Alte Lust - DER SPIEGEL
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SCHRIFTSTELLER / EUGÉNE SUE Alte Lust

• aus DER SPIEGEL 38/1970
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Selbstverständlich: Heute liest niemand mehr Sue«, so schrieb Georg Lukács in einem Beitrag zur Geschichte der Ästhetik -- 1945.

Heute, 25 Jahre danach, soll Lukács widerlegt werden: Der Münchner Hanser-Verlag hat das Hauptwerk des französischen Schriftstellers Eugène Sue (1803 bis 1857), den Roman »Die Geheimnisse von Paris«, in einer neuen Übersetzung herausgebracht und hofft nun, daß Sue wieder -- und nicht zu knapp -- seine Leser findet*.

Das einst überaus erfolgreiche, dann lange unbeachtete Werk eröffnet eine neue Hanser-Reihe, die »Bibliothek der Abenteuer, Geheimnisse und Entdeckungen«, und es verdankt seine Ausgrabung -- wie jene »Bibliothek« insgesamt ihre Begründung -- nicht zuletzt gewissen Mangelerscheinungen der modernen Literatur.

»Ein Lesevergnügen ist verlorengegangen: die alte, ungebrochene Schmökerlust«, so umschreibt eine Hanser-Werbebroschüre die Situation: »Die Entführung des Lesers durch das spannende Buch -- sie glückt nur noch selten.« Diesen Notstand zu beheben, hat Hanser also weit zurückgegriffen, zunächst auf Sue und auf den Roman »Das Geisterschiff oder Der fliegende Holländer« des britischen Kapitäns Frederick Marryat (1792 bis 1848).

Diese Bemühungen um die Wiederentdeckung von spannenden Antiquitäten sind allerdings so neu- und einzigartig auch wieder nicht.

Beflügelt vom »Schmökerlust«-Manko der Literatur-Moderne und von der zuerst ironisch, neuerdings auch ernsthaft-theoretisch begründeten Aufwertung der Trivialliteratur, haben deutsche Verlage in den letzten Jahren schon Wilkie Collins und Emile Gaboriau, Jules Verne und Karl Mays »Waidröschen« wieder hervorgeholt. Hanser selbst hat sich bereits mit seiner »Bibliotheca Dracula« einschlägig verdient gemacht. Und gerade jetzt setzt Diogenes seine »Sammlung Klassische Abenteuer« mit dem Roman »Sie« des englischen Abenteuer-Klassikers Sir Henry Rider Haggard fort, gräbt Bärmeier & Nikel die (freilich schon neuzeitlicheren) Tarzan-Schwarten von Edgar Rice Burroughs aus.

Mit Eugène Sues »Geheimnissen von Paris« kommt nun freilich ein besonders literaturgeschichtsträchtiger Schmöker wieder ans Licht.

Der Verfasser, wohlhabender Pariser Arzt-Sohn und Patenkind der Kaiserin Joséphine, hatte zunächst Medizin studiert, mit 26 Jahren jedoch zu schreiben begonnen, Den ganz gro-

* Eugène Sue: »Die Geheimnisse von Paris«. Übersetzt und bearbeitet von Bernhard Jolles. Hanser Verlag, München; 892 Seiten; 19,80 Mark.

ßen Coup landete er erst 1842 mit den »Mystères de Paris": Das als unterhaltsam-sozialkritische Schilderung der Pariser Armen- und Unterwelt konzipierte Werk erschien als einer der ersten Fortsetzungsromane in der Pariser Tageszeitung »Journal des Débats« und machte Sue zu einem der populärsten Autoren seiner Zeit.

Zwei Jahre lang, so berichten die Nachwort-Autoren der Hanser-Ausgabe, Norbert Miller und Karl Riha, war allmorgendlich nach Auslieferung des »Journal des Dèbats« für eine Stunde »an geregelte Arbeit im Parlament so wenig zu denken wie bei der Müllabfuhr«. Tout Paris verschlang die »Geheimnisse«, und in der Provinz »pflegten ganze Dorfschaften dem Briefträger entgegenzugehen«, der die neue »Débats«-Nummer brachte, und sich die Romanfortsetzung dann vom Dorfschulmeister vorlesen zu lassen. Für den Roman wurde mit Plakaten geworben.

Dabei lag das Erfolgsgeheimnis der »Geheimnisse« wohl nicht einmal vorwiegend in der reißerischen Handlung dieses Bestsellers.

Inkognito spaziert in Sues Roman ein Großherzog Rudolf von Gerolstein durch die verrufensten Gassen von Paris. Er hat Bärenkräfte in den zarten Händen und sorgt -- ein deutscher Gott in Frankreich -- für Recht und Ordnung: So rettet er eine schöne Unschuld namens Marie vor einem brutalen »Schurimann« (Rotwelsch: Messerstecher), der mit dem Mädchen gerade »Gefinkel schwächen« (Branntwein trinken) will. Rudolf verdrischt den Schurimann so lange, bis dieser sich ihm unterwirft; dann schwächen alle drei gemeinsam Gefinkel,

Rudolf und Marie müssen unwahrscheinlich schreckliche Gefahren und schrecklich unwahrscheinliche Zwischenfälle überstehen. Der Edelmann wird halbtot geschlagen, in finstere Keller gesperrt, von einer heiratswütigen Schottin verfolgt, und beinahe ertrinkt er auch noch in den Pariser Abwässern.

Doch das Gute kommt immer wieder hoch. Und Rudolf kann weiterhin nach eigenem Ermessen Lohn und Strafe austeilen, hart, aber gerecht: Einem Unhold beispielsweise läßt er zwar die Augen ausstechen, schenkt ihm aber auch einen Batzen Geld, Marie, die Reine, entpuppt sich schließlich als Rudolfs Tochter.

Mehr noch als mit solchen grellen Fabulier-Effekten erregte Sue seine Leser-Zeitgenossen jedoch mit der realistischen Schilderung eines bis dahin literarisch wenig erschlossenen Milieus. »In den »Geheimnissen von Paris'«, so lobte ein zeitgenössischer Kritiker, »tritt der Roman zum ersten Male dem Elend des Volkes nahe.«

Zwischen aller Kolportage formierten sich Sues Pariser Szenen zu einem -- so der Literaturwissenschaftler Volker Klotz -- »lautstarken Aufruf um Mitleid und Verständnis für die im Dunkeln": Sue »prangerte den verrotteten, schädigenden Zustand sozialer Einrichtungen an; die Verhältnisse in den Zuchthäusern, in den Krankenhäusern der Armen. Er befürwortete Arbeitslosenunterstützung und Ehescheidung, er kämpfte gegen Todesstrafe und Schuldgefängnis«.

Ein Zeitgenosse allerdings kritisierte schon damals die Naivität von Sues Mitleidsappellen' die an den tieferen sozialen Ursachen des Elends vorbeigingen, und zerpflückte ironisch die bürgerlich-christliche Moral des edlen Sue-Helden Rudolf: Karl Marx, 1845 in seiner Schrift »Die heilige Familie«.

Die im Dunkeln indes dankten dem Autor der »Geheimnisse von Paris": Nach der Revolution von 1848 wurde Sue mit 130 000 Arbeiterstimmen In die Nationalversammlung gewählt.

Den Erfolg seiner »Mystéres« hat Sue mit späteren Werken nicht mehr erreicht. Aber die literarischen Einflüsse, die von seinem Roman-Bild der Großstadt als Dschungel ausgingen, reichen noch bis zu Alfred Döblins »Berlin Alexanderplatz«.

Anspruchslose Nachahmer dagegen, so berichten die Hanser-Nachwörter, waren bald zur Stelle: Die letzte Fortsetzung der »Mystères de Paris« war kaum erschienen, da kamen schon die Geheimnisse von Rom heraus, die Geheimnisse von Wien und die Geheimnisse von Prag, die Geheimnisse von Berlin und die Geheimnisse von Hamburg. Und auch, beispielsweise, die von Königsberg.

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