Am Rande
Marx alaaf!
Bevor die großen religiösen und politischen Propheten der Neuzeit die utopische Erlösung oder das ewige Heil versprachen, redeten sie erst mal von den Übeln, die verschwinden müßten. Auch das »Manifest der Kommunistischen Partei« vom Februar 1848 war eine einzige Litanei des Verschwindens. In der geschichtsgläubigen Revolutionsfibel von Karl Marx und Friedrich Engels wird mit allem aufgeräumt, was ist: Kapital, Bourgeoisie, bürgerliche Familie, Privateigentum an Produktionsmitteln, die profitheischende Grundlage der kapitalistischen Ausbeutung.
150 Jahre später ist, fatale Dialektik, alles noch da, und jenes Proletariat, das angeblich nichts zu verlieren hatte als seine »Ketten«, starrt wie gebannt aufs »Glücksrad« von Sat 1 und die neue ARD-Lottofee Franziska Reichenbacher. Nur das »Gespenst des Kommunismus« ist wie vom Erdboden verschwunden.
Sieger der Geschichte aber ist der Kölner Rosenmontagszug, der nicht zufällig im Jubiläumsjahr des Kommunistischen Manifests 175 Jahre alt wird. In Köln manifestiert sich die Ironie der Historie, all die vergeblichen Kämpfe um das Paradies auf Erden und die Zukunft des freien Menschen Jahr für Jahr in einer riesigen, unbeherrschbaren Masse: »lecker Mädsche« und tolle Jecken, unförmige Pappnasen und bunte Knallbonbons. Statt roter Fahnen flickflackspringende Funkenmariechen. Denn die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist - Marx alaaf! - die Geschichte von Lachkrämpfen.
Doch nichts bleibt, wie es ist. Nach dem Rosenmontag kommt der Aschermittwoch. Pappnasen aller Länder, haltet durch! Die nächste Prophezeiung kommt bestimmt.