THEATER / HAMBURG Alter Glanz
Als Gustaf Gründgens das Deutsche Schauspielhaus leitete, schien die Theaterwelt noch in Ordnung. Seit er fort ist, haben die Hamburger an ihrer einstigen Renommierbühne keine Freude mehr, und die Intendanten kommen und gehen.
Oscar Fritz Schuh, der ab 1963 regierte, zerstritt sich mit mehreren Hauptleuten der Gründgens-Truppe und präsentierte einen Spielplan, der seinen Zuschauern zu grüblerisch war. 1968 zog er sich vorzeitig zurück.
Egon Monk scheiterte nach 74 Tagen und zwei mäßigen Inszenierungen. Er hatte mit seinem politisierenden »Reformtheater« Zuschauer und Akteure so vergrämt, daß sein Rücktrittsgesuch angenommen wurde.
Jetzt gibt auch Hans Lietzau auf -schon nach seiner ersten Spielzeit, nach umstrittenen Premieren und deutlich erkennbarem Zuschauerschwund. »Die Stadt«, sagt er, »scheint im Verhältnis zu ihrem Theater besonders heftig gestört.« 1972 will Lietzau, der allerdings seit langem schon einen Vorvertrag mit Berlin abgeschlossen haben soll, dort Nachfolger Barlogs. werden.
Was nun? Die Hamburger könnten sehr wohl am deutschen Intendantenkarussell mitdrehen; sie könnten beispielsweise beim Stuttgarter Schauspieldirektor Peter Palitzsch, frei ab 1972, anfragen oder einen jungen Mami wie Hans Neuenfels In Erwägung ziehen. Aber das haben sie nicht nötig. Sie haben ja schon einen, der ihnen sehr gut ins Konzept passen würde. Sie haben ihn sogar in ihrer Freien und Hansestadt. Er heißt Boy Gobert.
Gobert, 45, Hamburger Senatorensohn, ist erfolgreicher Intendant der Thalia-Bühne, auf der er seit einem Jahr ein gefälliges Konsumtheater mit modernem Touch darbietet. Er ist ein guter Schauspieler, »kein schlechter Regisseur, und vor allem stimmt bei ihm die Kasse. »Man weiß«, sagt Rudolf Stobbe von der Hamburger SPD, »daß er das Haus ordentlich führen würde.«
Schon glauben die Hamburger in Ihrem Boy Gobert einen neuen Gründgens zu haben, der dem Schauspielhaus, so Kulturexperte Wilhelm Imhoff von der CDU, »seinen alten Glanz« wiedergeben könnte, der mit glücklicher Hand ein Star-Ensemble an sich bindet und der noch dazu keinen »einseitig links ausgerichteten« Spielplan macht, wie es nach Imhoffs Meinung der nun wirklich nicht sehr politische Theatermann Lietzau tat.
Schon bereiten einige hanseatische Kulturpolitiker für Gobert, der sich mit diplomatischen Kommentaren im Hintergrund hält, den Thronsessel eines Generalintendanten, der nicht nur das Schauspielhaus, sondern auch das Thalia-Theater und möglicherweise noch die Kammerspiele beherrschen soll.
Denn die Hamburger, Frau Käte Staudinger vom Aufsichtsrat des Schauspielhauses weiß es, sind »weder an neuen Theatermodellen noch an politischer Umerziehung von der Bühne ·herab interessiert«. Sie stehen mit beiden Beinen fest im 19. Jahrhundert, in dem ihr Schauspielhaus erbaut wurde.
Von jener bundesweiten Diskussion über eine Entflechtung der Spitzenposition des Intendanten, der als einzelner seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen ist, wollen ·sie anscheinend nichts hören, nichts auch von der Mitbestimmung im Theater, nichts von der Frage, was Theater im Jahre 1970 überhaupt noch soll. Sie wollen ihren »alten Glanz«. Sie wollen Boy Gobert.
Zwar hält der FDP-Kultursenator Reinhard Philipp bisher noch allzu hastige Bürger mit Hinweisen auf die In Arbeit befindlichen Strukturanalysen und Rationalisierungsgutachten von vorzeitigen Entscheidungen zurück. Doch gerade ihr Sinn für Zahlen könnte die Hamburger Kaufleute zu einer Vereinigung beider Staatstheater unter einem Generalintendanten Boy Gobert veranlassen:
Die Stadt würde, bei einem Gesamtsubventionsetat von fast 30 Millionen Mark, dann etwa 500 000 Mark mi Jahre einsparen können.