Autoren Angst vor Verfolgung
Heiße Ware konnte der Schriftsteller Peter Härtling, 58, bei einer Hamburger Vertretersitzung des Luchterhand-Verlages im April nicht bieten: Passagen seines neuen »Schubert«-Romans, der Mitte August in den Buchhandel kommt - ein teils sentimentales, teils drastisches Lebensbild des Komponisten, zuweilen triefend von Altmänner-Erotik, etwa wenn der arme Franz in eine »heiße« Hure eindringen muß wie in »eine offene Wunde«.
Wirklich heikel aber war, was aus einer die Lesung beschließenden und wohl auch begießenden Gesprächsrunde bekannt wurde: Der Dichter soll zu später Stunde kräftig vom Leder gezogen und den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, 72, einen »kleinen, miesen Juden« gescholten haben, »der deshalb so laut schreit, weil er unbewußt noch Angst vor Verfolgung hat«.
So meldete es das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt vom 1. Mai. Überschrift: »Verhört?« Die Literaturredakteurin der Wochenzeitung, die an der Gesprächsrunde teilgenommen hatte, bezeugt Härtlings Entgleisung Wort für Wort - bis heute.
Härtling leugnet. Das Sonntagsblatt mußte eine Gegendarstellung drucken: »Ich habe diesen Satz nie gesagt.« Zusätzlich mußte die Zeitung sich verpflichten, die weitere Verbreitung des Diktums zu unterlassen. Härtling hat außerdem Klage auf Widerruf, Schadensersatz und Schmerzensgeld (Streitwert: 70 000 Mark) eingereicht. Am 24. Juli wird beim Hamburger Landgericht darüber mündlich verhandelt.
Der Kläger hat Aussicht auf Erfolg. Außer jener Redakteurin will keiner aus der Runde das Unerhörte vernommen haben. Vier versichern es eidesstattlich, zwei schweigen, einer - der Sohn des Dichters - sagt, es seien wohl Sätze »in dieser Richtung« gefallen, aber nicht aus dem Mund seines Vaters.
Demnach hätte Härtling »diesen Satz« tatsächlich »nie gesagt«. Oder hat er sinngemäß so gegiftet? Gegen einen mächtigen Kritiker, der seit 1969 keines seiner zahlreichen Werke mehr rezensieren mochte?
Härtling selbst erläuterte vorige Woche, er habe in jenem »keineswegs antisemitischen Gespräch« darzulegen versucht, »weshalb der Marcel mitunter so laut ist, so außer sich«; weil er »traumatisch verletzt durch die Verfolgung im Dritten Reich« sei, überschreie er sich immer mal wieder.
Ähnlich hat sich Härtling mittlerweile gegenüber Reich-Ranicki erklärt. Dies habe indes, so sagt der langjährige Literaturchef der FAZ, alles noch schlimmer gemacht: »Härtling disqualifiziert mich als seelisch Kranken, als verfolgten Verfolger«, der seine Kriterien nicht aus der Sache gewinne. Das entspreche einem antisemitischen Klischee.
Der also »Disqualifizierte« wird nun vor allem von einer Sorge geplagt: Wohin bloß mit den vielen, ihm liebevoll gewidmeten Härtling-Büchern? In seinem Wohnzimmerschrank mag er sie nicht mehr dulden.