OST-PREMIERE Ach Yuki
Am 1. September, dem in der Sowjet zone sogenannten »Weltfriedenstag«, haben acht ostdeutsche Bühnen zugleich ein Theaterstück uraufgeführt, das die berühmte Konstellation Romeo und Julia volksdemokratisch variiert. Die Theater boten ihrem Publikum ein Schauspiel, das den Titel »Laternenfest« trägt und von dem in Grimma (Sachsen) arbeitenden 32jährigen Oberschullehrer für Deutsch und Geschichte Hans Pfeiffer stammt. Auf sieben weiteren Sowjetzonen-Bühnen soll das Stück nächstens ebenfalls inszeniert werden.
Geschichtslehrer Pfeiffer hat sich in seinem Schauspiel über historische Tatsachen unbekümmert hinweggesetzt, weil es ihm bei seiner Geschichte vor allem auf den »Gleichnisgehalt« ankommt. Die streitenden Familien Montague und Capulet, denen in Shakespeares Tragödie Romeo und Julia entsprossen sind, hat er in die bei Volksdemokraten gleichermaßen unbeliebten Mächte Japan und Vereinigte Staaten verwandelt. Der Titel des Schauspiels »Laternenfest« bezieht sich auf den japanischen Totengedenktag, der diesen Namen trägt.
Die dramaturgische Konstellation, die Pfeiffer für sein »Laternenfest« ersann, ist simpel und frei von jeder Bemühung um Wahrscheinlichkeit: Der amerikanische Major Kennedy, der 1945 eine Atombombe auf die japanische Stadt Nagasaki warf*, besucht ein Jahr nach dieser Tat inkognito die Stadt. Er soll als Mitglied einer »Luftkriegs-Spezialkommission zum Studium der strategischen Auswirkungen der Atombombe« die Resultate des Abwurfs ausforschen.
Kennedy - er ist im Zivilberuf Bonbonfabrikant und ein Yankee, wie ihn sich Pfeiffer nach dem Studium einschlägiger Literatur vorstellt - hat aber in Nagasaki einen Quartierwirt, dessen vaterländische Verdienste den seinen wenig nachstehen: Der Japaner Yamamoto warf die erste Bombe bei jenem Angriff auf Pearl Harbour, dem wesentliche Teile der amerikanischen Pazifikflotte zum Opfer fielen.
Beide Kriegshelden haben bei diesen Taten Familienmitglieder ihres Gegners getötet. Ein Sohn Kennedys ist bei Pearl Harbour gefallen, Yamamotos Frau und zwei seiner Söhne sind durch die Explosion der Atombombe in Dampf verwandelt worden. Yamamoto selbst, ist seitdem blind und verkrüppelt. Der so gefügten Feindschaft, die durch das Bestreben beider versteinert wird, ihre verhängnisvollen Kriegstaten noch immer mit politischen Argumenten zu rechtfertigen, setzt Pfeiffer in bewußtem Rückgriff auf Shakespeare ein Romeo und-Julia-Idyll entgegen: Kennedys zweiter Sohn, der Medizinstudent James, und Yamamotos Tochter Yuki, Krankenschwester im Atomspital, verlieben sich ineinander.
Die feindlichen Väter setzen sich alsbald in den Kopf, diese »Liebe zwischen Gräbern und Gräben« um jeden Preis zu zerstören. Während Yamamoto Mordpläne gegen James ersinnt, nachdem die Beschwörung altjapanischer Sitte und Samurai-Tradition bei seiner Tochter nicht verfangen hat, versucht Major Kennedy sein Ziel durch moralische Erpressungen und schließlich mit« Hilfe amerikanischer Militärpolizei zu erreichen. Yamamotos Mordpläne mißlingen jedoch, und so kommt es zu einer Schlußwendung, die sich von der klassischen Romeo-und-Julia-Tragödie sehr markant unterscheidet.
Nach einem ausweglosen Dialog, in dem Kennedy und Yamamoto sich noch einmal gegenseitig ihre Schuld vorgerechnet haben, erdolcht der Japaner in einem irren Wutausbruch den Major Kennedy. Yuki läßt sich freiwillig einen von ihrem Vater tödlich gemeinten, dank des Dazwischentretens von James aber abgleitenden Stich beibringen, während Vater Yamamoto Harakiri begeht.
Im letzten Bild versuchen die dahingeschiedenen Väter, in Geisterstimmen redend, ihre Kinder doch noch in den feindlichen Lagern festzuhalten. »Sie standen noch einmal auf - in uns. Sie wollten nicht sterben«, kommentiert Yuki diesen übernatürlichen Einbruch. »Sie wollten uns töten. Aber wir haben sie getötet - in uns. Sie wollten uns trennen, aber wir ließen sie hinter uns. Blutend und zerschlagen fanden wir zueinander.« James schließt das Stück: »Ach Yuki, ich glaube, mit uns beginnt die Welt ...«
Daß ein in marxistischer Philosophie geschulter Autor wie Pfeiffer - er war bis vor einigen Monaten Dozent am Leipziger Philosophischen Institut - parteiwidrig gesellschaftliche und politische Probleme auf einen Generationen-Konflikt zurückführt, war den meisten Ostkritikern freilich nicht aufgefallen. Nur einer der ostdeutschen Provinzrezensenten scheint bemerkt zu haben, daß mit Pfeiffers Stück etwas nicht ganz in Ordnung ist. Kritiker Balduin Thieme fragte besorgt im »Sächsischen Tageblatt": »Geht der neue Weg nur über die Leichen derer, die den Krieg führten? Braucht die Jugend nicht auch die Erfahrungen der Älteren?«
* Der Name Kennedy ist erdacht: Kommandant des Flugzeugs war Major Charles W. Sweeney.
Ost-Autor Pfeiffer
Romeo und Julia ...
»Laternenfest« in Dresden*
... nach dem Atomangriff
* Im Staatsschauspiel Dresden: Hermann Stövesand als Yamamoto (im Rollstuhl), Karl Weber als Major Kennedy.