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KUNST Also subtil

Ein Ahnherr für die Postmoderne? Nürnberg huldigt dem vor 400 Jahren gestorbenen Goldschmied Wenzel Jamnitzer, der Blumen-Abgüsse verwendete und einen Kaiser-Brunnen mit Musik erbaute. *
• aus DER SPIEGEL 29/1985
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Die »Schöne Silber vergulte Credentz«, die ein Nürnberger Goldschmied 1549 dem Rat der Stadt in Rechnung stellte (1228 Gulden, 10 Schillinge), ist, ohne Übertreibung, »auffs herrlichst gemacht«.

Das Prunkgeschirr, eine von der personifizierten Mutter Erde getragene, von einem Kunst-Blumenstrauß überhöhte Fruchtschale, läßt an praktischen Gebrauch kaum denken. Mehr als reich gegliedert, mit Zier- und Naturformen übersät, im Glanz des edlen Metalls und im Schein einer allegorischen Bedeutung, so stellt es sich - derzeit im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum - geradewegs als ein Hauptwerk deutscher Kunst aus seiner Zeit dar.

Denn das gehört zu den Thesen einer ebenso prächtigen wie anspruchsvollen Ausstellung, _("Wenzel Jamnitzer und die Nürnberger ) _(Goldschmiedekunst 1500-1700«. Bis 15. ) _(September. Katalog 532 Seiten; 48 Mark. )

in deren Mittelpunkt dieser (nach einem späteren Besitzer so genannte) »Merkelsche Tafelaufsatz« jetzt steht: Im Verlauf des 16. Jahrhunderts, nachdem der Maler-Graphiker Albrecht Dürer und Bildhauer wie Veit Stoß Kunst-Maßstäbe gesetzt hatten, übernahmen in Deutschland, besonders in der Freien Reichsstadt Nürnberg, die Goldschmiede die Führung und hielten noch lange ein hohes Niveau. Beherrschende Figur unter ihnen: der Tafelaufsatz-Schöpfer Wenzel Jamnitzer.

Jamnitzer (1508 bis 1585), dessen 400. Todestag den Ausstellungstermin bestimmt hat, war in mehrfacher Hinsicht ein Repräsentant seines Berufsstandes in seiner Zeit.

Er bewies in protestantischem Milieu, daß auch nach dem Wegfall kirchlicher Aufträge Kunst-Handwerk noch einträglich sein konnte, und belieferte Großbürger, Fürsten und Kaiser. Er dirigierte, als Glied einer verzweigten Goldschmiede-Sippe, einen differenzierten Produktionsbetrieb mit Familienangehörigen und fremden Zulieferern und erfand eine Maschine zum Prägen von Ornamenten. Er verband überquellende Erfindungsgabe fürs Künstliche mit ausgeprägtem Natursinn, und er tat sich mit einer Perspektivlehre als gebildeter, spekulativer Kopf hervor.

In der Nürnberger Großausstellung (einschließlich Medaillen, Porträts und

Archivalien 800 Katalognummern) beweisen 16 Goldschmiedearbeiten, 14 Entwurfszeichnungen, zwei Radierungen, dazu Modelle und Abgüsse aus seiner Werkstatt sowie das große Perspektiv-Buch, Jamnitzers Vielseitigkeit und künstlerischen Rang. Entscheidende Leihgaben aus Dresden, Wien, München und Amsterdam sind hier erstmals und sicher unwiederholbar zusammen. Daß ein so zerbrechliches Gebilde wie der Merkelsche Tafelaufsatz das Amsterdamer Rijksmuseum verlassen durfte, ist eine Sensation für sich.

Dieses »ganz neuartige, unvergleichliche Kunstwerk, für das es kein Vorbild gab« (Ausstellungsmacher Klaus Pechstein), zeigt beispielhaft, wohin nürnbergisches Meistertum eine Generation nach Dürer drängte: zur Verquickung architektonischer Motive mit Figurenplastik und illusionistischer Naturnachahmung en detail.

Das ein Meter hohe Stück, aufgebaut etwa wie ein Prachtbrunnen, ersetzt die tragende Säule durch eine weibliche Gestalt (Mutter Erde), zu der sich auch ein Holzmodell erhalten hat. Das sockelartige Felsmassiv aber, auf dem sie steht, ist von feingliedrigen Pflanzen bewachsen, wie sie ähnlich auch als Strauß in der das Ganze bekrönenden Vase stehen.

»Blättlein und Kräutlein also subtil und dünn, daß sie auch ein Anblasen wehig macht« - für die Herstellung solcher, schon von Zeitgenossen bestaunter Wunderdinge gab es ein überzeugendes Rezept.

Der Goldschmied war nicht darauf angewiesen, feinstes Blattwerk etwa aus Silberblech auszuschneiden, was freilich auch geschah. Vielmehr konnte er Blumen und Kräuter, ebenso wie kleine Tiere vom Käfer bis zur Kröte, unmittelbar abgießen (oder von Spezialisten abgießen lassen): Nach dem Prinzip der »verlorenen Form« wurde das Natur-Ding, wie sonst ein Wachsmodell, ausgebrannt und vom flüssigen Metall stellvertretend nachgebildet.

Damit erscheint jene Welt der Kleinlebewesen, die Dürer sich als Zeichner erschlossen hatte, nicht mehr - umgesetzt durch Auge und Hand - in zweidimensionaler Darstellung, sondern faksimile reproduziert als greifbare Realität. Und auf Jamnitzers großer Entwurfszeichnung ("Visierung") zum Merkelschen Tafelaufsatz zeigen sich die Pflanzen nebst der allegorischen Frauenfigur obendrein noch wirklichkeitsgetreu eingefärbt.

Am ausgeführten Original sind nur noch Farbreste zu entdecken. Aber selbst wenn die Illusion nicht durch Metallglanz gestört würde: das ganze Goldschmiedewerk müßte betont künstlich und zusammengestückt wirken. Natur ist da bloß als Dekor, als Versatzstück und Zitat willkommen.

Beliebiger Zugriff auf jederlei Formengut - kein Wunder, daß gerade das historisierende neunzehnte Jahrhundert beim sechzehnten, der Epoche von Spätrenaissance und Manierismus, reiche Anregungen gefunden hat.

Heute läßt sich (obwohl der Museums-Rückblick wahrhaftig keine aktualisierende Rechtfertigung nötig hat) eine ähnliche Wahlverwandtschaft behaupten: Ein »postmodernes«, jedem Purismus entgegengesetztes Stilgefühl kann auch wieder Vorlieben für die Zeit Jamnitzers und für ihn, ihre Leitfigur, befördern.

Er, das ist über möglichen Vorbehalten nicht zu vergessen, beherrschte seine Profession souverän in diversen Sparten. Ein Porträt, das der in Nürnberg ansässige Niederländer Nicolas Neufchatel um 1562 von ihm gemalt hat, zeigt ihn als würdigen Handwerker-Gelehrten: zugleich mit dem Zirkel sowie einem Meß- und Eichstab hantierend, die Zeichnung für eine Neptun-Statuette und auch das fertige Bildwerk vor sich auf dem Tisch, dazu eine Sanduhr und ein Buch. In einer Wandnische aber steht ein silberner Blumenstrauß, wie der auf dem Merkelschen Tafelaufsatz.

Auf den kommt jede Jamnitzer-Betrachtung unvermeidlich immer wieder zurück. Das Schicksal des Luxusgeräts

beleuchtet auch politische Hintergründe des Nürnberger Kunst-Gewerbes im 16. Jahrhundert.

Die protestantisch gewordene Stadt der Reichskleinodien, umsichtig darauf bedacht, sich auch mit den katholischen Habsburger-Kaisern gutzustellen, hatte den Tafelaufsatz als Gastgeschenk für Karl V. oder dessen Sohn und vermuteten Nachfolger Philipp II. machen lassen. Nur kam dann weder der eine noch der andere (der bloß ein Teil-Erbe antrat) jemals mehr vorbei. Als kostbarer Ladenhüter ging Jamnitzers Werk ins städtische Ratssilber ein und verblieb da bis zum Ende des alten Reichs und der Nürnberger Reichsunmittelbarkeit 1806.

Kaiser Maximilian II. hingegen dürfte 1570 in Nürnberg als diplomatisch geschickte Huldigung einen Jamnitzer-Prachtpokal entgegengenommen haben, auf dessen Deckel dem humanistischtoleranten Herrscher ein Miniatur-Denkmal gesetzt ist.

Schon zuvor hatte er auch direkt bei dem Goldschmied geordert - dessen größtes Werk, ein etwa drei Meter hohes vielteiliges Brunnenmonument, das Jamnitzer dann erst 1578 an den nächsten Kaiser, Rudolf II., liefern konnte. Im 18. Jahrhundert wurden die Silberteile eingeschmolzen.

Erhalten haben sich, da aus Bronze, vier schlanke Aktfiguren - Verkörperungen der Jahreszeiten und wahrscheinlich Zulieferungen des Bildhauers Johann Gregor van der Schardt. Ursprünglich, so überliefert eine (vielleicht von Jamnitzer selbst verfaßte) Beschreibung, trugen sie auf ihren Köpfen das Gebälk eines Tempels, der den Unterbau des Brunnens bildete. Der war »nach gestalt einer keiserlichen cron formiret«, versetzte den erlauchten Auftraggeber zwischen die Weltherrscher Ninus, Cyrus und Alexander, führte den Lauf der Gestirne vor und funktionierte auch als wasserbetriebener Musikautomat.

Von der Kunst zur Kuriosität und zum Spielzeug scheint es in der Nürnberger Ausstellung oft nur ein Schritt zu sein - bei Wenzel Jamnitzer, aber erst recht bei seinen Zeitgenossen und Nachfolgern. Es gibt Humpen, die wie Eulen, Laternen oder Mörser aussehen, einem »Jungfernbecher« trank man aus dem Rock, ein Kriegselefant spendete Rosenwasser, und ein silbernes »Räuchergefäß in Form einer Burg« konnte, von unten angefacht, aus allen Ritzen qualmen.

Der Ernst des Metiers geriet darüber offenbar nicht in Vergessenheit. Goldschmied Christoph Jamnitzer, ein Enkel Wenzels und ähnlich vielseitig wie sein Großvater, tat sich um 1600 als »Initiator der Barockkunst in Nürnberg« (Pechstein) hervor. Auf einer Zeichnung beschwor er einen starken mythischen Helfer für seinesgleichen. Mit einer gewaltigen Keule tötet da der Halbgott Herakles »Neid und Unwissenheit als Widersacher der Kunst«.

»Wenzel Jamnitzer und die Nürnberger Goldschmiedekunst 1500-1700«.Bis 15. September. Katalog 532 Seiten; 48 Mark.

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