FILM Anarchie im Eigenheim
Der amerikanische Mann ist, so klagen die Experten, nicht mehr zu retten. Er hat seine Halbwertzeit erreicht: Er wird nicht mehr gebraucht, nicht als Chef der Familie, nicht als Sexpartner, nicht als Samenspender.
Lester Burnham etwa ist Anfang 40 und ein wenig wabbelig am Bauch, lebt irgendwo in einer perfekten Vorstadt, hat eine perfekt ausstaffierte Frau, die besessen eine Karriere als Immobilienmaklerin verfolgt und nicht mehr mit ihm schläft, eine pubertierende Tochter, die Lester für einen ziemlichen Jammerlappen hält und nicht mehr mit ihm spricht, und einen verhassten Angestelltenjob, der vielleicht bald eingespart wird.
Ein bisschen Onanie morgens in der Dusche - das ist das Highlight von Lesters Tag. Von da an geht es abwärts. Er ist ein Wohlstandszombie, ein lebender Toter im Reich der perfekten Vorgärten.
In »American Beauty«, einer zur Kenntlichkeit verzerrten Bestandsaufnahme des Status quo, darf Lester Burnham (Kevin Spacey) seine Geschichte erzählen. Das verschafft diesem Jedermann jenen Hauch einer Individualität, die ihm eigentlich längst abhanden gekommen ist, denn Lester ist ein sarkastischer Beobachter seiner eigenen Lächerlichkeit. Dieser Kunstgriff bewahrt »American Beauty«, gedreht vom gefeierten britischen Theaterregisseur Sam Mendes, 34, vor der Wehleidigkeit, die hinter jeder Ecke seiner Geschichte lauert.
Stattdessen verschärft »American Beauty«, zu Recht für mehrere Oscars im Gespräch, seinen melodramatischen Stoff zur Satire. Wie andere europäische Regisseure vor ihm, etwa Billy Wilder, gewinnt der Debütfilmer Mendes, der sich durch seine spektakulären Theatererfolge mit »Cabaret« und »The Blue Room« bei Steven Spielberg höchstselbst für den Job empfohlen hatte, seinem Kulturschock eine überraschende Seite ab: Was jeder über Amerika zu wissen glaubt, was so vertraut wirkt, dass jedes aufmerksame Hinschauen sich erledigt, das stellt Mendes so lange schärfer, bis selbst die alte, von Schriftstellern wie Filmemachern ausgiebig besungene Mär von der falschen Idylle der Vorstädte wieder erzählenswert wirkt.
Mit hyperrealistisch-eleganter Klarheit gefilmt (Kamera: Conrad Hall), packt »American Beauty« seine Zuschauer am Schlafittchen und schüttelt sie wach nach dem Motto: Du glaubst zwar, du hast das alles schon mal gesehen, aber du irrst dich. Und wenn du nicht aufpasst, dann wirst du eine Geschichte verpassen, die auch dich angeht. Denn der Film, dessen makelloses Drehbuch von einem zuvor fast unbekannten US-Fernsehautor namens Alan Ball stammt, ist auf viel mehr aus als auf eine wohlfeile Entlarvung des »American Way of Life«. Er ist ein wundersames Paradox: eine Gesellschaftssatire, die nach dem Erhabenen strebt.
Als Everyman teilt Lester das Schicksal seiner Babyboomer-Gefährten: Er steckt in der Krise. Wer »American Beauty« als sozialpolitische Fallstudie lesen will, wird sämtliche Thesen versammelt finden, die sich in den vergangenen Jahren in den USA zu populären Weisheiten verfestigt haben: Der Mann ist der fassungslose Verlierer des gesellschaftlichen Umbruchs - weniger Arbeit, weniger Macht, weniger Spermien, dafür selbstsichere Frauen, die sich emanzipiert haben von der Rolle des Schutz und Versorgung heischenden schwachen Geschlechts.
Zuletzt beklagte Susan Faludi diese Entwicklung in ihrem ausladenden Soziogramm »Stiffed - The Betrayal of the American Man«, das vor kurzem die Debatte neu anfachte. In Deutschland unterbreitet der Trend-Hascher Matthias Horx gerade allen »Bunte«-Lesern die unerquickliche Botschaft, dass der Mann im neuen Jahrtausend immer »entbehrlicher« werde.
Auf der Leinwand lesen die Helden zwar nicht Faludi und schon gar nicht Horx, aber sie verzweifeln zuhauf an sich, den Frauen, der Arbeitswelt und anderen Zumutungen der postindustriellen Gegenwart. In »Fight Club« (David Fincher, 1999) versuchte der blasse Yuppie Edward Norton, mit Hilfe blutiger Faustkämpfe der Apathie seiner Wohlstandswelt zu entkommen; in »Happiness« (Todd Solondz, 1998) wollte der teigige Single Philip Seymour Hoffman mit Telefonsex-Terror seiner Einsamkeit entfliehen; in »Celebrity« (Woody Allen, 1998) fiel der stammelnde Gernegroß Kenneth Branagh bei jedem neuen Anlauf, Ruhm und aufregende Frauen zu ergattern, auf die Schnauze; und in »Falling Down« (Joel Schumacher, 1993) lief der verklemmte, von seiner Familie verlassene Arbeitslose Michael Douglas Amok, um die Welt von seiner Wichtigkeit zu überzeugen.
All diese verunsicherten Anti-Helden wehren sich gegen ihre Domestizierung in einer Gesellschaft, deren Anforderungen an die Geschlechter sich verschoben haben. Die Formen des Widerstands, zu denen die emanzipationsgeschädigten Männer greifen, um sich aus ihrer Bredouille zu befreien, stammen aus dem bewährten Fundus von Gewalt und Sexualität, gelegentlich miteinander verquickt zu sexueller Aggressivität.
Auch Lester Burnham aus »American Beauty« passt in diese Reihe. In seinem Fall ist es ein unpassendes, ja verbotenes Begehren, das ihn aus seiner Lethargie wachrüttelt und einen neuen Aufbruch wagen lässt. Er verliebt sich in eine großäugige, flirtwillige Barbie namens Angela (Mena Suvari), mit der seine Tochter befreundet ist. In Lesters Wachträumen räkelt sich Angela lasziv für ihn allein, stets allerdings an Brust und Scham keusch bedeckt von samtig roten Rosenblättern ("American Beauty« ist der Name einer Rosensorte). Die Libido bringt Lester auf Trab - er hat wieder ein Ziel im Leben.
An seinem Arbeitsplatz ertrickst er sich eine fette Abfindung, indem er seinem Chef androht, ihn - ausgerechnet - der sexuellen Belästigung zu bezichtigen, und kauft sich von dem Geld einen Sportwagen, den er schon in seiner Jugend angeschmachtet hatte.
Statt zur Arbeit geht er nun joggen und greift zu den Hanteln, die in der Garage verstauben. Zum Oberarm-Training raucht er Joints und legt Siebziger-Jahre-Rock auf. Beim Abendessen schreit er seine fassungslose Frau an und schmettert, als ihm nicht prompt der Spargel gereicht wird, die Servierplatte an die Wand. Lester macht die Oberflächen kaputt, die ihn kaputtmachen: Anarchie im Eigenheim.
Aber Lesters Idee von Befreiung ist im Grunde kläglich: Weil er keine Ahnung hat, wie er seine Realität sinnvoll neu definieren könnte, flüchtet er zurück in rebellische Teenagerträume und damit in eine Vergangenheit, in der alles einfacher war; und er reaktiviert fast vergessene männliche Sekundärtugenden: schwellenden Bizeps, ungehemmte Triebabfuhr und eine aggressive Herr-im-Haus-Attitüde. Unter dem Deckmantel der Selbstrettung ist Lester Burnham auf dem besten Weg, vom Verlierer zum patriarchalen Ekel zu werden.
Diesen Weg zurück schildert der Film mit einer Ambiguität, die Lesters schweißtreibendes Krisenbewältigungsprogramm einerseits karikiert, ihm aber andererseits nie die Sympathie entzieht. Der Ärmste hat ja das richtige Ziel, suggeriert »American Beauty«, er wählt nur die falschen Mittel. Wo die Suche nach der verlorenen Selbstachtung in schiere Pfaueneitelkeit umschlägt, ist schwer zu sagen.
Die Realität jedenfalls ist zu kompliziert geworden für unbeschwertes Mackertum. Lesters Nachbarn zur Linken sind Jim und Jim, ein schwules Paar, unverschämt happy, fit und beruflich hoch qualifiziert; sein Nachbar zur Rechten ist ein Schwule hassender Marine-Haudegen im Ruhestand, der noch an Schläge, Gott und das Vaterland glaubt, aber längst gesellschaftlich ausgemustert wurde. Zwischen diesen Männertypen, die in »American Beauty« Gartenzaun an Gartenzaun existieren, steht Lester genau in der Mitte, und mit dieser Mitte - und seiner Mittelmäßigkeit - muss er seinen Frieden machen.
Mit diesem Ziel aber gibt sich »American Beauty« nicht zufrieden - täte der Film das, wäre er tatsächlich nicht mehr als eine hochklassige Sozialsatire. Doch während Lester mit sich selbst beschäftigt ist, sieht der Film, dass er sich seine Männlichkeitskrise inmitten einer viel tiefer gehenden Misere leistet: In »American Beauty« leiden alle an einer maßlosen Traurigkeit darüber, dass sie den Sinn ihres Lebens vergessen haben. Manche, wie Lesters Tochter (Thora Birch), ahnen das; andere, wie Lesters Frau (Annette Bening), klammern sich manisch an die materiellen Zeichen ihrer Arriviertheit, um die Trauer von sich fern zu halten. Traurigkeit aber taugt nicht als gesellschaftspolitische Kategorie, sie reicht tiefer in die Seelen der Menschen.
Das waghalsige Ziel von »American Beauty« ist es, diesem Sinnverlust etwas entgegenzusetzen - eine Idee von Erhabenheit, die in einer gottverlassenen Welt zu tragen und zu trösten vermag. Er halte den Film für »unglaublich aufbauend«, sagt Hauptdarsteller Spacey, der dank Lester zum Star geworden ist (siehe Interview).
Als Hoffnungsträger wählt »American Beauty« einen ernsten, erbarmungslos aufrichtigen Nachbarsjungen (Wes Bentley), der einen schwunghaften Drogenhandel betreibt und das Leben durch das Objektiv seiner Videokamera betrachtet. Er ist der Wahrheitssucher des Films, ein klassischer Außenseiter, der genau hinsieht, um im flüchtigen Alltag die verborgenen Spuren des Erhabenen festzuhalten. Lesters Tochter zeigt er den Videoclip einer im Wind tanzenden Plastiktüte als Beispiel dessen, was der Film im vieldeutigen Titel trägt: »American beauty«.
Ein geringerer Film würde sich in dieser Szene der Lächerlichkeit preisgeben, dieser aber überwältigt den Zuschauer mit seinem Glauben an die Kraft des Schönen. Es ist die uralte Botschaft des Filmemachens, die »American Beauty« als einzige Rettung anbietet: Gehet hin und seht. SUSANNE WEINGARTEN