Alles wird fließend - DER SPIEGEL
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MÖBEL / DESIGN-WETTBEWERB Alles wird fließend

• aus DER SPIEGEL 50/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

»Der macht seim Vatter sei Gschäft scho no hee«, unkten die Einwohner der württembergischen Gemeinde Ebhausen, als der 21jährige Schreiner Christian Holzäpfel 1951 die Möbelwerkstatt seines Vaters -- Jahresumsatz: 150 000 Mark -- übernahm.

Am Donnerstag letzter Woche mietete der Chef der Christian Holzäpfel KG -- Jahresumsatz: mehr als elf Millionen Mark -- den Theatersaal des Frankfurter Hotels »Intercontinental« für eine glanzvolle Vorstellung. Deutschlands erfolgreichster Büromöbel-Hersteller verkündete das Ergebnis eines weltweiten Design-Wettbewerbs, den er selbst angeregt und aus eigener Firmenkasse mit 120 000 Mark dotiert hat. Thema und Aufgabenstellung: »Möbel zum Wohnen und Arbeiten im Jahre 2000«.

Holzäpfel, hinter dessen Büroschreibtischen Unesco-Angestellte und SPIEGEL-Redakteure sitzen und von dessen raumtrennenden Schrankwänden unlängst eine Brüsseler Firma fünf laufende Kilometer bestellte, empfindet Unbehagen am Design-Niveau seiner Branche: »Die Entwicklung neuer Möbelformen stagniert seit langem -- es werden zwar andere Möbel gebaut, aber keine neuen

Design-Wettbewerbe aus privater Initiative -- dotiert mit je 25 000 Mark -- hatten zuvor schon, aus dem gleichen Unbehagen, die Frankfurter Elektro-Brüder Artur und Erwin Braun sowie der Porzellanmanufakteur Philip Rosenthal aus Seib veranstaltet. Holzäpfel spendierte das Fünffache.

Die Phantasie der Avantgarde zu entfesseln, war Hauptziel der Ausschreibung zu »Interdesign 2000«, die Holzäpfel Ende letzten Jahres siebensprachig -- auch auf russisch und chinesisch -- in die Welt hinausschickte. Das Echo: 730 Einsendungen aus 32 Ländern.

Insgesamt fand die -- prominent besetzte -- Jury das Ergebnis enttäuschend. Holzäpfel: »Entwürfe, die ans Utopische grenzen, und solche, die einem Versandhauskatalog entstammen könnten.« Einen der Preisrichter, den Schweizer Architekten Max Bill, 58, befielen bei Durchsicht der Entwürfe »schlechte Träume von einem Leben auf Zahnarztstühlen, in Schleudersitzen oder Weltraumfahrzeugen«.

Als preiswürdig erwiesen sich -- zur Überraschung des Veranstalters -- drei westdeutsche Entwürfe:

> ein »optisch-akustisches Wohnelement« entworfen von Siegbert Gölzer (erster Preis, 40 000 Mark);

> Ideen zu einer neuartigen, kosten- und raumsparenden Schrankbauweise von Waldemar Rothe, Minden (zweiter Preis, 32 000 Mark);

> ein futuristischer Schreibtisch ("Jobpit") von Gerhard Beigel und Mitarbeitern, München (dritter Preis, 24 000 Mark).

Am ehesten realisierbar scheint der (nach dem Jury-Urteil) »ingeniöse Schrank-Vorschlag aus Minden. Der Rothe-Schrank aus tiefgezogenem Kunststoff würde sich durch besonders einfache Fertigung, geringe Werkstoffkosten, Zerlegbarkeit, geringes Transportgewicht (25 Kilogramm) und einfache Montage (fünf bis acht Minuten) auszeichnen.

Zukunftsweisend wirkt demgegenüber das Ton- und Bildmöbel des (gegenwärtig in Finnland arbeitenden) Jung-Designers Gölzer, das nach seiner Ansicht »im Jahre 2000 zur selbstverständlichen Ausstattung eines jeden Haushalts gehören« könnte. Die Apparatur, die auf fahrbarem Stahlgestell montiert ist, soll dereinst in Kompaktbauweise vereinen: Radio- und TV-Empfangsteil, Verstärker, Stereo-Lautsprecher (die nur bei Bedarf zur Seite ausgeschwenkt werden), Bildschirm, Diaprojektor, Filmprojektor, Projektionsschirm, Mikrophon sowie Ton- und TV-Magnetband. Die Heimtruhe der Zukunft würde fast einen Elektronik-Ingenieur abendfüllend beschäftigen können, etwa vermittels folgender Kombinationen: »Fernsehempfang mit stereophoner Tonwiedergabe, gleichzeitig Aufzeichnung einer Rundfunksendung auf Band -- Wiedergabe einer Bandkonserve, gleichzeitig Aufzeichnung einer Rundfunk- oder Fernsehsendung auf Band -- tonbandgesteuerte Diaprojektion auf Mattscheibe, gleichzeitige Filmprojektion auf Leinwand«.

Eher einem Kommandopult als einem Schreibtisch ähnelt auch der »Jobpit«. Beigel und sein Design-Team gingen davon aus, daß die Büroarbeit im Jahr 2000 auf »Ablesen eines Bildschirms, Sprechen und Tastendrücken« reduziert sein werde.

Beigels Büromensch sitzt oder steht

Als Kuriosum tat die Jury des Holzäpfel-Wettbewerbs einstweilen einen Vorschlag ab, den italienische Entwerfer eingereicht hatten: einen nach Sattelart geformten Sitz namens »Fisi«, bei dem ein Teil des Körpergewichts auf beiderseitigen Kniekissen ruht. Nach Meinung der Erfinder erhöht »Fisi« das physische Wohlbefinden, namentlich weil er »die Leberlinien-Pressung ausschließt«. Gewisse Bedenken wurden von den Italienern ausgeräumt: »Anfänglich sind Damen etwas widerstrebender als Herren, wenn sie auf dem Fisi Platz nehmen sollen. Denn ihr Instinkt sagt ihnen, ihre Beine nicht zu öffnen ... Wenn sie jedoch einmal sitzen, scheint es ihnen mehr Spaß als den Männern zu machen ...«

Die vollkommene Sitz-Freude indes stellte ein Entwurf in Aussicht, den der Wiener Diplom-Ingenieur Laurids Ortner einsandte: der sogenannte Mind Expander, eine »Vorrichtung zur Bewußtseinserweiterung«.

Der Supersessel bietet einen Doppelschalensitz aus Plastik sowie eine aufblasbare, bunt bemalte PVC-Haube (Zusatzgeräte: Farbglasbrillen und Mini-Tonbandkoffer) und gewährt nach Ansicht des Entwerfers ähnliche Wonnen wie ein LSD-Rausch: »Sie fliegen ohne Flügel, Ihr Kopf wird sehr klar. Alles wird fließend, ruhig, hell ...« Ferner, um eine Himmelssphäre höher: »Ein Mädchen rutscht über die Rampe zu dir und sagt 'waaaoo'. Sie ist hübsch und hat den Rock ziemlich weit oben ... du hast Sehnsucht.«

Büromöbel-Fabrikant Holzäpfel mochte sich weder beim »Mind Expander« noch beim »Fisi Chair« zum Ankauf entschließen. Ausschließen aber will er solche Sitz-Zukünfte offenbar doch nicht: Der erfolgreiche Schwabe sicherte sich für beide Entwürfe die Option.

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