Alice Munro, 92 - Nachruf - DER SPIEGEL
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Gestorben Alice Munro, 92

• aus SPIEGEL Chronik 1/2024

Sie war die Säulenheilige der kanadischen Literatur, die perfekte Repräsentantin ihres Landes gerade in ihrer Unscheinbarkeit, ihrer Bescheidenheit, in der kleinen, trügerisch schlichten Form, die sie für ihre Kunst wählte: Alice Munro schrieb nie einen großen Roman, aber für ihre Kurzgeschichten gewann sie 2013 den Nobelpreis. Anders als ihre Generationsgenossin Margaret Atwood äußerte sie sich nicht politisch; sie schrieb mit einer Einfachheit, in der sich Abgründe verbargen, über die Zwänge, Sehnsüchte und Geheimnisse durchschnittlicher Menschen, gerade Mädchen und Frauen, im ländlichen Ontario, wo sie selbst lebte. Im Mai starb die greise, seit Langem an Demenz leidende Autorin. Kurz darauf offenbarte ihre Tochter Andrea, dass ihr Stiefvater, Munros zweiter Mann, sie als Kind missbraucht habe – und dass ihre Mutter sich nicht nur dafür entschieden habe, bei ihm zu bleiben, als sie Jahre später von seinen Taten erfuhr, sondern darauf bestand, der sexuelle Missbrauch habe »nichts mit ihr zu tun«. Die literarische Welt reagierte schockiert. Doch nur wer die moralische Ambivalenz in Alice Munros Short Storys stets willentlich überlesen hatte, konnte es für eine gute Idee halten, diese Künstlerin zur Säulenheiligen zu erklären.

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