Hit in der DDR geworden.

So sollte auch Lindenbergs Konzertreise zu seinen Panikfans in Leipzig, Rostock und Weimar unter dem Motto »Für den Frieden der Welt« vom gewachsenen Selbstbewußtsein der SED künden. Und die FDJ-Funktionäre hofften, sie könnten wieder Sympathien bei vielen Jugendlichen gewinnen, die mit der Partei wenig, mit der internationalen Friedensbewegung aber um so mehr im Sinn haben.

Doch je länger sich die Vorgespräche über die Tournee hinzogen, desto stärker gewannen die Bedenkenträger die Oberhand. Bezirkschefs argumentierten in FDJ-Gremien, wenn Honecker einen solchen Menschen nach Ost-Berlin hole, dann sei das sein Bier; sie aber wollten von dem Krawallmacher verschont bleiben. Und Parteifunktionäre erbosten _(Am 25. Oktober 1983 im Palast der ) _(Republik. )

sich, der unfeine Kerl aus der BRD habe sogar, nach Spülung seiner trockenen Kehle mit Wasser, auf die Bühne des »Palastes der Republik« gespuckt.

Zudem ist Egon Krenz, einer der Befürworter der Tournee, inzwischen zum Politbüro-Mitglied aufgerückt und dort für Sicherheit und Jugend zuständig. Nun fürchtet Honeckers Kronprinz, das politische Risiko eines deutsch-deutschen Udo-Festivals könne seine neue Karriere beeinträchtigen.

Als dann auch noch die Kölner Rock-Gruppe »BAP« im Januar ihre bereits ausverkaufte DDR-Tournee platzen ließ, weil die Kulturkontrolleure ihr Lied »Deshalb spielen wir hier« streichen wollten, bekam Lindenberg Post aus Ost-Berlin. FDJ-Funktionär Reinhard Heinemann kündigte dem »lieben Udo« an, eine seinen »Wünschen entsprechende Tournee« sei leider »nicht durchzuführen«.

Zunächst schoben die FDJler technische Probleme vor. Doch bei einem Gespräch im März wurden die Unterhändler deutlich: Es werde überhaupt keine Tournee geben. In Lindenbergs Platte »Götterhämmerung«, die seit Ende Januar auf dem Markt ist, vermochten sie nun auf einmal »nichts zu erblicken, was bereichernd für die Rezipienten der DDR wirken könnte«. Das Angebot entspreche »nicht der Linie«, die man von Lindenberg gewohnt sei.

Unangenehm aufgefallen war den ostdeutschen Saubermännern auch, daß der »Sonderzug nach Pankow« bei der ZDF-Sendung »Menschen ''83« als Erkennungsmelodie gespielt wurde und der Rockstar in einem Interview die beiden deutschen Staaten als »Probiersysteme« bezeichnet hatte.

Die »verdeckte Krise zwischen Ost und West«, kommentierte Bonns früherer Ost-Berliner Vertreter Günter Gaus die Absage, lasse es »kälter werden« in den deutsch-deutschen Beziehungen. Und Lindenberg spöttelte: »Die Ursachen liegen tiefer. Die haben wohl Angst vor einem so charmanten Orchester.«

Am Donnerstag voriger Woche bewältigte der Sänger seine Enttäuschung zunächst einmal professionell. Im Zimmer des Mainzer »Hilton« schrieb er binnen einer halben Stunde den Text für seine zweite Ode an Honey: _____« Lieber Honey, ich beziehe mich diesbezüglich auf die » _____« Tourabsage, die ich, äußerst unvergnüglich und schweren » _____« Herzens zur Kenntnis nahm. Warum nehmt ihr mich auf und » _____« nicht in den Arm? » _____« Die Gründe sind, so finde ich, kleinkariert und » _____« lächerlich von der FDJ und von Egon Krenz, warum ich » _____« nicht singen soll für die Panikfans. » _____« Krenz schrieb mir mit charmanter Hand, daß die FDJ, » _____« das fand ich amüsant, souverän in ihrer Entscheidung sei, » _____« und politische Gründe wären nicht dabei. » _____« Daß es gerade politische Gründe sind, das erkennt » _____« aber easy jedes Kind. Die Gründe, so läppisch, es schlug » _____« mich hin, ja glaubt ihr denn, daß ich Pater Läppisch bin? » _____« Die FDJ, lieber Erich Honecker, das sind wohl so die » _____« Gut- und Böse-Vorschmecker, weil vielleicht, denkt ihr, » _____« in eurem Land haben die Menschen selber nicht genügend » _____« Verstand. » _____« Und müßt ihn verbieten, so ''n Panikrocker. Ja, ist er » _____« denn so ein Genossenschocker, daß ihr ''nen Deal brecht, » _____« mit großem Knall, wann seid ihr soweit für die » _____« Nachtigall? »

Die Hoffnung auf ein Treffen mit seinem Honey hat er nicht aufgegeben. Wenn der DDR-Staatsratsvorsitzende im Herbst die Einladung des saarländischen Ministerpräsidenten Werner Zeyer annimmt und seine Heimat besucht, fände Udo es »schön«, den Erich zu sehen. »Vielleicht kann das«, hofft Lindenberg auf den saarländischen SPD-Vorsitzenden Lafontaine, »der Oskar vermitteln.«

Schließlich haben, reklamiert der Sänger, beide dieselbe musikalische Vergangenheit: Wie Lindenberg hat auch Honecker als Trommler angefangen - vor über 50 Jahren beim Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes im saarländischen Wiebelskirchen. Lindenberg: »Da können wir doch mal gemeinsam Musik machen.«

Am 25. Oktober 1983 im Palast der Republik.

Zur Ausgabe
Artikel 69 / 83