Absurde Idee
Es war ein privater Brief, in dem der katholische Geistliche Eugenio Pacelli über eine Gruppe von Juden aus München herfiel, und der Ton klingt verheerend: Von »Abschaum« ist da die Rede, von »zweifelhaftem Aussehen« und »provokativem Benehmen«. Einen Mann, »ebenfalls Russe und Jude«, beschreibt Pacelli als »gleichzeitig intelligent und verschlagen«.
Der Brief voller antisemitischer Klischees stammt von 1919, und der Autor Pacelli ging später als jener Papst Pius XII. in die Geschichte ein, der eiskalt schwieg, als Adolf Hitler sich anschickte, Europas Juden auszurotten. Er ist jetzt das personifizierte Böse in Daniel Goldhagens neuem Buch »Die katholische Kirche und der Holocaust«.
Als der jüdische US-Politologe Goldhagen vor sechs Jahren die Deutschen als »Hitlers willige Vollstrecker« brandmarkte, erregte sein gleichnamiges Buch monatelang die Gemüter. Jetzt beschuldigt der Amerikaner in einem Rundumschlag Papst und Klerus, sie trügen nicht nur Mitschuld am Holocaust, sondern seien auch ein Haufen uneinsichtiger Antisemiten - bis heute.
Doch anders als nach dem Erscheinen des ersten Buches dürfte sich die Aufregung über das neue Werk in Grenzen halten. Denn der Autor rennt offene Scheunentore ein - auch innerhalb der katholischen Kirche. Zudem hinkt er mit seiner Analyse hinter der Debatte her.
Klar ist längst, dass Pius XII. zum entsetzlichsten Verbrechen der Geschichte schwieg, obwohl er früh genau Bescheid wusste. Auch dass sehr viele Kirchenführer mit dem Hitler-Regime sympathisierten oder es tolerierten, ist lange bekannt. Ihnen warf schon Konrad Adenauer kurz nach dem Krieg krasses moralisches Versagen vor. Der wahre Grund für die Sünde der meisten Bischöfe, so interpretieren Historiker Adenauer, sei freilich nicht im Antisemitismus zu suchen, sondern in einem Charakterfehler - der Feigheit.
Bei Pius XII. bedienen sich Gegner und Freunde anderer Begründungen. Mal ist er jemand, der taktisch geschwiegen hat, um so noch größeres Übel zu verhindern. Mal wird die Schweigsamkeit des Papstes als »Erbsünde« dargestellt, die auch unverzeihlich wäre, sollte es ihm darum gegangen sein, ein Bollwerk gegen den »gottlosen« Bolschewismus zu stützen.
Dem Mann in Rom als Triebfeder seines Handelns aber konsequenten Antisemitismus vorzuwerfen ist so recht noch nie gelungen. Als Beleg gilt der unsägliche Brief Pacellis sowie ein ähnliches Schriftstück aus seiner Zeit als Apostolischer Nuntius in Bayern (1917 bis 1925).
Aber weder die zwischen 1965 und 1981 publizierten vatikanischen Dokumente der Kriegszeit, immerhin 5000, brachten weitere Belege noch die Arbeit einer Wissenschaftlerkommission.
Doch Goldhagen polemisiert nicht nur gegen den Versager oder Verbrecher im Vatikan, sondern gegen die ganze Kirche. Alles, was er an Belegen für Antisemitismus zusammenträgt, hat dabei »die Kirche« zu verantworten. Alles, was er an guten Worten und Taten von Bischöfen und einfachen Gläubigen auftat, ist für ihn judenfreundliches Verhalten einer Minderheit.
Natürlich gibt es in der katholischen Kirche nach wie vor Antisemitismus. Doch Goldhagen ignoriert weitgehend, dass die Einsicht in die Mitschuld am Holocaust inzwischen herrschende Lehre ist. Eine »gelassene und freimütige Diskussion über die Haltungen der Kirche und ihrer Geistlichen gegenüber Juden vor allem in der NS-Zeit«, behauptet er, »können die Kirche und ihre Verteidiger nicht dulden«.
Das Gegenteil stimmt. Papst, Bischöfe und Theologen ringen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) um die Einsicht in eigene gewaltige Schuld.
Vor zweieinhalb Jahren hat Papst Johannes Paul II. Reue gezeigt. In der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem in Jerusalem legte er ein Geständnis ab und beteuerte: »Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, dass die katholische Kirche tiefste Trauer empfindet über den Hass, die Verfolgungen und alle antisemitischen Akte, die jemals irgendwo gegen Juden von Christen verübt wurden.«
Das drängt Goldhagen beiseite, um sich als Enthüller aufspielen zu können - und zugleich als Racheengel. So entwickelt er in seinem ebenso langen wie langatmigen Wälzer eine absurde Idee, wie die Kirche Wiedergutmachung leisten könne: Es sei angemessen, fordert Goldhagen, die Unwahrheiten über Juden in der Bibel »aus dem Text zu entfernen«. Er schlägt dazu eine Konferenz aller christlichen Kirchen vor, unter Beteiligung jüdischer Beobachter. Danach müsse der alte Schinken halt mal scharf redigiert werden.
Geradezu lächerlich macht er sich mit der Behauptung, die Kirche wolle alle Juden zu ihrem Jesus bekehren. Da ist der Politologe, wie in so vielen Dingen, einfach nicht auf dem aktuellen Stand. »Juden und Christen«, so etwa der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, vor fünf Jahren, »ist es grundsätzlich verwehrt, den anderen zu Untreue gegenüber dem an ihn ergangenen Ruf Gottes bewegen zu wollen.«
GEORG BÖNISCH, ULRICH SCHWARZ
* Die Bischöfe von Trier und Speyer, Franz Rudolf Bornewasserund Ludwig Sebastian, mit dem Gauleiter Saarland, Josef Bürkel,Innenminister Wilhelm Frick und Propagandaminister Joseph Goebbels1935.