STARS Ackerbau und Viehzucht
Sie nennen sie mit hätschelnder Zudringlichkeit »Nasti«, liegen scheinbar bei jedem neuen Boyfriend unterm Bett, dichten ihr eine Heirat mit Roman Polanski an, taufen sie »Kindweib« und »Nymphe«, umschreiben ihren feuchten »Erdbeermund«, als sei er etwas ganz anderes; und empören sich dann, Nastassja Kinski habe bisher mehr Schlagzeilen als Filme gemacht.
Richtig ist: die 18jährige Tochter des Schauspielers Klaus Kinski ("Nosferatu") hatte ihre großen Auftritte bisher eher in leichtgewichtigen Gazetten als in schwergewichtigen Filmen. Talent durfte sie nur beim Ausziehen beweisen, zu sagen hatte sie fast nichts.
Das soll sich nun alles ändern. Mit 70 Kopien wird diesen Freitag Polanskis Film »Tess« in der Bundesrepublik uraufgeführt. Der Regisseur nennt seine Hauptdarstellerin eine Mischung aus der jungen Garbo und der jungen Ingrid Bergman und das Multi-Millionen-Opus den »Film meiner Reife«.
Thomas Hardys Roman »Tess von den D?Urbervilles«, bei seinem Erscheinen 1891 wegen angeblicher Anstößigkeiten heftig bekämpft, kennt in England und Amerika jeder Gymnasiast.
Die Titelheldin, armer Leute Kind, wird von einem jungen Adeligen verführt und später von ihrem Ehemann, als er die Schande erfährt, in der Hochzeitsnacht verlassen. Reumütig kehrt er nach Jahren zurück; sie ersticht ihren schnöden Galan, der sich die Notlage ihrer Familie zu Nutze machte, und flieht mit dem geliebten Heimkehrer, wird aber gefaßt und erhängt.
Das 500-Seiten-Melodram liest sich anschaulich wie ein Drehbuch und müßte die Phantasie jedes Filmregisseurs beflügeln.
Es ist die Geschichte einer großen Leidenschaft, romantisch wie »Doktor Schiwago«, und der Emanzipation einer von den Männern wie von der Moral ihrer Zeit Verstoßenen, ein sozialkritischer Frauenroman wie Fontanes »Effi Briest«; es ist auch die Tragödie eines unerbittlichen reinen Herzens und, nicht zuletzt, ein buntes Sittenbild der spätviktorianischen Zeit.
Polanski wählt keine dieser möglichen Perspektiven, sondern propagiert das echte Gefühl und die wahre Liebe und die einfachen Geschichten, die zu Herzen gehen. Sein Thema ist der Untertitel des Romans: »Eine reine Frau Das ist rührend, wird aber spätestens nach einer Stunde ziemlich anstrengend. Der Film dauert über drei.
Schlimmer noch: Polanski hat die Vorlage wörtlich genommen, und das ganz äußerlich; er ist so penibel auf Werktreue versessen, daß er zwar kein Miederband und keine Gürtelschnalle vergißt, wohl aber entscheidende psychologische und soziale Motive des Romans. So bleibt »Tess« ein biederer, planer Bilderbogen, der, beschreibt er einmal Arbeitsszenen auf dem Lande, gleich aussieht wie ein Lehrfilm über Ackerbau und Viehzucht im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Der Film zelebriert korrekte Historienmalerei und walzt in seinem behäbigen epischen Fluß selbst gute Ansätze nieder. Manches wirkt unfreiwillig komisch, etwa wenn die pompöse Musik von Philippe Sarde penetrant immer da lostöst, wo man sie erwartet, oder wenn die Kamera beharrlich-brav dahin schwenkt, wo mit Sicherheit die nächste Person auftritt.
Polanski riskiert nichts, keine echte Erschütterung, keine eigene Interpretation, kein differenziertes Spiel. Alles ist gediegener Wohlklang.
Vielleicht rettet das seinen Star: Nastassja Kinski bleibt statuarisch wie ihre Partner Peter Firth und Leigh Lawson, ein berückend schönes wandelndes Ölgemälde. Sie verharrt in keuschen Posen, trägt Armut und Reichtum, Glück und Elend mit Anstand, senkt vorzugsweise scheu und züchtig den Blick.
Eine große sentimentale Liebesgeschichte wollte Polanski drehen. Da »Tess« das nicht einlöst, werden sich die Presse und das Publikum wohl weiter mit derjenigen Romanze beschäftigen, die sich hinter, nicht vor der Kamera abspielte. Der Regisseur wiegelt ab: er habe zu seiner Entdeckung ein rein brüderliches Verhältnis. Und Nastassja Kinski verharrt, schön und stumm, wie eh und je.