Adieu Eisbär - DER SPIEGEL
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Pop Adieu Eisbär

Der Schweizer Popmusiker Stephan Eicher, in Frankreich als Star gefeiert, will nun Deutschland erobern - mit Unterstützung des Diogenes-Verlags.
• aus DER SPIEGEL 20/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Stephan Eicher die Grenze nach Frankreich überquert, passiert es schon mal, daß der Zollbeamte statt der obligatorischen Frage nach dem Woher und Wohin einfach die Lippen spitzt und anerkennend einige Takte aus einem Eicher-Song pfeift. Reist der Sänger in die Bundesrepublik, pfeift, summt, trällert niemand: Im Westen seiner Heimat ein Star, im Norden nur ein Veteran der Neuen Deutschen Welle, mit einem zehn Jahre alten Hit im Gepäck, dem Lied vom Eisbär, der nicht weinen muß.

Damals, 1981, hieß Eichers Popgruppe »Grauzone": deutschsprachige Tristesse, sich überschlagende Gitarren. Doch die Band überstand den kommerziell verlockenden Wechsel aus der Punk-Subkultur zur großen Plattenfirma EMI nicht. Stephan Eicher, nach seiner Zeit mit den Zürcher »Noise Boys« ein zweitesmal ohne Gruppe, zog die Konsequenzen und tauschte Musiker gegen Maschinen aus. Disketten, Effektgeräte, Sampling-Computer, Klavier und Gitarre: Ein moderner Rocker suchte ein neues Publikum. Es hätte seine Vorlieben teilen müssen: Velvet Underground, Bob Dylan, verzerrte Sounds, Balladen, die Vorwegnahme des Zitat-Pop, eklektizistische Selbstfindung. Doch der Erstling »Les Chansons Bleues« (1983) blieb nur ein Geheimtip.

So wandte sich Eicher, bei seiner One-Man-Band-Methode naheliegend, ganz der synthetischen Produktion von Popmusik zu, wurde glatter, gefälliger. Hits in Frankreich, Kanada und der Schweiz schienen den eingeschlagenen Kurs zu bestätigen, aber trotz Fernsehauftritten, Interview-Reisen und guter Konzertkritiken - die Süddeutsche Zeitung pries Eicher 1986 als »Meister der Emphase« - ließ der Erfolg auf dem deutschen Markt auf sich warten.

Mit neuem Konzept versucht Stephan Eicher nun den Sprung in die neunziger Jahre. Der Wille zur Kommerzialität ist geblieben, aber auch Eichers Eigensinn. Amerikanisches Songwriting trifft auf Streichquartette, internationaler Produktionsstandard wird mit Volksmusik gekreuzt: »Natürlich möchte ich keinen Film der amerikanischen Schwarzen Serie und keine Note eines amerikanischen Popsongs missen«, sagt der Musiker, aber so pathetisch es auch klingen mag: »Die Öffnung nach Osten ist für meine Musik wichtiger als alles, was Bob Dylan oder Lou Reed jemals gemacht haben.« Schließlich stammt Eichers Familie aus Ungarn, »und mit deren Musik bin ich aufgewachsen«.

Gesamteuropäischen Anspruch offenbart auch Eichers jüngste Platte »My Place": Der Künstler singt abwechselnd französisch, deutsch und englisch. Gerade die von der Schweizer Musikerin und Malerin Claudia Schifferle mitverfaßten englischen Texte meiden jede Anbiederung an amerikanische Konventionen und heben Stephan Eicher aus dem Kreis anglophiler Nachäffer.

Die Sorgfalt gegenüber den Texten scheint Eicher für ein werbewirksames Kabinettstück prädestiniert zu haben, das in der Cola-kompatiblen Popwelt ein Novum darstellt. Der Zürcher Diogenes-Verlag, mit Bestsellerautoren wie Süskind und Szczypiorski erfolgreich und, laut Eigenwerbung, der Verlag mit den »weniger langweiligen Büchern«, hat sich mit Eicher zusammengetan - um erstmals »ideologisches Sponsoring«, so Eicher-Manager Martin Hess, zu betreiben. Das Ergebnis ist eine Art intellektuelles Product Placement, das dem Verlag neue Leser und dem Musiker mehr Aufmerksamkeit in den bundesdeutschen Medien bringen soll.

Denn während der anstehenden Deutschland-Tournee Stephan Eichers wird dem Publikum neben der Eintrittskarte und den sonst üblichen Werbezetteln für Camel und Jesus ein Faltblatt in die Hand gedrückt, das Verlagswerbung, aber auch die übersetzten Texte aller Eicher-Songs enthält. Dieses Leporello, als Lesestoff und Kaufanreiz gedacht, zeigt auf dem Deckblatt Popstar Eicher und Dichterfreund Philippe Djian. Die Bücher des in Frankreich beheimateten Autors ("Betty Blue") würdigte die Kritik mal als »Pflichtlektüre« (Wienerin), mal als »Kitschroman für die Selbstdreherjugend« (Der Rabe). Die Freundschaft zwischen Popsänger und Poet trieb Früchte: Djian ist der Autor aller französischsprachigen Eicher-Texte auf der neuen Platte, in langen Tag- und Nacht-Sitzungen haben die beiden Künstler neben professioneller Hochachtung auch private Sympathien entdeckt.

Wendet man den Faltprospekt, präsentiert Diogenes-Vertriebsleiter Stefan Fritsch den potentiellen Lesern im Eicher-Publikum »eine Buchauswahl, die eher auf junge Leser ausgerichtet ist - deshalb stellen wir vor allem Bücher unserer jungen Autoren vor«. Ganz so zielgruppenverblendet ist das Prospektsortiment dann doch nicht: Neben Philippe Djian oder Doris Dörrie, die als ausgewiesene Lederjackenbesitzer im Verlagswesen gerade noch als jung durchgehen mögen, präsentieren die Buchmacher gesicherte Qualität von Melville und Baudelaire bis Cornell Woolrich und Friedrich Glauser. 100 000 Prospekte will der Verlag auf diese Weise unter die Popfans bringen. Manager Martin Hess glaubt, daß schon viel erreicht sei, »wenn nach jedem Konzert nur 100 Besucher zu einem Diogenes-Buch greifen«.

Trotz dieser erlesenen Unterstützung scheut Stephan Eicher beim erneuten Anlauf, das deutsche Käufer-Herz zu rühren, auch die branchenübliche Ochsentour nicht: »In den letzten Jahren mußte ich lernen, daß nicht mehr das Publikum vor der Bühne wichtig ist, sondern die Menschen, die das Konzert im Fernsehen sehen. Hier hat eine Mutation stattgefunden.« Eicher nennt die Videos und Konzert-Übertragungen im Gelehrten-Jargon »Simulationen eines Ereignisses«.

Ganz logisch ist es da, wenn der Schweizer Popartist, bevor er in dieser Woche auf Deutschland-Tournee geht, für seine neue LP auch in TV-Jugendsendungen wie »Live aus dem Schlachthof« wirbt, ja sogar in Thoelkes »Der große Preis«. Dort wäre Eichers Auftritt, wie Manager Hess amüsiert berichtet, fast in letzter Minute geplatzt, weil die ZDF-Unterhalter die schwarzen Begleitmusiker im Gefolge des ordentlichen, jungen Schweizers plötzlich nicht mehr familienunterhaltungstauglich fanden. Die Bundesrepublik, scheint es, bleibt für Stephan Eichers Vision von einer besseren Popmusik ein hartes Pflaster. f

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